Titel Header Blog Velot flickr

27 April 2006

Frühlingshaftes Westanatolien

Die Fahrt raus aus der Megalopolis Istanbul ist wegen des unglaublichen Verkehrs sehr anstrengend. Den Bosporus überquere ich mit einer Faehre und versuche schon gar nicht, über die neue Autobahnbrücke den Kontinent zu wechseln. Nach 50 Kilometern herrscht immer noch reger Verkehr. In Gebze nehme ich daher nochmals eine Faehre über das Marmara-Meer, fahre noch ein kurzes Stück der Küste entlang und nehme gleich eine erste Anhoehe in Angriff. Diese ist derart steil, dass ich nicht umhin komme, das Velo teilweise zu schieben. Saftig grüne Wiesen mit Obstbaeumen wechseln sich mit dichten Laubwaeldern ab. In dieser Hügellandschaft waehnt man sich bald im Jura, bald in den Pyrenaeen. Die Baeume stehen in voller Bluete und die Pollen fliegen mir um die Nase. 'Wie schrecklich', werden sich heuschnupfengeplagte Leute wie ich denken ! Nach einer nicht enden wollenden Niesattacke muss ich zur Chemiekeule greifen, wonach es mir bald etwas besser geht. An einem kuehlen Bach finde ich ein einladendes Plaetzchen, um mein Zelt aufzustellen. Eine heftige Sturmboe reisst dem Zelt drei Heringe aus dem Boden und schleudert sie in das Bachbett nebenan. Mit grossen Steinen beschwere ich die Heringe zusaetzlich.
















Ich muss erst am 19. April wieder in Ankara sein, um hoffentlich am darauffolgenden Tag mein Turkmenistan-Visum abzuholen. Ich habe es daher nicht eilig, schaue weniger auf den Kilometerzaehler, lasse die Begegnungen auf mich zukommen und geniesse die warme Fruehlingssonne. In der kleinen Ortschaft Kizderbent, kaum 90 Kilometer von Istanbul entfernt, fahre ich an einer Teppichweberei vorbei. Ich halte natuerlich an, um den flinken Haenden der zahlreichen Damen bei der Arbeit zuzusehen. Beim Anblick eines Tourenfahrers in kurzen Veloshorts sind diese aus dem Haeuschen und rasch aus der Arbeitsstube. Die Chefin ruft sie vergebens zur Vernunft auf. Ich und mein Stahlross werden umzingelt und begutachtet. Die Vorlauteste wagt sich sogar auf mein Velo. 'Berlusconi Kizderbent', sprich der Bürgermeister, kommt vorbei und laesst sich ebenfalls von mir ablichten. Hundert Meter weiter werde ich zum Tee eingeladen.

















Bei sonnigem Wetter fuehrt meine Fahrt weiter zum Iznik Goelü (See), der von endlosen Olivenhainen umsauent ist. In Iznik quartiere ich mich bei der Pension Kaynarca des leich exzentrischen aber sehr freundlichen Ali Bulmus ein. Eine solche Pension wünscht man sich in jeder Ortschaft: zentral, guenstig, sauber, Küche zur freien Benützung, Terrasse mit herrlicher Aussicht und Internet-Cafe nebenan. Ali lichtet alle seine Gaeste ab und auf seiner Webseite solltet Ihr mich daher finden. Nach Inegoel gilt es eine Steigung von rund 800 Hoehenmetern zu bezwingen. Die Strasse schlaengelt sich durch einen wunderschoenen Laubwald. Und wieder entdecke ich eine Schildkroete, die ich in aller Ruhe fotografieren kann.

Auf der Passhoehe in Nazifpasa schiesse ich zunaechst ein 'Gipfel'-Bild. Kurz darauf naehert sich Salih Aksehir und stellt sich als Imam der 30-Familien-Gemeinde vor. Er hat eine Freude an den wenigen Touristen, die sich in diese Gegend verirren: 'No Antalya-Tourist, Kültür-Tourist'. Andere Tourenfahrer aus Frankreich und Belgien seien ebenfalls hier durchgefahren. Ich frage ihn, ob ich die Moschee sehen koenne. Er willigt sofort ein und in Begleitung einer Kinderschar zeigt er mir die Moschee, setzt den Imam-Hut auf, singt mir ein paar Verse aus dem Koran vor, erklaert mir die Wappen mit den arabischen Insignien und schenkt mir sichtlich gerührt zum Abschied eine Tesbiah, einen Rosenkranz. In der waldreichen Landschaft, die mich stark an das Baselbieter Jura erinnert, macht das Zelten Spass.















In der modernen Stadt Eskisehir goenne ich mir nach drei Tagen im Zelt ein Hotelzimmer. In einem Hamam lasse ich mich gruendlich schrubben und einseifen. Als ich Eskisehir verlasse, faellt mir ein aelterer, armseliger Herr auf, der am Strassenrand den Abfall durchstoebert und Saecke damit fuellt. Es nimmt mich wunder, was er tut. Der braungebrannte und untersetzte Mann klaert mich auf: Aluminiumdosen sammle er fuer die 'fabrika'. Für ein Kilogramm erhalte er eine türkische Lira (umgerechnet rund einen Franken). Pro Tag schaffe er fünf Kilogramm. Für ein Kilogramm muesse er 150 Dosen sammeln. Er zuckt mit der Schulter und sagt 'Türkyie', als wolle er mir zu verstehen geben, dass dies auch ein Teil der Türkei sei. Noch lange richte ich den Blick auf den Strassengraben, zaehle die Aludosen und rechne aus, wieviel der arme Mann dafuer erhaelt.

Die Landschaft wird flach, eintoenig und baumlos. Dementsprechend schwieriger gestaltet sich die Suche nach einem sichtgeschützten Zeltplatz. Der Brunnen des 70-jaehrigen Hassan kurz vor Kaymaz kommt da gerade richtig. Inmitten eines Kiefernhaines hat er eine richtige Oase fuer Durchreisende eingerichtet: WC, Esstisch, Liege- und Gebetsmatten. Alles liebevoll dekoriert. Spruchbaender und tuerkische Flaggen. Nach einer Runde auf dem vom Esel gezogenen Karren kann ich mein Zelt aufstellen. Am naechsten Tag komme ich nicht viel weiter. Ich will in Kaymaz meine Vorraete auffuellen und lande beim pittoresken Pazar. Hier kann ich endlich ein paar Schwarzweiss-Filme belichten. Im Unterschied zu den Herren, die sich gerne fotografieren lassen, muss ich bei den Frauen, die alle weisse Kopftuecher tragen, etwas vorsichtiger sein.















Wenige Kilometer spaeter mache ich einen Abstecher zu einer Felsformation, die mir bereits am Vorabend von weitem aufgefallen ist. Wieder einmal sichte ich - diesmal inmitten der Geroellhalde - eine Schildkroete. In Karakaya, der Ortschaft nebenan, werde ich von einem Auto angehalten. Ercan und sein Vater laden mich zu sich nach Hause zum Tee ein. Zum Abschied werde ich mit feinem Fladenbrot, hausgemachtem, frischem Schafskaese, Tomaten und Gurken beschenkt ! Meine Packtaschen sind prall gefuellt. Um drei Uhr, gerade mal 15 Tageskilometer in den Beinen, verlasse ich die Familie von Ercan. Dank Rueckenwind und flacher Topographie schaffe ich es bis zum Abend noch auf 75 Kilometer.














Am naechsten Tag laeufts nicht durchwegs rund: zunaechst haelt mich ein Plattfuss auf. Weiter nicht schlimm. Als ich den Platten repariert, alles eingepackt und mir die Haende gewaschen habe, bemerke ich am Vorderrad ebenfalls einen Platten. Was fuer ein Pech ! Mein Zeitplan geraet ins Wanken und ich treffe in Ankara erst um 21 Uhr ein. Am naechsten Tag, dem 20. April, kann ich endlich mein Visum bei der turkmenischen Botschaft in Empfang nehmen. Die Einladung des turkmenischen Aussenministeriums liegt vor. Nicht so das Paecklein mit Ersatzteilen, das mir Lola vor einigen Wochen an die Adresse von Turan geschickt hat. Im Hinblick darauf, dass Ruth am 23. April in Kayseri einfliegen wird, mache ich mich gleich wieder auf den Weg. Zunaechst muessen aber Seda und ich den kleinen Deniz Bora beruhigen: er will, dass mein Velo auf dem Balkon bleibt und faengt an zu heulen, als ich gehen will.

Ich fahre dem Tuz Goelü (Salzsee) entlang und lasse es mir nicht nehmen, auf der Salzkruste herumzulaufen. Die Strasse ist relativ stark befahren: sie fuehrt nach Kappadokien und runter bis nach Adana. Die Lastwagenfahrer, die ein aehnliches Schicksal wie ich teilen, auf und neben der Strasse tage- und wochenlang leben, laden mich des Oefteren zum Tee ein. Ein weiterer hat Erbarmen mit mir, haelt vor mir an und schlaegt mir vor, das Velo aufzuladen. Ein bloeder Taxifahrer macht sich einen Spass daraus, mich bei hoher Geschwindigkeit moeglichst nahe zu überholen und mir einen Schrecken einzujagen. Ich bin noch daran, ihm alle wüsten Verwünschungen auf den Weg zu geben, als das Hinterrad einen beunruhigenden Laut von sich gibt: 'Pffft.' Wieder ein Platten ! Langsam bin ich geübt und in etwas mehr als dreissig Minuten kann es weitergehen (den Pneu ziehe ich jeweils ohne Pneuheber auf: Danke fuer den Trick, Kilian!). Ein Lastwagenfahrer bietet mir wieder seine Hilfe an und fragt etliche Male nach, ob ich nicht doch lieber mit dem Laster mitfahren moechte.

Kurz vor Aksaray zieht ein Gewitter auf. Beim Otogar (Busbahnhof) erkundige ich mich nach den Busverbindungen zwischen Kayseri und Aksaray, suche ein nettes Hotelzimmer aus und begebe mich nach dem Abendessen zum Otogar, wo Ruth um Mitternacht eintrifft. Finalmente !

14 April 2006

Spiessrutenlauf in Ankara

Nach den zwei geruhsamen Tagen in Göreme wird es Zeit für mich, die unliebsamen bürokratischen Hürden in Angriff zu nehmen. Ich kann in Ankara beim Cousin von Rahime wohnen. Turan und Seda Göz sind sehr sympathisch und nehmen mich auf, obschon ihr zweites Kind vor wenigen Tagen auf die Welt gekommen ist. Und dass ich im Hotel übernachte kommt für sie nicht in Frage. Die Mutter von Seda ist aus Konya hergereist, um dem jungen Paar unter die Arme zu greifen. Sie kocht hervorragende Böreks und Gözlemes, waehrend Seda die Kunst des Kaffeesatzlesens beherrscht. Ihre Englisch-Kenntnisse hingegen sind nicht hervorragend und so verstaendigen wir uns mit Hilfe einer Online-Übersetzung.















Die Botschaften in der 4 Millionen Hauptstadt zu finden ist nicht ganz einfach. Nach ein paar Anlaeufen habe ich den Dreh raus. Bloederweise wohnt Turan am anderen Ende von Ankara und so muss ich jeden morgen rund 12 Kilometer Busfahren, um von Incirli nach Cankaya, Gaziosmanpasa oder Kavaklidere zu gelangen. Sobald ich im entsprechenden Quartier bin, nehme ich ein Taxi, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. So habe ich bis zu vier Botschaften an einem Tag geschafft. 'Maurizio rennt' wird sich meine Zwillingsschwester Lola denken. Ich mache den Anfang mit der usbekischen Botschaft, wo ich gleich den Antrag ausfülle. Sieben Tage Bearbeitungszeit und 60 Dollar, heisst es. Oder drei Tage Bearbeitungszeit und 90 Dollar. Ohne das usbekische Visum gibt es kein Transitvisum für Turkmenistan, erfahre ich spaeter bei der turkmenischen Botschaft. Zudem wird ein Empfehlungsschreiben der italienischen Botschaft benötigt. Bei dieser beantrage ich kurz danach eine 'lettera di raccomandazione'. Für das tadjikische Visum hingegen ist eine 'letter of invitation' von einer tadjikischen Reiseorganisation nötig, das ich mir via Internet für 80 Dollar besorge. Jetzt weiss ich zumindest, wie man meinen Namen auf kyrillisch schreibt.

Ausflug nach Safranbolu















Am Samstag fliehe ich vom staubigen und laermigen Ankara, das nebst dem Anitkabir (Atatürk-Mausoleum) und dem Museum für Anatolische Zivilisationen nicht sonderlich viel zu bieten hat und nehme den Bus in das 250 Km entfernte nördlich gelegene Safranbolu. Die Altstadt besteht aus traditionellen osmanischen Haeusern, die noch sehr gut bewahrt sind. Die als UNESCO-Weltkulturerbe geschützte mittelalterliche Stadt laedt zum Entspannen ein. Im 300 Jahre alten Hamam, eines der schönsten in der ganzen Türkei, lasse ich mich schrubben, einseifen und so richtig durchkneten. Anschliessend werde ich in Badetücher eingehüllt und erhalte den obligaten Çay serviert. In Safranbolu kann man gut essen und ich lasse mir Lammfleisch in allen Variationen auftischen, jeweils begleitet von einem kühlen Ayran (nationales Joghurtgetraenk), serviert in einem Zinnbecher mit viel Schaum.

Turkmenische Bürokratie

Am Montag geht es dann mit den Botschaftsgaengen weiter. Von der kirgisischen zur tadjikischen zur italienischen und, und, und. Damit das ganze noch reizvoller wird, darf man die Gebühren (nur Dollars werden akzeptlert) bei einer ganz bestimmten Bankfiliale einzahlen, die zuerst gefunden werden möchte. Am unproblematischsten stellen sich die kirgisische und die tadjikischen Reiseerlaubnisse dar, soweit die noetigen Beilagen vorhanden sind. Der kirgisische Botschafter heisst mich in seinem Büro feierlich willkommen: 'Mr. Mister Maurizio, I give you 30 days, no problem!'. Sein tadjikischer Kollege ist ebenfalls sehr freundlich und fragt mich 'urgent?'. Ja. In seiner Anwesenheit klebt er mit den farbigen Sticker in den Pass und fuellt ihn aus. Als einziger nimmt er die Dollars bar entgegen.

Am Mittwoch will ich das usbekische Visum holen, doch die nette Dame erklaert mir, sie haetten Computerprobleme. Ich solle doch morgen kommen. Am naechsten Tag renne ich umsonst an, da die Botschaft geschlossen ist. Nachdem es dann schliesslich am Freitag klappt und ich auf einer ganz bestimmten Bankfiliale 110 Dollar einbezahlt habe (ich habe schon gar nicht versucht, darauf hinzuweisen, dass es trotzdem eine Woche gedauert hat und ich eigentlich weniger bezahlen muesste) und das usbekische Visum freudig in Empfang nehme, gehe ich sofort zur turkmenischen. Dort muss ich mich hinter einigen Spediteuren einreihen, die fuer ihre Chauffeure Transitvisas beantragen moechten. Als ich endlich an der Reihe bin, kurz vor zwölf, schnauzt mich der Angestellte barsch an 'No, No, No', als haette ich soeben im Warteraum gepinkelt. Ich solle alle Unterlagen im Doppel einreichen, nicht einfach. Und wieso ich die 51 Dollar bereits einbezahlt habe. Dieser Affe sagt mir noch 'ten!', zeigt auf den Kalender (gemeint ist Montag, der 10. April), kehrt mir den Rücken zu, macht den Schalter zu und geht in den Mittag. Gesenkten Kopfes verlasse ich die Botschaft.

Wochenende in Ankara zum Zweiten

Toll, so darf ich noch ein Wochenende hier in dieser schmucklosen Stadt verbringen, die vor 80 Jahren noch gerade doppelt soviele Einwohner wie Liestal hatte, wo Papiereimer praktisch nichtexistent sind, eine sagenhafte Dichte von einer Poststelle pro 15 Quadratkilometern besteht, man demzufolge gut und gern zwei Kilometer bis zur naechsten Poststelle laueft, diese dann aber keine entsprechenden Briefmarken für Postkarten hat und der Postangestellte noch blöde fragt, welches Land 'CH - Switzerland' ist (vielleicht ist aber auch das Trauma noch nicht überwunden :-)). Diesmal fluechte ich nach Peybezari, das ebenfalls noch vollstaendig alte osmanische Haeuser besitzt. Im Unterschied zu Safranbolu finden sich hier nur tuerkische Wochenendtouristen aus Ankara. Im Internet-Cafe werde ich wieder Opfer der tuerkischen Gastfreundschaft: ich muss nichts bezahlen, auf meine Frage nach dem Busbahnhof werde ich gleich mit dem Auto hingefahren, das Ticket wird fuer mich besorgt und ich erhalte einen Çay serviert.

Am Montag Morgen stehe ich wieder vor der turkmenischen Botschaft. Einige Spediteure vom Freitag mit stapelweise Paesse unter dem Arm warten bereits, worueber ich gar nicht erfreut bin. Das faengt gut an, denke ich mir! Klebte mir am Freitag noch das Pech an den Fuessen, steht mir das Glueck dieses mal zur Seite. Eine huebsche Kasachin steigt aus einem Taxi und ungeachtet der wartenden Menschenmenge vor dem Eisengitter verschafft sie sich Eintritt. Ich packe die Gelegenheit beim Schopf und trete ebenfalls ein. Wunderbar: sie stimmt den Botschaftsangestellten milde und spricht erst noch russisch. Er ist heute freundlich und ruft immer wieder 'Mister Ceraldi' aus. Die 'Invitation' von der er die ganze Zeit redet, stellt sich als Einladung des turkmenischen Aussenministeriums dar. Ich solle doch das einbezahlte Geld wieder bei der Bank holen und wenn die Einladung vorliegt nochmals einbezahlen. Nein, das geht nicht: 'pay in advance, no problem'. Er nimmt endlich meinen Antrag entgegen: 'Come in ten days!' Insgesamt habe ich in Ankara 14 Mal eine Botschaft aufgesucht und total 391 Dollar an Gebuehren ausgegeben.















Gleichentags nehme ich den Bus zurück nach Istanbul. Beim gigantischen Busbahnhof in Ankara werde ich gleich mal von einem Jungen gefragt: 'Istanbul?' Zunaechst glaube ich, dass er ein Angestellter der rund 80 Busgesellschaften ist. Er ist mir eine Spur zu forsch und frech: 'Come, come, bus will start!'. Eigentlich unnötig, da in Ankara jede Viertelstunde irgendein Bus nach Istanbul faehrt. Zudem will ich noch etwas zum Essen einkaufen. Er besorgt mir das Ticket und fordert 'Yirmi Bes' (25) Lira. Auf dem Ticket steht aber nur 20. Er versucht mir zu erklaeren, dass das Ticket 30 gekostet habe, so kurzfristig nur noch 20 und 5 'Komisyon' seien. Mir platzt der Kragen und ich oute mich als Italiener 'Ma chi cazzo ti ha chiesto di procurarmi questo biglietto di minchia?'. Obschon der Bus bereits losfahren moechte, mache ich ein Buero auf und tobe wie wild. 'Yirmi bes: hayir !!' (nein). Ich frage den Chauffeur 'Yirmi?' 'Yirmi!' antwortet dieser. Und weg ist der Junge.















In Istanbul kann ich dann endlich mein Velo, das sich in der Apotheke von Isik sichtlich wohl gefuehlt hat, wieder in Empfang nehmen. Ich verabschiede mich von Isik, dem Freund Sezer, der fotoscheuen Katze Vicks und der fotogenen Angestellten Esra. Endlich geht es wieder los ! Momentan verfolge ich d
ie Sicherheitslage in den kurdischen Staedten, wo Auseinandersetzungen zwischen Kurden und den Sicherheitskraeften statt-gefunden haben. In Istanbul gab es zudem einen Anschlag und Unruhen auf dem Taksim-Platz. Die meisten Tuerken scheinen aber eine Kurden-Paranoia entwickelt haben und die Tuerkei scheint noch weit weg davon zu sein, die Kurdenfrage geloest zu haben. Der ganze Suedosten ist fuer viele ein Terroristengebiet, das unbedingt zu meiden ist. Rod, mit dem ich mich in Kappadokien getroffen habe, ist dort soeben durchgefahren und hat sich absolut sicher gefuehlt. Meine geplante Route führt ferner durch das Erdbebengebiet im Iran und die zwei am staerksten betroffenen Staedte - Borudjerd und Dorud. Es wird wohl unumgaenglich sein, die westlicher gelegene Strasse, welche direkt von Teheran nach Esfahan führt, zu befahren.

04 April 2006

Sonnenfinsternis über Mondlandschaft

Die letzte 'Sofi' im 1999 war in der Region von Basel nicht sonderlich eindrücklich. Die anstehende totale Sonnenfinsternis über Kappadokien will ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Zudem kommt sie mir deswegen gelegen, weil der Weg dahin über Ankara führt, wo ich meine Visas werde beantragen müssen.

Ich stelle also mein Gefaehrt in der Apotheke von Isik, welche von der betagten Katze Vicks überwacht wird, ab. Mit dem Nachtbus fahre ich nach Kappadokien in Zentralanatolien. In Göreme habe ich mıt Rod Oliver (Link), einem in Amsterdam lebenden 37-jaehrigen Neuseelaender abgemacht. Ich habe Rod über das Internet kennengelernt und seit letzten Oktober stehen wir in Kontakt. Er hat eine ganz aehnliche Route wie ich gewaehlt, wobei er nach Istanbul geflogen ist. Rod befürchtet, dass Göreme ausgebucht sein könnte. Mit Hilfe von Isik und Sezer kann ich für die Nacht vom 28.3. ein Zimmer für Rod und mir in einer netten, aber etwas überteuerten Pension buchen.

Göreme ist bekannt für die aus dem weichen Tuffstein herausgehauenen Höhlenkirchen. Die Landschaft um Göreme besteht aus zahlreichen verschlungenen und engen Taelern, die von bizarren Gesteinsformationen umgeben sind. Das 'Love Valley' etwa besteht aus riesengrossen kerzenförmigen Steinblöcken. Im weissen Gestein verstecken sich etliche Höhlenwohnungen und Kirchen. Bei Sonnenschein wandern Caoilte (ausgesprochen Kilter), ein irischer Backpacker und ich stundenlang durch diese Taeler, in denen Pappeln wachsen, Baeche Kühle spenden und die Aprikosenbaeume in voller Blüte stehen. Gegen Abend erklimmen wir dann einen beliebten Aussichtspunkt, wo uns nach dem kitschigen Sonnenuntergang ein Quartett von Italienern die 7 Km nach Göreme mitfahren laesst.

In der Zwischenzeit ist Rod in der Pension eingetroffen. Wir verstehen uns bestens und plaudern bis ein Uhr morgens über unsere bisherigen Reiseerlebnisse. Wir haben die grandiose Idee, den Sonnenaufgang zu fotografieren und stellen den Wecker auf fünf Uhr. Als wir aufwachen, bemerken wir (leider zu früh) dass es noch stockdunkel ist. Noch gut Dreiviertel Stunden haetten wir laenger schlafen können ! Was soll's, das Wetter koennte nicht besser sein. Keine Wolke in Sicht.

Rod und ich wechseln nach der ergiebigen Fotosession zunaechst zum 'Traveller', einem coolen und günstigen Dormitory in einer Tuffsteinhöhle. Caoilte stösst zu uns und wir debattieren lange, von welchem Punkt wir die Sonnenfinsternis erleben möchten. Mit Hilfe des Kompasses machen wir Südwesten aus, von wo der Mondschatten nahen wird. Schlussendlich nehmen wir ein Taxi und suchen den vom Vortag bekannten Sunset-Point aus. Dort herrscht bereits Jahrmarkt-Stimmung: Riesenplakate, Fernseh-Teams, Heissluftballone, ein Turkish-Viagra-Stand (gedoerrte Aprikosen ...). Wir begeben uns auf ein etwa dreihundert Meter höheres Plateau, das eine grandiose Vogelperspektive bietet. Etwa 80 Leute haben sich hier eingefunden. Die Stimmung ist ausgelassen. Einige hollaendische Eclipse-Chaser nehmen Messungen vor und wissen einige interessante Details zu berichten (der Kern-Schatten etwa naehert sich mit einer Geschwindigkeit von 800 Metern pro Sekunde; durchschnittlich alle eineinhalb Jahre gibt es eine Sofi). Eine Gruppe von jungen Türkinnen und Türken albert mit uns dreien lange herum.

Es wird merklich kühler und windiger (nach den Messungen der Hollaender 8 Grad kaelter). Das Licht ist einige Minuten vor der totalen Finsternis gedaempft und braeunlich. Zwei, drei Minuten vorher aendert dann die Helligkeit rasch, bis es dann etwa im Verlaufe von vier Sekunden ganz dunkel wird. Wow ! Endlich kann der Lichtring um die Sonne, die Corona, ohne Schutzbrille betrachtet werden. Die Schaulustigen schreien, rufen aus, singen im Chor. Ohh ! Ahhh ! Eine unwirkliche Lichtstimmung. Der Horizont ist orange verfaerbt, die Lichter der umliegenden Ortschaften kontrastieren zur dunklen Landschaft, der Himmel ist dunkelblau. Der Heissluftballon unten am Sunset-Point hat es wegen des Windes nicht in die Höhe geschafft und so wird die Flamme offen brennen gelassen. Dreieinhalb Minuten Staunen, bis dann der Schatten leider viel zu schnell verschwindet und das Spektakel zu Ende ist. Noch ganz benommen laufen wir eines der lauschigen Taeler runter, wo sich uns ein israelisches Paerchen anschliesst.

03 April 2006

Türkiye 'ye hoşgeldiniz !















Willkommen in der Türkei ! Endlich wieder ein Lebenszeichen von mir. In der Zwischenzeit habe ich einiges erlebt. Um es gleich vorweg zu nehmen: die Gastfreundlichkeit der Türken ist kaum zu überbieten und herzerfrischend. Es handelt sich nicht etwa um einen abgegriffenen Slogan aus einem Hochglanzkatalog, sondern ist gelebte Wirklichkeit. Wenn man an die himmeltraurigen Geschehnisse beim WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Türkei denkt, erhaelt man leider ein ganz falsches Bild von den Türken. An dieses Spiel bin ich bis jetzt eher selten erinnert worden und wenn dann mit Humor. Keine Spur von Feindseligkeit. Dass die Türken aber fussballfanatisch sind, ist nicht abzustreiten. Oft werde ich gefragt :'Fenehrbace? Galatasaray?' Ich antworte dann immer: 'Besiktas' (die dritte Mannschaft aus Istanbul). Die Gastfreundlichkeit ist auch in Restaurants zu spüren, die personell oft überbelegt zu sein scheinen. Selbst bei dreistündigen Busfahrten wird man bewirtet und etliche Male erhaelt man das erfrischende Limonyiasi, um Haende und Gesicht einzureiben.

Es ist unglaublich, wie oft ich bereits in den ersten drei Tagen zum Tee, zum Essen und sogar zur Übernachtung eingeladen worden bin. Je weniger touristisch der Ort, desto freundlicher und hilfsbereiter scheinen die Leute zu sein. Wo man hingegen an Touristen gewöhnt zu sein scheint, wird man oft gefragt 'Where do you come from?'. Es gaebe unzaehlige kleine Episoden zum Erzaehlen.

Aber alles der Reihe nach. Beim Grenzübergang Griechenland zur Türkei erschrecke ich zunaechst kurz, als mich der Zöllner nach einem Visum fragt. Habe ich da etwas übersehen? Das Visum entpuppt sich als 20 Euro teures Kleberlein (allerdlngs mit '15 Euro' beschriftet), das im Gebaeude nebenan wie eine Packung Zigaretten zu kaufen ist. Noch bin ich aber nicht drüber. Ein anderer Zoellner spannt mich vorher noch als Italienisch-Englisch Dolmetscher ein. Ein Georgier aus Kalabrien, der mit seinem Lieferwagen Pakete für Landsleute transportiert, darf seine ganze Ladung auf dem Gehsteig ausbreiten. İch staune darüber, wie er die ganze Fracht in der Wagen verstauen konnte. Der Zöllner versucht ihm klarzumachen, dass die Fracht nur mit einer Speditionsfirma die Grenze passieren darf. Nach dieser Machtdemonstration laesst er ihn aber schliesslich durch.

Ich passiere den Grenzfluss, der aufgrund des Hochwassers eher einem See gleicht. Ein Militaer auf der Bruecke macht ein Foto von mir, waehrend ich kurz darauf einer Schildkröte über die Strasse helfe, damit sie nicht wie ihre plattgewalzte Begleiterin endet. In Malkara, wo ich den Hotelpreis von 30 auf 15 neuen türkischen Lira runterdrücke, mache ich Halt. Malkara übt auf Touristen Null Anziehungskraft an und so falle ich ziemlich auf. Beim Mini Market wird mir sofort ein Tee angeboten und der Nachbarsjunge Yasin herbeigerufen, der ein bisschen Englisch spricht. Yasin führt mich durch seine Stadt und laesst mich eine doppelte Portion der in dieser Gegend berühmten Köfte - grillierte Hackfleischröllchen - probieren, waehrend Fenehrbace Galatasaray 3:2 schlaegt. Ich werde sehr freundlich empfangen und meine Konsumation geht auf Kosten des Hauses. Man scheint erfreut zu sein, dass sich ein Velofahrer in diese etwas heruntergekommene Stadt verirrt hat.

Tekirdag Köfteçi bis zum Abwinken

Am naechsten Tag wird es um die 20 Grad warm, erstmals kann ich kurzaermlig fahren. Fast schon zu warm für mich. Eigentlich hatte ich nur auf trockeneres nicht aber waermeres Wetter gehofft. In Tekirdag, das für seine Köfte bekannt ist, gibt es praktisch nichts anderes zu essen. Köfte salonu reiht sich an Köfte Restaurant. Wenn es hochkommt, liegt noch eine Çorba (Suppe) und Salat drin. Die grillierten Hackfleischröllchen verleiden mir sehr schnell und ich hoffe sehr, dass es in der Türkei noch etwas anderes zu essen gibt als diese gummigen Dinger.

Der naechste Tag bringt Regenschauer und Gegenwind, der den ganzen Tag anhaelt. Ich versuche schon gar nicht, mir vorzustellen wıe schnell ich bei normalen Bedingungen vorankommen würde. Ich kaempfe mich 5 Stunden lang bei einer Durchschnittsgeschwindigkeıt von 10 km/h ab. Ich motiviere mich mit dem Gedanken, dass es 'eigentlich' nicht schlimmer werden kann und der Tag irgendwann enden wird. Wenig spaeter überholt mich ein Lastwagen auf der Höhe einer Riesenpfütze und spritzt mich mit Dreck voll, waehrend mich von rechts ein deutscher Schaefer giftig anbellt und mir gefaehrlich nahe an das Hosenbein kommt. Die Situation ist komisch und ich muss lachen. Es kann also doch schlimmer werden ! Ein Tag zum Überspringen, denke ich mir und liege diesmal komplett falsch.

Bei Hüseyin, dem 'çaycı'


Als ich endlich Silivri erreiche, beginnt es bereits einzudunkeln. Ich mache mich auf die Suche nach einer Unterkunft und frage mich durch. Schon bald kommt Hüseyin auf seinem Roller, mit dem er vor zwei Jahren bis nach Antalya runter- und die Küste wieder raufgefahren ist, daher. Er laedt mich zu sich nach Hause ein und ich nehme dankend an. Hüseyin, ein 40 Jahre alter Junggeselle, spricht zum Glück ein wenig Englisch. Wir essen etwas in seiner Stammbeiz, einem einfachen aber ausgezeichneten Lokal und verbringen schliesslich den Abend in einem überfüllten und rauchigen Kaffee, in welchem praktisch nur Çay konsumiert wird (in dem Fall eine Çayhane), geplaudert und Karten oder Backgammon gespielt wird. Unnötig zu erwaehen, dass es ausschliesslich von Maennern frequentiert wird. Bei den Fragen nach meiner Familie kann ich endlich erstmals mein 'Familienalbum' auspacken, das interessiert begutachtet wird.

Die Runde, darunter auch ein Bruderpaar, das eine Speditionsfirma betreibt, lacht sich kugelrund ab meinem Bild auf dem Handy von einem türkischen BMC-Lastwagen (das ich eigens für einen Kollegen geschossen habe, der abseits vom Mainstream Zeitschriften wie 'Fernfahrer' liest ...): diese Dinger sind derart hart und unbequem zu fahren, dass etliche Witze über die Impotenz der BMC-Chauffeure kursieren (leider habe ich sie nicht gut verstanden). Um elf Uhr verlassen Hüseyin und ich das Lokal. Ein Abend, wie man ihn nicht missen möchte.

Am naechsten Tag, es ist Samstag, begleite ich Hüseyin zur Arbeit. Er arbeitet bei der Steuerverwaltung (soweit ich das verstanden habe) und hat als çayci eine wichtige Funktion inne: er serviert der 96 starken Belegschaft den ganzen Tag lang Tee. In seinem Reich, der kleinen Küche, geniessen wir ein typisches türkisches Morgenessen mit Tomaten, Gurken, Oliven, Kaese, Poca (mit Kaese gefüllte Brötli), Bal (Honig) und natuerlich Çay.















Ich verabschiede mich von Hüseyin und mache mich auf den Weg zur 16 Millionen Metropole Istanbul. Ein Horror für Velofahrer ! Bereits 50 Km vor Istanbul nimmt der Verkehr stark zu. Ich fahre auf einer dreispurigen Schnellstrasse und muss mir die Ohren zustöpseln. In Istanbul übernachte ich bei einer Freundin von Rahime, meiner Schwaegerin in spe. Isik und ihr Freund Sezer kümmern sich aufmerksam um mich. An zwei Tagen sehe ich mir die Touristenmagneten Ayasofia, Sultanahmet und die blaue Moschee und schlendere durch den grossen Bazaar.