
Abgesehen vom aeusserst misstrauischen iranischen Grenzbeamten, der mich minutenlang ausmustert und seinen Blick vom Passfoto zu mir hin- und herschwenkt, gestaltet sich die Ausreise aus dem Iran problemlos. Da ich im Transitbereich uebernachten durfte, bin ich einer der ersten und wenigen Passagiere, die 'abgefertigt' werden. Es sind ueberwiegend Lastwagen, welche die Grenze Sarakhs passieren. Zum Glueck habe ich mir wenigstens noch den Bart abrasieren lassen, denn der Beamte ist sich nicht sicher, ob ich tatsaechlich der rechtmaessige Inhaber des Passes bin. Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Immerhin bemerkt der Beamte, dass ich etwas laengere Haare habe und auch eine neue Brille trage. Schliesslich stempelt er aber das Ausreisedatum in meinen Pass und entlaesst mich mit einem 'choda hafez'.
Ich kann nun ueber die Grenzbruecke zum turkmenischen Zoll fahren, wo ich um Jahrzehnte zurueckgeworfern werde. Ein heruntergekommener Raum in einem alten Haus dient als Grenzbereich. Zunaechst trete ich in ein toilettengrosses verrauchtes Buero ein, wo ein Beamter in Gesellschaft zweier Freunde gerade ein paar Samsas (gefuellte Teigtaschen) verspeist. Mein Name und die Passnummer werden zunaechst in ein Milchbuechlein eingetragen. Anschliessend werden mir nebenan 10 Dollar Eintrittsgebuehr abgeknoepft. Nachdem ich ein paar Fackel ausgefuellt habe, halten es die rund 8 Grenzbeamten sowie einige Soldaten mit doofen Safarihueten, die sich gegenseitig auf die Fuesse treten, nicht mehr aus und inspizieren mein Gepaeck. Ich darf saemtliche Packtaschen auf einem grossen Holztisch ausleeren. Ich spiele das Spiel mit und nutze die Gelegenheit, um meine Packordnung unter die Lupe zu nehmen. Sobald eine Packtasche kontrolliert worden ist, nehme ich mir reichlich Zeit, um meine Ausruestung sorgfaeltig zu versorgen. Irgendwann finden sie meinen MP3-Player. Ein hoeherer Beamter vollfuehrt fast Freudenspruenge, als er turkmenische Musik aus dem High-Tech-Geraet vernimmt. Zu meinem Erstaunen gibt die Reiseapotheke zu keinen Diskussionen Anlass. Nach einer Stunde ist die Neugier und Langeweile der Grenzbeamten gestillt und bei der sengenden Mittagshitze kann ich meine Fahrt durch Turkmenistan endlich starten.
5-Tage-Rennen durch Turkmenistan
Zwei Dinge fallen mir in Turkmenistan, stellvertretend fuer ganz Zentralasien, auf: die Goldzaehne der Einwohner und die "gazly suv"-Staende, in denen man sich mit Sprudelwasser und Sirup erfrischen kann. Turkmenistan, das vom Praesidenten Saparmurat Nyiazov - genannt Turkmenbashi (Vater der Turkmenen) - mit eiserner Faust regiert wird, ist touristisch einer der unzulaenglichsten Staaten. Touristenvisas gibt es nur fuer 10 Tage, einschliesslich einer Ueberwachungsperson und vorgegebener Reiseroute. Mehr Bewegungsfreiheit hat man mit einem fuenftaegigen Transitvisa. Allerdings mutiert diese zu einem 5-Tage-Rennen durch die Karakum-Wueste. 500 Kilometer in etwas mehr als 4 Tagen sind fuer einen vollbeladenen Radfahrer knapp bemessen. Von anderen Tourenfahrern wusste ich, dass ein hartnaeckiger Nordost-Wind einem das Leben schwer machen kann und manche auf einen Truck aufsteigen mussten. Was wird mich erwarten?
Der leichte Gegenwind stoert mich auf meinen ersten 90 Kilometern - einer Abkuerzung - noch nicht gross. Vielmehr ist es die ueppige Hitze und der Mangel an frischem Wasser, die an meinen Kraeften zehren. Die Strasse ist in einem derart schlechten Zustand, dass ich den ganzen Tag nur einer Handvoll Autos begegne. Gegen den spaeten Nachmittag wird die Landschaft merklich gruener - das Resultat eines grossangelegten Bewaesserungssystems. Ich kann bei freundlichen jungen Turkmenen in ihrem Hof uebernachten. Auf einem mit Teppichen ausgelegten Holzgestellen essen wir zusammen und werden von den Muecken fast aufgefressen. Aus dem alten Kamaz-Lastwagen laeuft turkmenische Popmusik. Dank meines Phrase-Books kann ich mich einigermassen verstaendigen. Anschliessend fliehen wir vor den Muecken und legen uns auf dem Dach des Hofgutes schlafen. In der Nacht erschrecke ich: es donnert und sturmartige Boeen reissen uns die Decken fast weg. Am naechsten Morgen bin ich erstaunt, als einige Tropfen vom wolkenbedeckten Himmel fallen.
Die naechsten drei Tage werden zumeist wolkenverhangen sein, sodass der Wind abdreht und mir zur Seite steht. Mit leichtem Rueckenwind fahre ich an drei Tagen je 130 Kilometer. Die Landschaft ist zwar eintoenig, durch das Wetterglueck bedingt geniesse ich aber die Fahrt. Die hauefigen Kontrollen durch junge Polizisten sind harmlos. Ein besonders stolzer Gockel steigt sogar auf mein Rad, tritt gleich mal kraeftig in die Pedale, kann das Gleichgewicht des schweren Gefahrts nicht mehr halten und fliegt prompt auf die Strasse.
Alle 50-70 Kilometer findet sich in der Wueste eine kleine Ortschaft mit genau einer Chayhane (Teehaus), in welcher ein Verpflegungspause zwingend ist. Und waehrend man dann seine Laghman (Nudelneintopf) verspeist, wird man meist gebeten, sich wie alle anderen Velofahrer ebenfalls in einem Guest-Book einzutragen. Viele Namen sind mir bekannt und manche sind mir bereits entgegengefahren. Einige beklagen sich ueber den Wind und wenige sind am letzten Tag vor Ablauf des Visums noch knapp 100 Kilometer von der Grenze entfernt ! Hier in Turkmenistan kann ich endlich auch richtige Kamelherden beobachten. Am vierten Tag treffe ich am spaeten Nachmittag bereits in Turkmenabat unweit der usbekischen Grenze ein. Meine Hoffnung, mir rasch ein guenstiges Zimmer zu finden und die Stadt zu geniessen, muss ich irgendwann mal begraben. Die Stadt verwirrt mich: sie hat kein richtiges Zentrum, die Strassen sind kilometerlang und sehr breit. Ich fahre den gleichen Boulevard einige Male hin und her. Mit Hilfe eines Taxifahrers finde ich dann endlich das guenstigste Hotel gemaess Reisefuehrer. Dieses hat aber vor kurzem dichtgemacht. Die Suche faengt von vorne an. Kurzum: erst um 22 Uhr habe ich ein Dach ueber den Kopf. Die Restaurants haben bereits geschlossen und so befehle ich einem Taxifahrer, mich irgendwohin zu fahren, wo es etwas Essbares gibt. In einem Hinterhof erhalte ich dann endlich Shashlik (Fleischspiesschen).
Am naechsten Morgen schlafe ich aus und kann dann in Ruhe nochmals durch die Stadt schlendern, welche von monumentalen Statuen und zahlreichen Bildern Turkmenbashis geschmueckt ist. Der Personenkult Turkmenbashis nimmt bizarre Formen an: so soll vor kurzem in der Hauptstadt Ashgabat eine der groessten Moscheen vollendet worden sein. An der Fassade prangen nebst Auszuegen aus dem Koran auch solche aus dem Buch Turkmenbashis "Ruhname" ueber die Geschichte der Turkmenen. Das Buch "Ruhname" ist fuer saemtliche Studenten zur Pflichtlektuere erhoben worden. Turkmenistan verdankt seine Stabilitaet den grossen Erdoel- und Erdgasvorkommen. Ein Liter Benzin kostet kaum 5 Rappen.
Nach Turkmenabat ueberquere ich den Fluss Amu-Darya, in der Antike Oxus genannt. Das Gebiet zwischen den Fluessen Amu-Darya und Syr-Darya wird auch Transoxanien genannt. Die beiden Fluesse speisen den Aral-See. Die groessenwahnsinnigen Kanalprojekte aus Sowjetzeiten zur Bewaesserung der Baumwollfelder haben dem Aralsee fast das gesamte Zuflusswasser genommen. Der See ist innert weniger Jahrzehnte auf einen Bruchteil der urspruenglichen Groesse geschrumpft. Die Fischerei, welche einstmals rund 60'ooo Leute beschaeftigte, ist vollstaendig zum Erliegen gekommen. Das Traurige ist, dass eine der weltweit groessten oekologischen Katastrophen vorhergesehen und in Kauf genommen worden ist.
Im Herzen der Seidenstrasse
In Usbekistan kann ich es endlich ruhiger angehen. In der ersten Ortschaft frage ich nach einer Chayhane. Ein Herr gebietet mir, ihm auf seinem Rad zu folgen. Minuten spaeter gesellen wir uns zu einer rund 50 Kopf starken Bankettmaennergesellschaft. Die Tische sind mit Trauben, Aepfeln, Melonen und allerlei Suessigkeiten reich geschmueckt. Trotz Woerterbuch gelingt es mir nicht, den Anlass fuer das Festessen in Erfahrung zu bringen. Was soll's, das Essen schmeckt vorzueglich. Der Vodka darf bei solchen Gelegenheiten natuerlich nicht fehlen und ich darf mit Uemit, Istan und wie sie alle heissen anstossen. Ein, zwei, am Schluss werden es etwa wohl 8 Schuesseln Vodka sein (alle ex). Mittlerweile habe ich derart heiss, dass ich schweissgebadet bin und meine Kleider am Koerper kleben. Die bekanntesten Italiener in Zentralasien sind hier Adriano Celentano, Toto Cutugno und - wer haette es erahnt? - Michele Placido (der einen Kommissar in einer Mafia-Serie spielt). Bald fange ich an, "Azzurro" zu singen. Zum Glueck befinden sich in der Naehe einige dieser Essgestelle, wo ich meinen Rausch ausschlafen kann. Willkommen in Usbekistan !
Hier in Usbekistan befinden sich zwei glanzvolle Staedte an der Seidenstrasse, welche reich an islamischer Baukunst sind: Buchara und Samarkand. Eng verknuepft mit diesen beiden Staedten sind die Namen Dschingis-Khan und Tamerlan. Der auesserst brutale Mongolenherrscher Dschingis-Khan vernichtete die beiden hochzivilisierten Staedte anfangs des 13. Jahrhunderts. Der Handel auf der Seidenstrasse versiegte. Tamerlan, der rund 150 Jahre spaeter sein Reich mit der gleichen Bestialitaet wie Dschingis-Khan ausweitete, ernannte hingegen Samarkand zu seiner Hauptstadt und liess praechtige Moscheen, Medressen, Mausoleen und Karavansereien errichten.
Das beschauliche Buchara gleicht einem Freilichtmuseum. Allerdings ist es hier ueber 40 Grad heiss, sodass bereits vor Mittag mit dem Sightseeing Ende ist. In Samarkand hingegen ist es merklich "kuehler". Geplant war, von Samarkand aus einige Tage nach Tashkent zu fahren, um dort ein China-Visum zu beantragen. Hier in Dushanbe erhaelt man aber problemlos ein 3-Monats-Visum, sodass ich mich bis zum Beginn des Tadjikistan-Visums am 20. Juli in Samarkand ausruhen kann. Als es mir in Samarkand langsam langweilig wird, sorgt der Diebstahl meines Velos fuer Aufregung.
Bildergalerie
Nach ueber fuenf Monaten "on the road" wird es Zeit fuer eine kleine Dia-Rueckschau. Hier geht es zu den Fotos (anklicken).
27 Juli 2006
Transoxanien - im Herzen der Seidenstrasse
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Maurizio
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17:34
26 Juli 2006
Ausgetraeumt ?
Es ist geschehen, was nicht passieren darf. Eine Horrorvision: mein Velo ist gestohlen worden ! Als ich am Sonntag vor einer Woche in einem Internet-Cafe in Samarkand sitze, ist mein Velo kurzerhand samt Schloss davongetragen worden. Als ich das Lokal verlasse und mein Fahrrad nirgends mehr sehe, stockt mir der Atem. Das darf nicht sein! Meine Reise so abrupt zu Ende? Ich schreie den Besitzer des Cafes an: "Where is my bicycle?" Der grinst nur bloede, laesst seine Goldzaehne glitzern und meint, ich haette doch das Velo lieber ins Lokal reingenommen, ich sei doch selber schuld. Die Polizei will er nicht benachrichtigen. Daraufhin renne ich zum Hotel zurueck und zusammen mit dem herzensguten Mr. Bahodir des Bred und Breakfast, wo ich lebe, gehen wir zur Polizei. Bis zum Vormittag wird am Tatort fotografiert, einvernommen und protokolliert, als sei ein Kapitalverbrechen passiert. Kurz vor vier Uhr duerfen Mr. Bahodir und ich dann uebermuedet endlich zurueck ins Hotel.
Am naechsten Morgen werde ich zur Polizeistation gefahren. Etwa 60 Polizisten und Helfer haben sich hier eingefunden und werden instruiert, um nach meinem Velo zu fahnden. Ich bin beeindruckt und beruehrt. Dennoch glaube ich nicht, dass mein Velo gefunden wird. Das wird fuer die naechsten Wochen und Monate irgendwo eingelagert, male ich mir aus.
Meine Reise beenden will ich wegen des Diebstahls auf keinen Fall. Mein Usbekistan Visum wird in wenigen Tagen ablaufen und ich kann nicht warten, bis mein Velo gefunden wird. Ein Ersatz muss her, koste es was wolle. Mein anderes Tourenbike express nachschicken zu lassen, kommt mir dann allerdings zu teuer zu stehen. Riesenglueck im Unglueck: Mr. Bahodir besitzt ein altes Mountain Bike, das er von einem franzoesischen Tourenfahrer praktisch geschenkt erhalten hat und das er mir spontan weiterverschenkt. Es sieht nicht schlecht aus und ich koennte mit diesem die Reise wagen. Per SMS teile ich meinem Bruder Pietro mit, welche Teile ich dringend benoetige, um das Rad tourentauglich aufzuruesten. Mein Plan ist, mit dem Bus nach Dushanbe (Tadjikistan) zu fahren, um dort das Paket in Empfang zu nehmen und dann meine Reise mit dem Rad fortzusetzen. Mental stelle ich mich bereits auf das "neue" Giant Bike ein.
Am Tag nach dem Diebstahl kommen der fallfuehrende Untersuchungsbeamte und acht weitere Polizisten vorbei. Sie haben von meinem Ersatz Wind bekommen und wollen den Fall nun kurzerhand abschliessen, andernfalls ich noch drei Wochen in Usbekistan bleiben muesse. Offenbar ist es ihnen nicht recht, ihrem Vorgesetzten eingestehen zu muessen, dass vor dem Hauptplatz ein Tourist beklaut worden ist. Eine neue Version der Sachlage haben sie bereits zusammengeschustert: ich war im Internet-Cafe, als ich rauskam, meinte ich, mein Velo sei gestohlen worden, ich habe die Polizei informiert und erst am naechsten Tag merkte ich, dass ja mein Velo im Hotel war und ich am Vorabend ohne Velo unterwegs war. Glaubwuerdig, nicht ?
Nun wird diese Geschichte stundenlang protokolliert, das neue MTB und der Hof des Hotels ausfuerlich beschrieben und fotografiert. Schliesslich muss ich in eine Videokamera grinsen und in etwa folgendes Statement zum Besten geben: 'Hi, I am Maurizio, I found my bike. Yesterday as I left the Internet-Cafe I thought that my bike was stolen. That was the reason why I called the police. But I forgot that I went out without bike and that I had it in the hotel. It was my mistake and I am very sorry." Genausogut haette ich auch sagen koennen, dass ich vorher Gras geraucht hatte und ich ein voelliger Idiot bin. Als wir fertig bin, darf ich das alte Protokoll zerreissen und verbrennen. Irgendwann kommt dann ein Vorgesetzter und wir alle binden ihm einen Baeren auf. Die Situation ist komisch und ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Mr. Bahodir meint, dass die neun Polizisten Besseres zu tun gehabt haetten, als nur "talk, talk, talk". Es sei gut gewesen, gute Miene zum boesen Spiel zu machen.
Als ich tags darauf daran bin, das alte MTB auf Vordermann zu bringen, kommt ein Juristenpaar aus London, das am Vorabend im Hotel eingetroffen ist, vorbei. Sie haetten vor dem Registan-Platz einen etwa zehnjaehrigen Jungen auf einem Tourenbike fahren gesehen. Der Lenker und der Lowrider (vorderer Gepaecktraeger) seien Ihnen aufgefallen. Sie haetten sich gedacht, dass muesse mein Fahrrad sein, und haben den Jungen gestellt. Ob das wirklich mein Fahrrad sei? Lange bringe ich kein Wort heraus. Ich umarme Sam und Francesca, meine Helden ! Sie haben mein Fahhrrad wiedergefunden ! Der Dieb muss kalte Fuesse erhalten haben und sich des Fahrrades entledigt haben. Der Bub auf dem Velo hat wohl kaum das Velo gestohlen. Abends spendiere ich Vodka, Bier und Suessigkeiten. Nach der emotionalen Achterbahn kann ich das gut gebrauchen !
Mittlerweile hat nun der Untersuchungsbeamte mitbekommen, dass mein Fahrrad aufgetaucht ist. Dumm fuer ihn, dass nicht einer der zahlreichen Polizisten vor dem Registan-Platz den Jungen angehalten hat und er sich den Finderlohn von 300 Dollar ans Bein streichen kann. Er telefoniert mir ins Hotel: "Mr. Maurizio, we have to do the protokoll and the film again, with your real bike!" Zum Glueck kommt er nicht wie versprochen am naechsten Tag vorbei. Ich packe meine Siebensachen und verlasse Samarkand. Meine Vorfreude auf die bevorstehenden Berge im Pamir-Gebirge ist umso groesser.
Danksagung
Meine Lehren habe ich aus diesem Vorfall gezogen. Als ich diese Zeilen in einem Internet-Cafe in Dushanbe schreibe, steht das Velo meiner italienischer Gastgeber, Angestellte einer NGO, neben mir. Insbesondere meinem Bruder Pietro, aber auch meiner Schwester Lola und meiner Freundin Ruth, die zwei Tage lang fuer mich herumgerannt sind, winde ich an dieser Stelle einen Riesenkranz. Zum Glueck konnten wir das Paket nach Dushanbe noch stoppen und das Material beim Veloplus ganz unbuerokratisch umtauschen. Und natuerlich verbeuge ich mich nochmals vor Sam und Francesca fuer ihre Geistesgegenwart und ihre Entschlossenheit. Thanks Sam and Francesca, you are my heroes !
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Maurizio
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16:32
13 Juli 2006
Heisse Fahrt durch die Kavir-Wueste

Nach drei Tagen Sightseeing in Esfahan gilt es, wieder kraeftig in die Pedale zu treten. Die Temperaturen sind im Zentraliran merklich hoeher als im Norden, wo es teils bewoelkt war oder mir einer der seltenen Regenschauer etwas Abkuehlung verschaffte. Noch heisser wird es in der Wuestenstadt Yazd, rund 300 Km suedoestlich von Esfahan, inmitten der Wuesten Dasht-el-Kavir und Dasht-el-Lut gelegen.
Unterwegs kann ich in einer Polizeistation uebernachten. Unterdessen verlieren die Iraner ihren ersten Fusballmatch. 150 Km vor Yazd will eine Karavanserai besichtigt werden. Dort hat sich ein englischer Tourenfahrer, Stevens, eingefunden, der aber in die entgegengesetzte Richtung faehrt. Zusammen schauen wir uns die Karavanserai an, kochen Pasta (mit frischen Pelati und viel Knoblauch) und verbringen den Abend mit einem aelteren Einheimischen und zwei Truckfahrern. Es ist zu heiss, um drinnen zu schlafen und wir machen uns auf dem Teppich vor dem Haus breit. Am naechsten Morgen kann der Wind nur jemandem zur Seite stehen. Ich kann mich gluecklich schaetzen: mit Rueckenwind fliege ich foermlich nach Yazd, dem Zentrum des Zoroastrismus, der wichtigsten Religion im Sassanidenreich (3.-7. Jahrhundert nach Chr.).
Die Altstadt aus Lehmziegeln, die unzaehligen Badgire (Windtuerme) und die kuppelbedeckten Basare laden zum Verweilen ein. Die Hitze zwingt dazu. Ich habe mein Turkmenistan-Visum im Auge und muss nach einem Besichtigungstag das Silk Road Hotel bereits verlassen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Schade, denn dieses Hotel wie auch Yazd sind Hoehepunkte meiner Iranreise. Die Zimmer im Hotel sind wie in einer Karavanserai rund um den rechteckigen schattigen Hof angelegt. Man trifft auf andere Tourenfahrer, isst auf gemuetlichen, mit Teppichen ausgelegten Holzgestellen. Das Beste ist aber das Fruehstuecksbuffet, wo ich am Morgen satte zwei Stunden verbringe.
Ich bin bereit fuer die Wueste! Lieber 20 Liter Wasser zuviel mitnehmen als einen zuwenig, heisst die Devise. Ich fuehre etwa neun Liter mit. Einen Vorgeschmack auf die heissen Temperaturen habe ich auf der Fahrt nach Yazd bereits erhalten. Die Temperaturen klettern nun bis auf 50 Grad. Sobald man den Fahrtwind nicht mehr spuert, ist man pflotschnass vor Schweiss. Das Wasser in meinen Trinkflaschen ist schon nach kurzer Zeit warm, nach Stunden heiss. Das Trinken dient nicht der Erfrischung sondern einzig der Fluessigkeitszufuhr. Bei den Einheimischen informiere ich mich jeweils sehr genau, wo Wasser getankt werden kann. Oftmals sind auf meiner Karte Ortschaften eingetragen, die sich als verlassene Siedlungen entpuppen. Auf der anderen Seite bin ich ueberrascht, mitten in der Wueste auf eine Moschee zu stossen. Zu meiner Freude finde ich hier gekuehltes Trinkwasser a discretion. Herrlich !
Warnschilder weisen auf die Existenz von Kamelen hin. Was ich zu sehen und riechen bekomme, sind einzig Kadaver am Strassenrand. Die Mack-Trucks kennen keine Gnade. Rund 80 Km nordoestlich von Yazd mache ich im Oasendorf Kharanaq Halt, das inmitten einer abwechslungsreichen Gesteins- und Geroellwueste liegt. Die Morgen- und Abendstimmungen verlocken zu hauefigen Foto-Stopps. Was mir in der Tuerkei verwehrt blieb, kann ich hier endlich nachholen: ich kann in einer Karavanserai uebernachten. Die zu Konferenzzwecken sorgfaeltig restaurierte Karavanserai steht mir ganz alleine zur Verfuegung. Nach Kharanaq wird die Landschaft bald flacher, grauer und eintoeniger.
Schuster, bleib bei deinem Leisten !
Tabas ist die groesste Oasenstadt in der Wueste. Zwei Motoradfahrer aus Paris empfehlen mir, dort im Park zu uebernachten. Dass man im Iran in Parks unbehelligt zelten und uebernachten koenne, wurde mir immer wieder von den Einheimischen beteuert. Ich konnte mich jedoch nie mit dem Gedanken anfreunden, inmitten einer Siedlung quasi unter Beobachtung zu zelten. Der abgeschiedene Park in Tabas gefaellt mir aber sehr gut und bevor ich mein Zelt aufschlage, frage ich sicherheitshalber im nahegelegenen Buero des 'Red Crescent', einer Hilfsorganisation nach. Hier wird mir zuerst Tee und Wasser angeboten. Der Manager telefoniert lange rum, meint es sei zu heiss und es habe Muecken. Ich koenne jedoch in einer Mesaferkhune (guesthouse) uebernachten. Ich solle warten, jemand wuerde mich dahin fuehren. Ich bin erstaunt, als ploetzlich ein Polizist auftaucht.
Erst jetzt durchschaue ich die Hinhaltetaktik: der Manager ist der Auffassung, dass mein Visum nicht mehr gueltig sei. Vergebens versuche ich den beiden zu erklaeren, dass ich innert der viermonatigen Gueltigkeitsdauer in den Iran einreisen koenne und ab diesem Zeitpunkt ich 60 Tage im Iran bleiben koenne. Der Polizist ist bereits am Ende seines Lateins. Und so werden zu spaeter Stunde (es ist schon laengst dunkel) der Chief der Foreign Police und ein Regierungsvertreter bestellt. Nach einer Stunde treffen diese ein und wiegeln sofort ab. Das Visum sei in bester Ordnung. Der Coup des Managers hat Schiffbruch erlitten. Ich bin sauer. Es ist neun Uhr, ich habe noch nichts gegessen, habe keine Unterkunft, bin ungeduscht und haette um zehn schlafen wollen. Die einzige Genugtuung die mir verbleibt, ist die Blamage des Managers vor versammelter Beamten-Crew. Und dass ich die aufgetischte Wassermelone praktisch alleine aufgegessen habe. Uebrigens werde ich spaeter in Ferdows bei einer Polizeikontrolle wiederum mit der gleichen Begruendung zurueckbehalten. Die dortigen Polizisten scheinen die Weisheit ebenfalls nicht mit Loeffeln gegessen zu haben. Zum Glueck ist aber die Sachlage nach einer halben Stunde geklaert. 
Waehrend die Hitze noch einigermassen zu ertragen ist, macht mir der Wind arg zu schaffen. Ich starte am Morgen jeweils kurz nach 5 Uhr. Doch bereits um acht, neun Uhr zieht ein kraeftiger Wind auf. Von Nordosten. Jeden Tag. Zermuerbend. Nach ueber einer Woche platzt mir der Kragen und ich werfe mein Rad in den Strassengraben. Anschliessend muss ich mich mit Musik von Lucio Battisti beruhigen: Le biciclette abandonate sopra il prato e poi, noi due distesi all'ombra, un fiore in bocca puo servire, sai... Abends treffe ich auf nette Leute, die mich mich Fruechten, Pistazien und Suessigkeiten verwoehnen. Bei einer gemuetlichen Unterhaltung kann ich mich wieder einfangen.
500 Kilometer nach Yazd wechselt die Wuestenlandschaft zur Steppe. Buesche nehmen an Anzahl und Groesse zu. Vermehrt sind Baumoasen auszumachen. In der Provinz Khorasan dominieren dann Pistazienplantagen. Hier ist auch das Zentrum des Safrans. In Feyzabad, ca 700 Km nordoestlich von Yazd, empfangen mich die Einheimischen besonders herzlich. Ich werde von Toeffahrern und Fahrraedern eskortiert, man will meine Unterschrift, ich erhalte eine Tesbieh (Rosenkranz) aus Kerbala geschenkt, man reicht mir Kirschen und Birnen. Ich bin erstaunt. Eine Dame meint, ich sei letzte Woche im Fernsehen erschienen, ich sei doch der Schweizer, der nach China fahre. Ja das stimmt. Aber vor einer Fernsehkamera habe ich nie gestanden. Hier muss sich es sich offenbar um meinen 'Sitznachbar' Roman handeln, der ebenfalls nach China unterwegs ist.
Spinning-Marathon der anderen Art
Meinen Plan, mir in Mashhad drei Ruhetage zu goennen, muss ich mit der Brechstange durchsetzen. 170 Kilometer fehlen mir am letzten Tag vor Mashhad. Als ich am Morgen um 7 Uhr starte und mir der Wind die Haare nach hinten kaemmt, weiss ich, dass es ein ganz langer Tag wird. Und so nehme ich 11 Fahrstunden lang - der laengste Radeltag bis anhin - den Kampf gegen den Wind auf. Bei Bergabfahrten komme ich kaum mehr als auf 18 Kilometer pro Stunde. Ein Unglueck kommt selten allein und ich darf nach ueber 2000 pannenfreien Kilometern wieder einen Platten flicken. Erst als die Dunkelheit einbricht, legt sich der Wind. Die letzten 35 Kilometer fahre ich auf einer dichtbefahrenen Autobahn. Der halsbrecherische Verkehr in Mashhad nimmt meine Konzentration nochmals gehoerig in Anspruch. Die Suche eines preisguenstigen und akzeptablen Hotelszimmers braucht ebenfalls Zeit. Erst um Mitternacht kann ich mich voellig ausgepumpt und micht leichten Magenkraempfen in einem Hotelzimmer breitmachen. Ich bin zu muede um zu duschen und lege mich gleich hin. 
In Mashhad kontaktiere ich Mohammed, der mir von Hanif aus Tabriz mitten in der Wueste per SMS innert Minuten vermittelt worden ist. An seine Adresse konnte Ruth mir ein Paket mit einer neuen Isomatte nachschicken, da der alten in der heissen Wueste die Luft ausgegangen ist. Mohammed ist ein feiner Mensch. Er bereitet sich auf eine Weltumrundung mit dem Fahrrad vor. Leider fehlt im noch einiges Material. Wer also noch einige alte Velopacktaschen hat, kann ihm diese gerne spenden!
Er fuehrt mich zum Schrein des Imams Reza, des achten shiitischen Imams und des einzigen der insgesamt zwoelf, der im Iran begraben liegt. Obschon der Reisefuehrer davon sprach, dass es Nicht-Muslimen nicht erlaubt sei, den Schrein zu besuchen, meint Mohammed, nur Nicht-Glauebigen sei der Eintritt verwehrt. Er habe schon viele zum Schrein gefuehrt, auch ein schwedisches Bruederpaar. Seit einem Bombenanschlag im Jahre 1997 herrscht eine strenge Personenkontrolle und die Mitnahme von Fotokameras (nicht jedoch von Handys) ist nicht mehr erlaubt. Die Anlage rund um den Schrein ist in den letzten Jahren stark erweitert worden. Ganze Quartiere wurden plattgewalzt, um neue attraktive Plaetze zu schaffen. Vor den alten Moscheen mit den goldenen Iwanen (Boegen) sitzen Abertausende von Glaeubigen auf Teppichen. Die Shiiten bahnen sich einen Weg durch die vollstaendig mit Spiegelkacheln verzierten Raeume, in denen sich die goldigen massiven Tore spiegeln. Es herrscht eine euphorische Stimmung gemischt mit Trauer ueber den Tod des Imams, der von einem Kalifen hinterlistig vergiftet worden ist.
Die letzten zwei Tage bis zur iranischen Grenzstadt Sarakhs kann ich wieder ruhiger angehen. In Sarakhs wird mir der Abschied vom Iran nicht leicht gemacht: mein gebrochener Velostaender wird umsonst geschweisst, ein Coiffeur rasiert mich gratis, in der Backstube wird mir Brot geschenkt und ein Schneider will naeht mir ohne Bezahlung meine ausgeleierten Velohandschuhe. Schliesslich darf ich in der Transitzone der Zollanlage uebernachten, wo sich die Waechter liebevoll um mich kuemmern.
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Maurizio
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14:40
04 Juli 2006
In Buchara angekommen
Ciao! Rechtzeitig zum Italien-Deutschland Halbfinalspiel bin ich in Buchara (Usbekistan) eingetroffen, zeitgleich habe ich mir (wieder einmal) Verdauungsprobleme eingefangen. Dass die meisten Reisenden hier ebenfalls von solchen Reise-Unzulaenglichkeiten berichten, ist ein schwacher Trost. Nach einem halben Kilo Joghurt hat sich mein Magen wieder beruhigt, wie es scheint (remember Hanifs advice: eat a lot of joghurt!). Das Halbfinale habe ich mir nur bis zur Haelfte der Verlaengerung angeschaut. Ich war nach 21 Stunden auf den Beinen zu muede und musste schlafen gehen. Per SMS erhielt ich dann die freudige Nachricht. Grande squadra azzurra ! Forza Italia !
In den naechsten Tagen werde ich einen ausfuerlichen Bericht ueber die Fahrt durch die Wueste Kavir im Iran veroeffentlichen, den ich euch noch schuldig bin. Freut euch auf einige zauberhafte Wuestenimpressionen. Nach der Wueste bin ich dann endlich in Mashhad, dem wichtigsten Pilgerort der Shiiten im Iran, eingetroffen. Ich wollte mir dort unbedingt noch drei Ruhetage goennen und musste zuletzt einen 11-Stunden Marathon (exklusive Platten!) bei einem auesserst hartnaeckigen Gegenwind hinlegen. Danach war ich erledigt. Die Ruhetage waren bitternoetig. Entgegen aller Hinweise in den Reisefuehrern konnte ich als Nicht-Muslim den Schrein des Imams Reza besuchen. Der Begleitung von Mohammed Tajeran und meinem Vollbart sei Dank! Die riesige Anlage rund um den Schrein, die dort versammelten Abertausende von Glaeubigen und die friedliche Stimmung waren eindruecklich. Einziger Wermutstropfen: Fotografieren verboten ! Na ja, ich konnte nicht widerstehen und hab mit der Handykamera trotzdem fleissig geknipst. 
Nach Mashhad stand die bei Velofahrern gefuerchtete Turkmenistan-5-Tage-Transit-Durchquerung bevor. Rund 500 Kilometer in 4 1/2 Tagen eigentlich machbar, wenn da nicht der beruechtigte Nordost-Wind waere, der schon manchen Velofahrer in die Knie bezwungen hat. Wie es mir dabei ergangen ist und wie ich Turkmenistan, das von Turkmenbashi mit eiserner Faust regiert wird, erfahren habe, werde ich euch ebenfalls in einigen Tagen verraten. Und schliesslich gilt es, ueber die ersten Eindruecke in Usbekistan und meinen Vodkasuff bei 40 Grad (Temperatur wohlverstanden) zu berichten. Vielleicht der Grund fuer die Magenrevolte?
Bis bald Maurizio
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Maurizio
at
20:45
10 Juni 2006
Bezauberndes Iran

Salam aleykom ! Seid alle herzlich gegruesst. Es freut mich, dass ihr zwischen den WM-Fussballturnieren noch Zeit findet, in meinen Blog reinzuschauen. Leider habe ich den in den vergangenen Wochen aus verschiedenen Gruenden vernachlaessigt. Einer ist sicher der, dass mein Transitvisum fuer Turkmenistan exakt am 29. Juni beginnt und ich daher mein Stahlross an die Kandare nehmen musste. Waehrend 34 Tagen bin ich an 27 Tagen durchschnittlich 105 Kilometer gefahren und hatte wenig Ruhetage. Nichtsdestotrotz: Iran ist ein wunderbares, sicheres Reiseland !
Am 19. Mai betrete ich nach 5622 Kilometern erstmals iranischen Boden. Ein aufregender Moment. Was wird mich wohl im Iran erwarten, dass in letzter Zeit (und Jahren) von den Amerikanern in ein schlechtes Licht zu ruecken versucht wurde. Zunaechst heisst es, die Trekkinghosen ueber die kurzen Radlerhosen zu ziehen und sich der Kleidervorschrift zu beugen, die sich aber wegen der starken Sonneneinstrahlung als sinnvoll erweist. Nachdem das Einreisedatum vom 30.2.1385 in meinen Reisepass gestempelt worden ist, werde ich flugs zur Tourismusangestellten Ashref beordert, die mir die tuerkisch besiedelte Provinz West-Aserbaidjan naeherbringt. In der hauseigenen Bank am Grenzposten kann 100 Dollars zum bis anhin besten Kurs wechseln.
Nach den wechselhaften Gefuehlen in der Suedost-Tuerkei ist der erste Eindruck vom Iran sehr positiv. Die Staedte sind sauber und gepflegt und wirken nicht so heruntergekommen wie manche Strassenzuege in der Tuerkei. Die Iraner verstehen es, ihre Staedte mit grosszuegig angelegten Baumalleen und Parks einladend zu gestalten. Die braunen Ziegelsteine geben dem Stadtbild ein einheitliches Gepraege.
In den Strassen tumeln sich weisse Paykan-Limousinen, blaue Zamyad und Saipa Lieferwagen, die baerenstarken amerikanischen Mack-Trucks, von denen mir Flammen-Toni bereits erzaehlt hatte und - zu meiner Freude - zahlreiche Peugeot 405. Die Muck-Trucks stammen allesamt aus der Zeit vor der islamischen Revolution von 1979, in der das Pahlavi-Regime von Reza Shah von Ayatollah Khomeini gestuerzt wurde. Auf den 125-er Motorfahrraedern haben vierkoepfige (helmlose) Kleinfamilien ohne weiteres Platz. Die wenigen Hunde erweisen sich hier als zahnlos, liegen sie doch oft plattgewalzt am Strassenrand. Der Verkehr im Iran ist chaotisch, die Fahrweise der Iraner ist respektlos, gefaehrlich und dumm. Im Iran gibt es jaehrlich durchschnittlich 27'000 Verkehrstote. Weltweit einmalig! Fuer Velofahrer sind Rueckspiegel und Helm Pflicht.
Die Leute sind ebenfalls neugierig, jedoch nicht mehr so aufdringlich wie manchmal in der Tuerkei. Sie wirken kultiviert und weisen eine vornehme Zurueckhaltung auf. In den Strassen laufen viel mehr Frauen umher. Gemaess dem Hidjab zwar im vorgeschriebenen Tschador oder Kopftuch, die Atmosphaere wirkt aber durch die Praesenz des weiblichen Geschlechts - auch in Kleinstaedten, in der Nacht und in Restaurants - einiges freundlicher und entspannter. Die jungen Maenner legen grossen Wert auf ihr Aeusseres.
Verdauungsprobleme
In der grenznahen Stadt Maku muss ich mir eingestehen, dass es mit meinem Magen noch immer nicht zum Besten steht. Im Caffenet wird mir eine Suppe serviert, die ich im Hotel wenig spaeter oral ausscheide. In der Nacht dehydriere ich dann vollends. Am Morgen habe ich Muehe aufzustehen, ich bin voellig ausgelaugt, kraftlos. Ich begebe mich in eine Apotheke, wo mir der Englisch-Lehrer Akbal unter die Arme greift und mich zur Konsultation im Spital begleitet. Die nette Aerztin verabreicht mir ein paar Tabletten und raet mir eine Antibiotika-Kur (uebrigens kosten hier die Antibiotika nur noch etwa 20 Rappen!). Danach liege ich praktisch den ganzen Tag im Bett und versuche mich bestmoeglich zu erholen. Saftlos mache ich mich nach diesem Ruhetag wieder auf die Socken. Meine Ernaehrung besteht aus Bananen, Salzbiskuits und stark gezuckertem Tee. Ein Platten (Nummer 11 oder 12 ...) erschwert mir den Start, ein Regenschauer kurz vor Marand daempft die Stimmung zusaetzlich.
Auch im Iran laesst die erste Einladung nicht lange auf sich warten und ich kann bei Eivaz, dem Direktor einer kleinen Schule uebernachten, obschon seine Mutter vor fuenf Tagen verstorben ist. Eivaz wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter in einer kleinen Wohnung. Geschlafen und gegessen wird auf dem Teppich. Eivaz Sympathiebekundungen fuer Bin Laden befremden mich. Ich kann ihm beim Gebet zuschauen, das ab und zu von einigen Gaehnern unterbrochen wird.
Endlich in der Millionenstadt Tabriz angekommen, mache ich in einem Fotogeschaeft Bekanntschaft mit Mehrad, einem Fahrradfreak und Computerprogrammierer. Er hilft mir ein sauberes und guenstiges (will heissen um die umgerechnet 6 Franken) Guesthouse ausfindig zu machen. Noch am gleichen Abend kommt dann Hanif vorbei, mit dem ich bereits vorgaengig E-mail Kontakt hatte und der mir von Rod, dem neuseelaendischen Tourenfahrer, vermittelt worden ist.
Der 22-jaehrige Englisch-Student Hanif hat es sich zur Aufgabe gemacht, Velofahrer durch den Verkehrs- und Geschaeftsdschungel von Tabriz zu lotsen. Generalstabsmaessig hat er alles vorbereitet und seine Liste ist lang: ein lonely planet (fuer etwa 9 Franken zu kaufen...), Iran-Karte auf Farsi, Velo-Ersatzteile, Apotheke, Grundwortschatz auf Farsi, Stadt-Rundgang etc.

Hanif ist ein hellwacher und ehrgeiziger Junge und hat manchen guten Rat zur Seite. Sein Redeschwall will nicht aufhoeren: ... and take care of the Mack-Trucks, they are very dangerous; and I will show you afterwards the Iranian calendar, look at the date when you buy food; and one thing more: take your knife always with you; and I will tell you one thing more: never forget to eat lots of yogurt, it's the insurance for your stomach; and.... Am Morgen fuehrt er mich zu Saed Mohammeds Shop, wo den geplagten Fahrraedern von Tourenfahrern aus aller Welt umsonst ein Service verpasst wird.

Um meinem Magen die noetige Erholung zu goennen, verbringe ich einen weiteren Tag in Tabriz und folge der Einladung von Mehrhad. Die Familie von Mehrhad unterscheidet sich von der einer europaeischen in keiner Weise. Gegessen wird am Tisch. Kopftuecher werden zuhause keine getragen. Die Mutter setzt auf Homoeopathie. Mehrhads Vater, Notar von Beruf, stoert sich am schlechten Ruf, der Iran und den Iranern leider anhaftet. Die Iraner seien Menschen und nicht mit der Regierung und deren Einstellung gleichzusetzen. "Tell them, we are not terrorists!" Viele Iraner distanzieren sich deutlich von der derzeitigen Regierung und scheinen sich mit den zahlreichen Einschraenkungen des taeglichen Lebens arrangiert zu haben. Es gibt im Iran fast alles zu haben, auch Alkohol !

Von Tabriz nach Esfahan
In zwoelf Tagen fuehrt die Reise von Tabriz nach Esfahan im Zentraliran. Ich moechte die Kurden von einer anderen Seite kennenlernen und mache einen Abstecher in die Provinz Kordestan nach Sanandaj (500 Km suedlich von Tabriz). Die Leute wirken hier direkter und noch gastfreundlicher. Alt und jung traegt hier fast durchwegs die traditionelle Bekleidung bestehend aus dem Patol (Schlabberhosen), der Kava (Hemd), dem Pishtwen (Gurt) und einem Klav (Hut). Die Frauen tragen farbige Kopftuecher. Dadurch, dass die iranischen Kurden der shiitischen Glaubensrichtung angehoeren, fuegen sie sich gut in das iranische Voelkergemisch ein. Trotzdem: die Region wird vom Staat vernachlaessigt und ist eine der aermsten. Feldarbeit ist meistens noch reine Handarbeit.

Im kurdischen Divanderreh werde ich beim Kauf von Tomaten von zahlreichen Kurden umzingelt. Osman, ein Bodybuilder mit frappanter Aehnlichkeit zu Eddie Murphie und Amateur-Bergsteiger, fuehrt mich in sein Sanitaer-Geschaeft, das sich im Nu mit Schaulustigen fuellt. "Hadji" David, ein Englischlehrer (schon wieder einer...) laedt mich zu seiner Familie ein, wo ich traditionelles Essen kosten darf. Der Titel "Hadji" verweist auf eine Pilgerreise bzw. einen Pilgerflug nach Mekka. David wie auch zahlreiche Iraner moechten ueber die Laender ihrer Gaeste moeglichst viel erfahren. Ich kann immerhin seine Vorstellung, wonach man in christlichen Kirchen Bier trinken koenne, korrigieren.
Ein paar Mal kann ich in einfachen Bauernhuetten schlafen. Ein anderermal gestaltet sich die Zeltplatzsuche wegen der kahlen Landschaft schwierig und ich frage einen Bauernjungen, ob ich in der saftigen Obstplantage mein Zelt aufstellen kann. Der Junge kann mit der Neuigkeit des aus der Schweiz stammenden Velofahrers nicht hinter dem Berg halten und in der Nacht erhalte ich Besuch von etwa zehn Jugendlichen auf ihren lauten Motorraedern. Sie entfachen ein Feuer, bringen Tee und Essen vorbei. In ihrem kleinen Dorf scheint nicht viel Abwechslung zu herrschen. Es kommt ein wenig Festivalstimmung auf, doch mich wurmt es schon, dass nun jeder weiss, wo ich am zelten bin. Zwei aufgedrehte Jungs beginnen, Heroin zu rauchen. Dies scheint die anderen und sogar einem verheirateten Paar um die Dreissig nicht zu stoeren. Der Heroinkonsum ist weitverbreitet und die Droge gibt es hier spottbillig zu kaufen. Das Paar beruhigt mich. Die Jungs seien alle in Ordnung und ich koenne ungestoert schlafen. Ich koenne auch bei Ihnen uebernachten. Da ich schon muede bin, lehne ich dankend ab (haette ich die Horror-Geschichte von Muradiye gekannt, haette ich natuerlich sofort eingewilligt).
Fahrrad-Begegnungen
Im Iran begegne ich erstmals anderen Tourenfahrern. Ausgangs Tabriz stosse ich auf einen Franzosen, der seit 14 Monaten unterwegs ist. Nach nur 30 Km biegt leider Jean-Francois (Link) nach rechts ab, um in die Tuerkei einzureisen und nach Hause zu fahren. In Khomeyn, der Heimatstadt des gleichnamigen Ayatollahs, spricht man mich auf Hossein Asgary (Link) an, der hier lebt und ebenfalls mit dem Rad um die Erde gereist sein soll. Seine Telefonnummer ist bald ausfindig gemacht. Wir rufen ihn an und in einer Viertelstunde trifft er bereits ein. Er entpuppt sich allerdings als professioneller Rennfahrer des Iranian Cycling Teams. Er nimmt sich Zeit fuer mich, laedt mich zu einem vorzueglichen Kebap ein, erklaert mir sein Training, kauft mir Bananen ein und begleitet mich ein Stueck weit (mit dem Auto). In Golpeyagan spricht mich ein iranischer Tourenfahrer an, der auf dem Weg zur Arbeit ist. In der Fabrik bereitet er mir ein Omelett zu. In Esfahan werde ich spaeter die mutige Bea Trachsel (Link) aus der Schweiz kennenlernen, die alleine mit dem Rad in die Mongolei faehrt.
Esfahan nesf-e jahan - Esfahan ist die halbe Welt

Endlich treffe ich in Esfahan, einem Juwel Persiens, ein. Esfahan weist praechtige Moscheen mit blauen Kuppeln und den unter UNESCO-Schutz stehenden praechtigen Imam-Platz auf. Pittoresk sind ferner die wunderschoenen Bruecken, die Minarette, Medressen und Parkanlagen. Esfahan ist aber auch das Zentrum der Handwerkskunst und den Silberschmieden, Tuchdruckern und Miniatur-Malern kann rings um den Imam-Platz und im Bazar bei der Arbeit zugeschaut werden. Esfahan ist eine wunderschoene Stadt, in der man stundenlang herumspazieren, Tee trinken und die islamische Architektur bewundern kann. Das Timing stimmt und am Flughafen von Esfahan treffe ich auf Traugott Benz, einem in der Naehe von Bern lebenden Bauingenieur. Westlich von Esfahan arbeitet er am groessten Staudamm Irans mit. Der Zufall will es, dass wir fast zeitgleich in Esfahan eintreffen. Zu meiner Erleichterung bringt er mir einen Kilo frischer Diafilme aus der Schweiz mit. Cheili motshakheram!
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Maurizio
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13:00
09 Juni 2006
Gemischte Gefuehle
Das Alleinsein macht mir in den ersten Tagen nach Ruths Abschied zu schaffen. Etwas lustlos gehe ich ans Werk und radle ostwaerts. In Kozluk verbringe ich eine unruhige Nacht in einem Motel, dem Seyit Dinlenme Tesisleri. Die 5 tuerkischen Lira sind noch zuviel fuer dieses Rattenloch. Das Schloss meines Zimmers ist aufgebrochen und so verbarrikadiere ich mein Zimmer wie auch den Nebenraum, von welchem man auf den Balkon gelangen und in mein Zimmer sehen kann. In der Nacht versucht jemand prompt, sich Eingang in das Nebenzimmer zu verschaffen, wodurch ich sofort aufgeweckt werde. Mit einem nagelbeschlagenen Stock - reine Vorsichtsmassnahme - harre ich reglos in meinem Bett aus. Ein Junge schaut aus dem Balkon in mein Zimmer, wird aber von einem anderen zurueckgepfiffen. Zum Glueck passiert aber nichts.
Am naechsten Tag, einem sonnigen Sonntag, besteht die Hauptbeschaeftigung der Kurden darin, am Strassenrand zu picknicken. Fast jede Familie winkt mir zu und will mich zu einem Tee oder Essen einladen. Eine Gruppe, die gerade daran ist, ein geschlachtetes Schaf zu haeuten, ruft mich beim Namen herbei. Abdelkadir, der Cousin vom Grossgrundbesitzer F.T., und weitere bekannte Gesichter haben sich an einem schattigen Platz eingefunden, um die Grillkunst in Reinform zu zelebrieren. Ich komme nicht darum herum, eine laengere Pause einzulegen und - trotz anhaltenden Magenproblemen - vom frischen Kebap zu kosten. 
Die Landschaft verengt sich zu einem Tal, in dem das Militaer in den zahlreichen Wachtuermen ausharrt und - immer noch - auf PKK-Terroristen Ausschau haelt, die ja ueber die hohen Berge trekken koennten. Nach wild Zelten ist mir nicht zumute und so frage ich sicherheitshalber eine Familie, ob ich mein Zelt auf ihrem Grundstueck aufstellen kann. Am naechsten Tag werde ich offenbar von einem Soldaten dabei beobachtet, wie ich von der alpinen Landschaft ein Bild schiesse und werde sofort hinaufbeordert. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich weiterfahre, doch er zeigt mir sein Gewehr und macht unfreundliche Gesten. Es bleibt mir nichts anderes uebrig, als den Hang hinaufzuklettern. Die drei Soldaten wollen nur kurz meinen Pass sehen und bieten mir sofort Ayran und Brot an. Nach einer Weile belangloser Plauderei (ohne heikle Themen anzuschlagen) kann ich meine Fahrt wieder - fuer kurze Zeit unbehelligt - fortsetzen.
In Bitlis werfen einige Buben Steinchen nach mir. Ich zeige Ihnen den Stinkefinger und mache mich aus dem Staub. Unglaublich ! Von solchen Vorfaellen hatte ich zwar schon gehoert, es ist aber trotzdem erschreckend zu erfahren, dass Kinder bereits so boesartig sein koennen. Die Begegnungen mit den Jungen sind hier mehrheitlich muehsam. Bereits als ich mit Ruth unterwegs war, wurden wir in Kleinstaedten von Kindern umzingelt, die ungehalten und forsch auf uns eingeredet haben. Tourist ! Tourist! Einmal laufen mir ein paar Kinder hinterher und einer reisst sogar am Lenker. Das ist zuviel des Guten und ich schreie ihn lauthals an, sodass er ganz bleich wird und zu einer Salzsaeule erstarrt. Zweimal noch werden mir Steine nachgeworfen. Keine gefaehrlichen Situationen. Doch dass sich diese Situationen hier im armen Suedosten der Tuerkei haeufen, wo die Strassen oft nur noch Schotterpisten sind, gibt mir zu denken. Bei Hirtenjungen halte ich nicht mehr an. Sie schreien mich bereits von weitem verzweifelt an, und betteln um 'Pull, Pull' (Geld), Zigaretten oder Streichhoelzern. 
Kurz vor dem Van-See kann ich wieder eine bezaubernde Karavanserai, die Alaman Hani, bewundern. Ich waehle die noerdliche Route dem See entlang mit einzigartigen Blicken auf den 4058 Meter hohen Suephan Dagi. Nordoestlich des Sees wird die Landschaft sehr vulkanisch: Basaltgesteine, Wasserfaelle und kilometergrosse Lavafelder, die in der Naehe des Tenduerek Passes (2644 M.ue.M.) entspringen. Ein Kurde armenischen Urprungs laedt mich zum Tee ein. Er glaubt wohl besonders klug zu sein und bietet mir an, mich mit seinem kleinem Lastwagen fuer 100 tuerkische Lire den (nicht sonderlich anstrengenden) Pass hinaufzuchauffieren. Sehe ich wirklich wie ein Idiot aus? Das er ein teacher sei, kaufe ich ihm nicht ab. Nichtsdestotrotz kann ich ein paar schoene Bilder von seinen drei lieblichen Kindern und sogar von seiner Ehefrau im Schleier knipsen.
Ich fahre an Muradiye, am nordoestlichen Zipfel des Van-Sees, vorbei. Diesen Ort wird ein schweizerisches Paar, das einige Tage spaeter ebenfalls mit dem Fahrrad hier vorbeifahren und in der Umgebung zelten wird, ein Leben lang nicht vergessen. Sie werden in der Nacht von 5 Maennern ueberfallen. Anschliessend wird die Schweizerin unter Waffendrohung vergewaltigt, waehrend der Partner zuschauen muss. Beim Gerichtstermin ist die Bevoelkerung ausser sich und will die fuenf hochgradig Kriminellen lynchen. Solche hoechst grausamen Vorfaelle trueben natuerlich die Freude am Veloreisen. Dennoch waere es falsch, die gesamte Bevoelkerung dafuer verantwortlich zu machen.
In Caldiran, das auf einer kargen Hochebene auf ueber 2000 Metern ueber Meer und in unmittelbarer Naehe zur iranischen Grenze liegt, uebernachte ich in einem guenstigen und sauberen Hotel. Eshref, der nebenan eine Lokanta fuehrt, bereitet mir auf Wunsch hin eine guten Teller Pasta zu. Zusammen mit seinen Freunden verbringe ich den Abend in seinem Lokal. Den Kurden hier geht es wirtschaftlich miserabel. Zudem herrscht ein unwirtliches Klima. Wahrend 5 Monaten im Jahr liegt hier Schnee. Nach dem Tenduerek Pass zeigt sich erstmals der Berg Ararat, an dessen Fusse Dogubayazit (30 Km vor der iranischen Grenze) liegt. Dort bleibe ich einen Tag, goenne mir einen Haarschnitt und eine Rasur bei einem Berber (um nicht allzu hoehlenbewohnermaessig an der iranischen Grenze zu wirken), finde endlich einen passenden Rueckspiegel fuer mein Velo und fahre zum grossartigen Ishak Pasa Palast rauf. Der frisch renovierte İshak Paşa Sarayı wurde im 17. Jahrhundert von einem kurdischen Emir und dessen Sohn erbaut und vereint in einzigartiger Weise armenische, georgische, persische, seldschukische und osmanische Baustile.
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Maurizio
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14:20
20 Mai 2006
Rojbas !
Bei leicht regnerischem Wetter verlassen wir Malatya. Bald hellt es jedoch auf und bei Sonnenschein koennen wir am Ortsausgang von Kale auf einer Terrasse mit wunderbarer Sicht auf den aufgestauten Firat Nehri (Euphrat) und die umliegenden grünbraunen Hügel einen Balik (Fisch) verzehren. Wohlgestaerkt geht es danach über die Brücke, wo uns auf der anderen Seite ein Kommandant der Jandarma `ins Visier genommen` hat und uns vorführen laesst. Er ist freundlich, will sich aus Langeweile die Zeit etwas vertreiben und durchloechert uns mit Fragen. Ein junger Jandarma bringt uns Cay und Wasser, stolpert fast dabei und erntet von seinem Vorgesetzten den Kommentar 'Jandarma!', als sei die Tolpatschigkeit ein Markenzeichen der Jandarmas (etwa vergleichbar mit den Carabinieri in Italien).
In Elazig (100 km oestlich von Malatya) quartieren wir uns in ein leicht schmuddliges Hotel ein und kochen - wie schon oft - im Bad unsere Pasta. Der Duft verstroemt sich im Hotel und der Angestellte klopft schon bald an unserer Tür und sagt etwas von 'Yekmek' (Essen) und zeigt uns eine Kochgelegenheit. Da die Tomatensauce ohnehin bereits gekocht ist, ziehen wir es vor, unser Mahl im Zimmer fertig zu kochen. 
Wir verlassen die fruchtbare Ebene um Elazig und radeln nach einer leichten Steigung dem Hazar See entlang, der einige haessliche unbewohnte Ferienbauten aufzuweisen hat. Nach dem See kommen wir zum Ursprung des Dicle Nehri (Tigris) und geniessen die Fahrt durch das enge Flusstal. Es ist bereits nach 18 Uhr und Maurizio bemerkt einen schleichenden Plattfuss. Da es bald eindunkelt, muss er den Reifen von Zeit zu Zeit aufpumpen, um nicht noch mehr wertvolle Zeit mit der Reparatur zu verlieren. Das Militaer ist in dieser Gegend praesent und patrouilliert mit Jeeps und Panzerwagen - Maschinenpistolen stets einsatzbereit. Wachtürme auf Erhebungen beobachten uns. Die 20 Kilometer bis Ergani wollen wir noch schaffen und so fahren wir in die Nacht hinein.
Um 20.30 Uhr treffen wir dann endlich im rudimentaer beleuchteten Ergani ein, wo zu dieser Tageszeit nur noch Maenner, und dies in Scharen, unterwegs sind. Wir ziehen natuerlich die Aufmerksamkeit auf uns. Ein Junge will uns den Weg zum einzigen Hotel zeigen und führt uns in eine dunkle Gasse. Ein anderer im Anzug kommt herbeigeeilt und gibt uns mit Handzeichen zu verstehen, dass der Junge uns ausrauben wollte. Er zeigt uns schliesslich eine (die einzige...) wenig vertrauenerweckende Unterkunft. Uns ist der Ort nicht ganz geheuer und wir fragen, ob der Platz wirklich sicher sei. Der Herr im Anzug, der eine Art Dorfschützer zu sein scheint und eine Alkoholfahne schwingt, zeigt Maurizio seine Knarre, die er mit sich traegt: 'Polis.'. Er macht die zwei Jungs, die sich um die Herberge kümmern, ganz nervoes. Erst als er sich aus dem Staub gemacht hat, kehrt Ruhe ein. Die zwei netten Jungs bestellen uns Essen und unterstuetzen Maurizio bei der Reparatur seines Plattfusses. Auf die Frage, wer der andere gewesen sei, antworten sie nur 'piss'. Die beiden lassen sich nicht davon abbringen, uns das Essen zu bezahlen (7 türkische Lira), dabei kostet das Zimmer gerade mal doppelt soviel. Bei Tageslicht sieht dann das stark kurdisch besiedelte Ergani einiges freundlicher aus. Mehr als anderswo laufen die Maenner hier mit den traditionellen weiten Schlabberhosen und einem hellen Kopftuch herum. 
Wir steuern Diyarbakir, die Kurdenmetropole an, wo noch vor einigen Wochen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskraeften und Demonstranten stattgefunden haben. Wir sichten einen Migros-Supermarkt und kaufen fast zwei Kilo Müsli ein. In einem Hotelzimmer ganz nach dem Geschmack von Ruth richten wir uns für zwei Tage ein. Mit dem Minibus machen wir einen Abstecher in das malerische Mardin, dessen Post in einem Herrschaftshaus untergebracht ist und der unterbeschaeftigte und gutgelaunte Direktor uns in seinem Büro einen Cay servieren laesst. Das anschliessende Essen in der Lokanta schmeckt zwar vorzüglich, doch unsere Maegen rebellieren und wir müssen dies mit Durchfall bezahlen. Wieder in Diyarbakir, bereits Nacht, will Maurizio seinen Vorrat an Antibiotika aufstocken (das hier - rezeptfrei - etwa nur einen Drittel des schweizerischen Preises kostet!). Waehrend sich Maurizio an der Theke bedienen laesst, wartet Ruth auf einem Stuhl am Eingang der stark frequentierten Apotheke und schreibt - nichts Boeses ahnend - SMS. Ploetzlich schreit Ruth laut auf (als wollte sie einen Koepek erschrecken), Maurizio dreht sich um und rennt zusammen mit einem anderen Kunden los. Doch der Dieb ist weg. Dieser wollte mit einem klassischen Entreissdiebstahl Ruths Handy entwenden. Zum Glück blieb es beim Versuch, denn beim Handgemenge fiel es auf den Boden und der dreiste Dieb musste davon ablassen. Wir kommen mit dem Schrecken davon.
Nur wenige Kilometer nach Diyarbakir kann Maurizio bei einer Wegkreuzung wieder einmal seinen Drahtesel auf den Kopf stellen, seinen zehnten Platten reparieren und gleichzeitig das etwas verknautschte Felgenband auswechseln. Ein etwas penetranter Herr redet dabei ununterbrochen auf uns ein und spricht schliesslich das Zauberwort 'misafir' aus. Sein Cousin faehrt kurze Zeit spaeter in seinem dicken Jeep vorbei und gibt uns zu verstehen, in der naechsten Ortschaft beim groessten Haus am Dorfrand Halt zu machen. Wir fahren entlang saftiger, dunkelgrüner Weizenfelder, die durch Blumenwiesen und Mohnfelder unterbrochen werden. Bald sehen wir das grosse Haus und F.T. kommt uns in seinem Jeep entgegen. Sein Anwesen ist herrschaftlich. Er ist Ingenieur Agronom, Grossgrundbesitzer und offensichtlich wohlhabend. Wir erhalten ein Gaestezimmer, das groesser als die gesamte Wohnung von Ruth ist. Die ganze Familie wird uns vorgestellt. Nach dem Essen verschwinden die Maenner nach unten, wo gepafft wird, Okai 101 gespielt und der Bedienstete Cay serviert. Sobald das Glas Cay leer ist, heisst es in einem leicht strengen Ton: 'Ramazan, Cay!'. F.T. ist wie das ganze Dorf, das im Zuge der Reformen Atatürks umbenannt worden ist, armenischer Abstammung. Als ich das Wort 'armenisch' auf meiner Strassenkarte aufschreibe, streicht F.T. es durch: 'Problem militar'. Am naechsten Morgen tischt uns Ramazan im Garten ein fürstliches Kavalti (Zmorge) auf. Die Magenprobleme bestehen weiter und wir machen in Silvan Halt, wo wir mangels Hotel im 'teachers house' ein Zimmer erhalten. Am naechsten Tag steht uns dann ein sehr schwerer Abschied bevor. Ruth nimmt einen Minibus nach Dyiarbakir und von dort das Flugzeug nach Hause..
Hier in der überwiegend kurdisch besiedelten Teil der Türkei (ca. 12 Millionen Kurden) versuchen wir - soweit die Sprachkenntnisse ausreichen - den Kurden auf den Zahn zu fühlen. Das Laecheln der Kurden verwandelt sich zu einem breiten Grinsen, wenn man sie mit 'Rojbas' begruesst..
In den 80er und 90er Jahren sind im Südosten der Türkei im Krieg zwischen dem Militaer und der kurdischen Arbeiterpartei - der PKK - rund 37,000 Menschen, ganz überwiegend Kurden, ums Leben gekommen. Zahlreiche Kurden sind brutal gefoltert worden, aus ihren Doerfern vertrieben und zwangsumgesiedelt worden. Wie sieht die Situation heute aus ? Misshandlungen und Folter geben gemaess Angaben von amnesty international nach wie vor Anlass zu grosser Sorge. Die Kurden werden ihrer Herkunft wegen benachteiligt und systematisch von gewissen staatlichen Aemtern ausgeschlossen.
Unbefriedigende Menschenrechtslage
Ein 40-jaehriger Iraner kurdischer Herkunft, den wir in einem Internet-Cafe antreffen, verlor in den 80er Jahren beim irakischen Giftgasangriff saemtliche 20 Familienmitglieder auf einen Schlag und lebt seither in Norwegen als Fluechtling. Er ist sichtlich verbittert über die taeglichen Schikanen und Benachteiligungen von Kurden. Die Polizei verweigere den Kurden Empfehlungsschreiben. Der Gebrauch der kurdischen Sprache, des Kurmanci, wird allenfalls geduldet ist aber ansonsten nach wie vor verpoent und hat in der von Atatürk proklamierten türkischen Einheit keinen Platz.
Zwar sind gewisse Verbesserungen im Hinblick auf einen allfaelligen EU-Beitritt zu verzeichnen, doch die halbherzigen Reformen der Regierungen sind Flickwerk geblieben. 1982 ist Kurmanci in der türkischen Verfassung verboten worden. 2002 ist es wieder zugelassen worden. Seit Maerz dieses Jahres dürfen regionale Sender in Kurdisch senden, allerdings nur 45 Minuten pro Tag und maximal 4 Stunden pro Woche, wobei die Beitraege mit türkischen Untertiteln gesendet werden müssen. Kein Wunder, dass die meisten Kurden RojTV (ehemals MedTV bzw. MedyaTV) mit Sitz in Daenemark via Satellit empfangen.
Maurizio erinnert sich an ein Gespraech in Istanbul mit einem 'colonel retraite', dessen Mutter Kurdin war. Auch er erzaehlt über die Benachteiligungen von Kurden. Aus Angst will er ungenannt bleiben und will sich nicht ablichten lassen. Ein Angestellter einer Tankstelle ist offenherzig: in 'Isvicre' (Schweiz) herrsche 'cok democrasi' (viel Demokratie), mehr noch als in Europa. In der Türkei hingegen werden Kurden nach wie vor diskriminiert Einige Kurden ziehen sogar ueber den Staatsgruender Atatuerk her..
In zahlreichen Gespraechen mit Türken wird klar, dass die Idee einer türkischen Einheit tief in den Koepfen sitzt. 'I don't like the curds.' musste sich Maurizio in Westanatolien oft anhoeren. Viele Tuerken raten sogar von Reisen in den Suedosten ab und empfehlen wegen der angeblich zahlreichen Terroristen, lieber den Bus zu nehmen. Ein Lehrer in Silvan meint, dass die Kurden doch zufrieden sein müssten, sie haetten heutzutage Internet. Auf unsere Einwaende, dass erstens nicht alle Kurden Zugang zum Internet haetten und zweitens das Internet einen demokratischen Staat nicht davon entbinde, die Sprachenfreiheit zu gewaehrleisten, will er nicht eingehen. Die Lehrer in Silvan sind jung und stehen mehrheitlich am Anfang ihrer Laufbahn, die im unbeliebten Südosten 'abverdient' werden muss. Dabei wird offenbar auch die Erkenntnis gewonnen - wie ein Lehrer uns mitteilt - dass das kurdische Volk nicht anders sei wie das tuerkische und gleichen Gewohnheiten nachlebt. Derselbe Lehrer bedauert deshalb, dass sich seine (tuerkische) Familie un ihn sorgen wuerde, nur weil er im kurdischen Gebiet unterrichte.
Wir haben den Eindruck erhalten, dass die Türkei die Terroristen-Geschichte aufbauscht, um die augenfaellige Praesenz des immensen Militaers und die damit einhergehende Einschüchterung rechtfertigen zu koennen Trotz dieser Situation sehen die Kurden ihre Lage gegenueber den 80er Jahren als markant verbessert. Sie wirken positiv eingestellt und hoffnungsvoll. Eigentlich ein guter Boden fuer eine solide politische Loesung, die einer Demokratie wuerdig waere..
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Maurizio
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21:21
12 Mai 2006
Als 'misafire' unterwegs
Von Kayseri waere das 90 Kilometer entfernte Pinarbasi gut in einer Tagesetappe zu erreichen gewesen. Die an der Landstrasse gelegene Seldschuken-Karavanserai 'Karatay Hani' aus dem 13. Jahrhundert weckt unsere Neugier. Bei der Einfahrt ins Dorf verheddert sich die Kette von Maurizios Velo derart unglücklich, dass ein laengerer Halt noetig ist, um die Kette aufzubrechen und wieder zu vernieten. Schon nach wenigen Minuten sind wir von den maennlichen Dorfbewohnern jeglichen Alters umzingelt. Für Ruth wird sofort ein Stuhl hergebracht. Maurizio schlaegt die etlichen Ratschlaege der Schaulustigen, die mit Ochsengewalt an der Kette zerren wollen, etwas veraergert in den Wind. Ruth verfolgt gespannt die ganze Szene, und die Heimkehr der Kühe im Hintergrund rundet das Bild ab. Nach getaner (nicht notwendig erfolgreicher!) Arbeit wird Maurizio Tee, Wasser, Seife und ein Handtuch gereicht. Nun koennen wir uns - begleitet von einer riesigen Kinderschar - endlich die wunderschoene Karavanserai zu Gemüte führen. Wir sind danach spaet dran und Eile ist angesagt. Leider hat Maurizio bei der Reparatur übersehen, dass sich zwei, drei Kettenglieder arg verbogen haben und die Kette nun munter über die Zahnkraenze hin und her springt. Nachdem die laedierten Kettenglieder ersetzt sind, fahren wir einige Kilometer, müssen aber wohl oder übel bald Halt machen. Waehrend Maurizio eine stilvolle Übernachtung in der Karavanserai vorzieht (und das Zurückradeln gegen den Wind nicht scheut), setzt sich Ruth mit der Zeltübernachtung hinter einer heruntergekommenen Tankstelle durch. Wir kochen am Eingang der Damentoilette, wo wir von erdnussgrossen Kaefern belaestigt werden. Die freundlichen Angestellten der Petrol Ofisi haben Erbarmen mit uns und wir duerfen uns im Innern aufwaermen.
In Pinarbasi stocken wir unseren Vorrat an Schafskaese auf. Die Stadt liegt bereits auf über 1'500 m.ü.M. Die Strasse steigt nun stetig an. Die weite Landschaft ist eben und karg, im Hintergrund sind schneebedeckte Berge zu sehen, es wird merklich kaelter. Schafherden ziehen vorbei. Ein quirliger und herzlicher Hirte stellt sich als Metin vor und gibt uns zu verstehen, das wir bei seinem 'arkadas' (Freund) Tunay Tarkay in der naechsten Ortschaft übernachten koennen. Er kritzelt den Namen auf einer Postkarte, mit der wir uns im Weiler Olukkaya, wo uns die Bewohner mit riesengrossen Augen anstarren, durchfragen. Wir treffen Tunay Tarkay vor dem schoensten Haus der Ortschaft an und eroeffnen ihm unser Ansinnen. Ohne grosse Worte laechelt er uns zu und laedt uns als 'misafire' (Gaeste) zu sich nach Hause, wo uns seine Schwester, seine Ehefrau und sein 6 Monate altes Kind erwarten. Tunay und Cemile Tarkay sind auesserst gastfreundlich und ein untypisches türkisches Paar. Er ist Physikprofessor in Ankara, sie Textillehrerin. Seit 20 Jahren ein Paar aber erst seit einem Jahr verheiratet. Sozialistischer Gesinnung verbringen sie ihre Ferien, wenn nicht gerade in Olukkaya, gerne in Kuba. Cemile ist tschetschenischer Herkunft waehrend Tunay aus dem Kaukasus stammt (wo genau konnten wir mangels genuegender Kommunikation nicht in Erfahrung bringen). Das Haus hat der Urgrossvater vor hundert Jahren gebaut. 
Wohlgestaerkt verabschieden wir uns am naechsten Morgen. Cemile hat uns bereits lieb gewonnnen: 'I like you very much'. Sie gibt uns noch reichlich Proviant mit. Unmittelbar nach unserer Abreise faengt es an zu regnen. Auf der Passhoehe haelt ein alter Mercedes-Lastwagen, Jahrgang 1976, an. Ein junges franzoesisches Paar in Begleitung eines Schaeferhundes steigt aus. Anais und Arnaud bereiten uns in dem zu einer Wohnung umfunktionierten Laderaum einen Kaffe. Sie kehren aus einer Reise nach Nepal zurueck. Kaum aus dem Lastwagen, wird der Regen wieder heftiger. Bei der folgenden Talfahrt fallen Ruth vor Kaelte fast die Haende ab (kein Wunder, die Windstopperhandschuhe sind laengst durchnaesst), sodass Maurizio gentlemen-like seine noch trockenen Handschuhe opfert. Nach einer weiteren Stunde Regenfahrt knurrt unser Magen derart stark, dass wir die Suche nach einem Unterstand aufgeben und im Regen die Böreks von Cemile hineinschoppen. Ein tuerkischer Lehrer beobachtet uns und ruft uns sofort zu sich nach Hause. Er feuert rasch den Kamin ein, wir improvisieren ein Zvieri, er bietet uns seinen hausgemachten Bal (Honig) an, wir steuern Schafskaese bei. Nach einer halben Stunde ist der Regenspuk vorbei, die Sonne scheint durch, doch - au weia - ein Platten (Nummer 7 glaube ich) haelt uns wieder einmal auf. Nach einem letzten Pass erreichen wir endlich Gürün, das zwischen Kayseri und Malatya liegt.

Nach Gürün führt uns die Fahrt durch ein herrliches canyonartiges Tal. Ockerfarbene kahle Bergflanken kontrastieren mit der grünen Flussoase. In der kleinen Ortschaft Darende werden wir gleich von jungen Jandarmas in Beschlag genommen und freundlich zum Tee eingeladen. Pro Tag nehmen wir übrigens durchschnittlich vier bis fuenf Einladungen an. Ebensoviele wenn nicht noch mehr müssen wir aus Zeitgründen leider ausschlagen. In der kleinen Ortschaft Asagiulupinar fragen wir nach einem geeigneten Plaetzchen für unser Zelt. Die teetrinkende Maennerrunde bringt wenig Verstaendnis für unser Vorhaben auf und schlaegt uns stattdessen vor, bei einem Bauern zu übernachten. Das nahende Gewitter und der einsetzende Regen lassen uns einlenken. Mehmet Ali Cep nimmt uns zu sich nach Hause, wo seine Ehefrau und die fünf Kinder bereits warten.
Als wir in Malatya (700 km südoestlich von Ankara) ankommen und den ersten grossen Supermarkt ansteuern, nimmt uns gleich ein junger Soldat in Beschlag. Er habe uns bereits bei unserer Ankunft gesehen und da er selber gerne Velo fahre, moechte er uns unbedingt kennenlernen. Spontan bietet er uns an, in seiner Wohnung, die er mit zwei Militaerkameraden teilt, zu übernachten. Ümit Seven (links auf dem Bild oben), 22 Jahre alt, Helikoptermechaniker, umsorgt uns wie eine Mamma. Die dreckige Waesche kommt flugs in die Waschmaschine. Im In-Lokal von Malatya laedt er uns zu Manti (Mini-Teigtaschen) mit Joghurt und viel Knoblauch ein. Jegliche Bezahlungsversuche unsererseits scheitern klaeglich.
Ümit kennt als Soldat die aktuelle Lage im Südosten des Landes und segnet unsere Reiseroute ab. Die Lage ist in dieser Gegend etwas angespannt und das Militaer plant in naher Zukunft eine grosse 'operasyion', wie den Zeitungen entnommen werden kann. Ümits Kompagnon Goekhan (rechts auf dem Bild oben), der am darauffolgenden Tag als Zeuge vor Militaergericht aussagen muss und deswegen frei hat, übernimmt am naechsten Morgen den Hütedienst. Mit seiner Hilfe buchen wir eine Sunset-Sunrise-Tour zum Nemrut Dag und reisen am Mittag bereits ab. Unsere Velos und unser Gepaeck koennen wir in der Wohnung von Ümit lassen.
Der Nemrut Dag (Link) ist mit 2'150 Metern Hoehe einer der hoechsten Berge des noerdlichen Mesopotamiens. Auf dem Gipfel thronen die Überreste des Grabmals des Koenigs Antiochos I. Theos (69-36. v. Chr.). Beeindruckend sind die Haeupter der riesigen Goetterstatuen am Fusse des künstlich aufgeschütteten, 150 Meter hohen Grabhügels. Kaum am Gipfel angelangt, zieht dichter Nebel auf und die Sonne laesst sich in den folgenden zwei Stunden nur für wenige Sekunden blicken. Den 'Sunrise' koennen wir am Morgen wegen anhaltenden Nebels und Regens abhacken und dafür zwei Stunden. In Malatya erwartet uns Ilyas, ein weiterer Freund und Arbeitskollege von Ümit (der übers Wochenende nach Ankara gefahren ist). Tags darauf begleitet er uns bis zum Ortsausgang. Wir sind gespannt auf den kurdischen Teil der Türkei.
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Maurizio
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23:20
06 Mai 2006
Kappadokien zu(m) zweit(en)

In Aksaray, 200 km südoestlich von Ankara, wartet Maurizio vergebens beim Otogar (Busbahnhof). Ruth ist nach Kayseri geflogen und hat dort einen Bus nach Aksaray genommen. Samt ihrem sperrigen Gepaeck wird sie auf einer einsam gelegenen Tankstelle einige Kilometer vom Otogar entfernt abgeladen. Nach einigen hektischen Telefonaten wird ein Bustaxi organisiert, das uns spaet nach Mitternacht vors Hotel faehrt. Der anhaltende Regen am naechsten Tag ermuntert uns nicht zum Start. Nachdem wir das Velo von Ruth ausgepackt und zusammengebastelt, etwas zum Essen eingekauft haben und bereits zweimal zum Tee eingeladen worden sind, geht die Reise um drei Uhr nun in trauter Zweisamkeit weiter. Der Regen hat zwar nachgelassen, dafuer erwartet uns gleich nach der Stadt ein hartnaeckiger Gegenwind. Der Anstieg wird so noch anstrengender. Wir sind froh, nach 15 Kilometern nach rechts abbiegen zu koennen, um nun den Wind nur noch von der Seite zu spüren. Wir sind unsicher, ob die naechste Ortschaft eine Unterkunft bietet und so entschliessen wir uns - Ruth zaehneknirschend - in einer für Kappadokien typischen Tuffstein-Hoehlenwohnung zu übernachten. Frühmorgens begrüsst uns ein geselliges Hirten-Bruderpaar mit seiner Schafherde, dem Esel und den fünf Koepeks (Hunden). Bei etwas Sonnenschein koennen wir - Ruth mehr schlecht als recht ausgeruht - die Reise fortsetzen.
Bald treffen wir in Selime ein, das wegen seiner beeindruckenden Tuffsteinkegeln bekannt ist. Im Dorf werden wir sofort von den Schülern in ihren blauen Schuluniformen umzingelt, die uns ihre 'Hello' und 'What's your name?' zurufen. Schon bei der ersten Gasse werden wir von einer Grossfamilie zum Tee eingeladen. Weiter oben treffen wir auf Abidin Abur, der uns stolz die traditionelle Backstube seiner Frau zeigt und uns gleich einige noch warme Fladenbrote und Goezlemes mit auf den Weg gibt. Waehrend wir um die Steinkegel herumwandern, passt er auf unsere Velos auf. Zum Abschluss laedt er uns in sein kleines Haus ein, wo wir am Boden sitzend die leckeren mit Spinat gefüllten Goezlemes und Ayran serviert bekommen. Zum Glueck beherrscht Maurizio ein paar Brocken Tuerkisch, so dass doch das Wichtigste (Alter, Beruf, Zivilstand, Reiseroute etc.) ausgetauscht werden kann. Beim Ortsausgang von Selime haengt sich uns - wohl zum Schutz vor den gefürchteten Hirtenhunden, die es auf die strammen Velofahrer/innenwaden abgesehen haben - ein schwarzer Koepek an, der uns unglaubliche 20 Kilometer durch das malerische Ihlara-Tal bis zu unserem Tagesziel Güzelyurt begleitet. 
Hier erhalten wir einen kleinen Vorgeschmack auf die riesige Untergrundstadt, die uns spaeter erwarten wird. In der kleineren von Güzelyurt ist echte Kletterkunst gefragt. Die verschachtelten und engen Gaenge koennen leicht klaustrophobische Anfaelle hervorrufen. Kaum am Tageslicht ruft schon der Baerenhunger, der mit Tomaten, Gurken, Schafskaese und Ekmek (Brot) gestillt werden will. Der Weg nach Derinkuyu fuehrt durch eine islaendisch anmutende Vulkanlandschaft, die mit einem riesigen tuerkisblauen Kratersee ueberrascht. In Derinkuyu aergert sich Maurizio ueber ein verstaubtes Gesetz des Kültürministeriums, das den Gebrauch von Fotostativen in der Untergrundstadt verbietet. Nichtsdestotrotz (schliesslich gibt es auch Ministative) erkunden wir die uralte Stadt, die sich ueber 20 Stockwerke unter dem Boden erstreckt und 30'000 Menschen Platz bot. Sie diente den Bewohnern als Schutz vor den an der Seidenstrasse haeufigen Überfaellen. Wichtige Verbindungsstollen konnten bei Gefahr mit metergrossen Steinen verriegelt werden. Heute kann nur ein kleiner Teil über acht Stockwerke besichtigt werden. 
Die Fahrt fuehrt uns weiter nach Üchisar und Goereme, dem Herzen Kappadokiens. Die Burg von Üchisar bietet einen atemberaubenden Blick über die weitlaeufige maerchenhafte Tuffsteinlandschaft. Wir koennen uns kaum sattsehen. Im trendy Goereme nisten wir uns wieder im Traveller's ein, wo wir ein hübsches Hoehlenzimmer zugewiesen erhalten - einiges angenehmer als unsere erste 'Hoellenübernachtung'. Gekocht wird auf dem Dach des Hotels bei untergehender Sonne mit praechtiger Sicht auf die Stadt. Das Menu ist Coralli con piselli e ricotta, Salat und Cola Turka.
Bevor wir Richtung Kayseri aufbrechen, kurven wir noch durch die eindrückliche Landschaft und bestaunen die bizarren Steinformationen. Genug von den Touristenbussen und den zahlreichen Souvenirstaenden verlassen wir Ürgüp, nicht ohne einen letzten Tee bei einem schweizbegeisterten Teppichhaendler getrunken zu haben. Bei der Routenwahl verhauen wir uns maechtig und, anstatt den direkten und flachen Weg zu nehmen, steuern wir geradezu auf einen Berg zu, der uns zu unzaehligen Pausen und Schiebepartien zwingt. Nach zwei Stunden erreichen wir endlich Aksalur,wo wir verschwitzt eine Einladung zum Tee annehmen - bald ist das halbe Dorf um uns versammelt. Ausgangs des Dorfes warnt uns ein Bauer auf einem Esel vor drei boesen Koepeks. Mit Aesten und Trillerpfeife bewaffnet, koennen wir die mit eisigen Stachelhalsbaendern bestueckten und grimmig bellenden Vieher erfolgreich vertreiben. In sicherer Distanz suchen wir uns ein Campingplaetzli unter freiem Himmel aus.
Am naechsten Mittag erreichen wir nach einer schoenen Talfahrt Incesu (30 km vor Kayseri). Wir werden sofort von einer jungen Frau, der Kulturbeauftragten in Incesu ('Incesi Beledyiesi Kültür Evi') in Beschlag genommen. Sie zeigt uns die sehr gut erhaltene Karavanserai 'Karamustafapasa' aus dem 17. Jahrhundert, in der die Kamelkarawanen auf der Seidenstrasse Schutz und Unterkunft fanden. Als wir endlich aufbrechen wollen, bemerkt Maurizio seinen sechsten Platten. Kayseri, 330 Kilometer südoestlich von Ankara entfernt, erreichen wir am spaeten Nachmittag.
Posted by
Maurizio
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21:56




