Bei leicht regnerischem Wetter verlassen wir Malatya. Bald hellt es jedoch auf und bei Sonnenschein koennen wir am Ortsausgang von Kale auf einer Terrasse mit wunderbarer Sicht auf den aufgestauten Firat Nehri (Euphrat) und die umliegenden grünbraunen Hügel einen Balik (Fisch) verzehren. Wohlgestaerkt geht es danach über die Brücke, wo uns auf der anderen Seite ein Kommandant der Jandarma `ins Visier genommen` hat und uns vorführen laesst. Er ist freundlich, will sich aus Langeweile die Zeit etwas vertreiben und durchloechert uns mit Fragen. Ein junger Jandarma bringt uns Cay und Wasser, stolpert fast dabei und erntet von seinem Vorgesetzten den Kommentar 'Jandarma!', als sei die Tolpatschigkeit ein Markenzeichen der Jandarmas (etwa vergleichbar mit den Carabinieri in Italien).
In Elazig (100 km oestlich von Malatya) quartieren wir uns in ein leicht schmuddliges Hotel ein und kochen - wie schon oft - im Bad unsere Pasta. Der Duft verstroemt sich im Hotel und der Angestellte klopft schon bald an unserer Tür und sagt etwas von 'Yekmek' (Essen) und zeigt uns eine Kochgelegenheit. Da die Tomatensauce ohnehin bereits gekocht ist, ziehen wir es vor, unser Mahl im Zimmer fertig zu kochen. 
Wir verlassen die fruchtbare Ebene um Elazig und radeln nach einer leichten Steigung dem Hazar See entlang, der einige haessliche unbewohnte Ferienbauten aufzuweisen hat. Nach dem See kommen wir zum Ursprung des Dicle Nehri (Tigris) und geniessen die Fahrt durch das enge Flusstal. Es ist bereits nach 18 Uhr und Maurizio bemerkt einen schleichenden Plattfuss. Da es bald eindunkelt, muss er den Reifen von Zeit zu Zeit aufpumpen, um nicht noch mehr wertvolle Zeit mit der Reparatur zu verlieren. Das Militaer ist in dieser Gegend praesent und patrouilliert mit Jeeps und Panzerwagen - Maschinenpistolen stets einsatzbereit. Wachtürme auf Erhebungen beobachten uns. Die 20 Kilometer bis Ergani wollen wir noch schaffen und so fahren wir in die Nacht hinein.
Um 20.30 Uhr treffen wir dann endlich im rudimentaer beleuchteten Ergani ein, wo zu dieser Tageszeit nur noch Maenner, und dies in Scharen, unterwegs sind. Wir ziehen natuerlich die Aufmerksamkeit auf uns. Ein Junge will uns den Weg zum einzigen Hotel zeigen und führt uns in eine dunkle Gasse. Ein anderer im Anzug kommt herbeigeeilt und gibt uns mit Handzeichen zu verstehen, dass der Junge uns ausrauben wollte. Er zeigt uns schliesslich eine (die einzige...) wenig vertrauenerweckende Unterkunft. Uns ist der Ort nicht ganz geheuer und wir fragen, ob der Platz wirklich sicher sei. Der Herr im Anzug, der eine Art Dorfschützer zu sein scheint und eine Alkoholfahne schwingt, zeigt Maurizio seine Knarre, die er mit sich traegt: 'Polis.'. Er macht die zwei Jungs, die sich um die Herberge kümmern, ganz nervoes. Erst als er sich aus dem Staub gemacht hat, kehrt Ruhe ein. Die zwei netten Jungs bestellen uns Essen und unterstuetzen Maurizio bei der Reparatur seines Plattfusses. Auf die Frage, wer der andere gewesen sei, antworten sie nur 'piss'. Die beiden lassen sich nicht davon abbringen, uns das Essen zu bezahlen (7 türkische Lira), dabei kostet das Zimmer gerade mal doppelt soviel. Bei Tageslicht sieht dann das stark kurdisch besiedelte Ergani einiges freundlicher aus. Mehr als anderswo laufen die Maenner hier mit den traditionellen weiten Schlabberhosen und einem hellen Kopftuch herum. 
Wir steuern Diyarbakir, die Kurdenmetropole an, wo noch vor einigen Wochen heftige Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskraeften und Demonstranten stattgefunden haben. Wir sichten einen Migros-Supermarkt und kaufen fast zwei Kilo Müsli ein. In einem Hotelzimmer ganz nach dem Geschmack von Ruth richten wir uns für zwei Tage ein. Mit dem Minibus machen wir einen Abstecher in das malerische Mardin, dessen Post in einem Herrschaftshaus untergebracht ist und der unterbeschaeftigte und gutgelaunte Direktor uns in seinem Büro einen Cay servieren laesst. Das anschliessende Essen in der Lokanta schmeckt zwar vorzüglich, doch unsere Maegen rebellieren und wir müssen dies mit Durchfall bezahlen. Wieder in Diyarbakir, bereits Nacht, will Maurizio seinen Vorrat an Antibiotika aufstocken (das hier - rezeptfrei - etwa nur einen Drittel des schweizerischen Preises kostet!). Waehrend sich Maurizio an der Theke bedienen laesst, wartet Ruth auf einem Stuhl am Eingang der stark frequentierten Apotheke und schreibt - nichts Boeses ahnend - SMS. Ploetzlich schreit Ruth laut auf (als wollte sie einen Koepek erschrecken), Maurizio dreht sich um und rennt zusammen mit einem anderen Kunden los. Doch der Dieb ist weg. Dieser wollte mit einem klassischen Entreissdiebstahl Ruths Handy entwenden. Zum Glück blieb es beim Versuch, denn beim Handgemenge fiel es auf den Boden und der dreiste Dieb musste davon ablassen. Wir kommen mit dem Schrecken davon.
Nur wenige Kilometer nach Diyarbakir kann Maurizio bei einer Wegkreuzung wieder einmal seinen Drahtesel auf den Kopf stellen, seinen zehnten Platten reparieren und gleichzeitig das etwas verknautschte Felgenband auswechseln. Ein etwas penetranter Herr redet dabei ununterbrochen auf uns ein und spricht schliesslich das Zauberwort 'misafir' aus. Sein Cousin faehrt kurze Zeit spaeter in seinem dicken Jeep vorbei und gibt uns zu verstehen, in der naechsten Ortschaft beim groessten Haus am Dorfrand Halt zu machen. Wir fahren entlang saftiger, dunkelgrüner Weizenfelder, die durch Blumenwiesen und Mohnfelder unterbrochen werden. Bald sehen wir das grosse Haus und F.T. kommt uns in seinem Jeep entgegen. Sein Anwesen ist herrschaftlich. Er ist Ingenieur Agronom, Grossgrundbesitzer und offensichtlich wohlhabend. Wir erhalten ein Gaestezimmer, das groesser als die gesamte Wohnung von Ruth ist. Die ganze Familie wird uns vorgestellt. Nach dem Essen verschwinden die Maenner nach unten, wo gepafft wird, Okai 101 gespielt und der Bedienstete Cay serviert. Sobald das Glas Cay leer ist, heisst es in einem leicht strengen Ton: 'Ramazan, Cay!'. F.T. ist wie das ganze Dorf, das im Zuge der Reformen Atatürks umbenannt worden ist, armenischer Abstammung. Als ich das Wort 'armenisch' auf meiner Strassenkarte aufschreibe, streicht F.T. es durch: 'Problem militar'. Am naechsten Morgen tischt uns Ramazan im Garten ein fürstliches Kavalti (Zmorge) auf. Die Magenprobleme bestehen weiter und wir machen in Silvan Halt, wo wir mangels Hotel im 'teachers house' ein Zimmer erhalten. Am naechsten Tag steht uns dann ein sehr schwerer Abschied bevor. Ruth nimmt einen Minibus nach Dyiarbakir und von dort das Flugzeug nach Hause..
Hier in der überwiegend kurdisch besiedelten Teil der Türkei (ca. 12 Millionen Kurden) versuchen wir - soweit die Sprachkenntnisse ausreichen - den Kurden auf den Zahn zu fühlen. Das Laecheln der Kurden verwandelt sich zu einem breiten Grinsen, wenn man sie mit 'Rojbas' begruesst..
In den 80er und 90er Jahren sind im Südosten der Türkei im Krieg zwischen dem Militaer und der kurdischen Arbeiterpartei - der PKK - rund 37,000 Menschen, ganz überwiegend Kurden, ums Leben gekommen. Zahlreiche Kurden sind brutal gefoltert worden, aus ihren Doerfern vertrieben und zwangsumgesiedelt worden. Wie sieht die Situation heute aus ? Misshandlungen und Folter geben gemaess Angaben von amnesty international nach wie vor Anlass zu grosser Sorge. Die Kurden werden ihrer Herkunft wegen benachteiligt und systematisch von gewissen staatlichen Aemtern ausgeschlossen.
Unbefriedigende Menschenrechtslage
Ein 40-jaehriger Iraner kurdischer Herkunft, den wir in einem Internet-Cafe antreffen, verlor in den 80er Jahren beim irakischen Giftgasangriff saemtliche 20 Familienmitglieder auf einen Schlag und lebt seither in Norwegen als Fluechtling. Er ist sichtlich verbittert über die taeglichen Schikanen und Benachteiligungen von Kurden. Die Polizei verweigere den Kurden Empfehlungsschreiben. Der Gebrauch der kurdischen Sprache, des Kurmanci, wird allenfalls geduldet ist aber ansonsten nach wie vor verpoent und hat in der von Atatürk proklamierten türkischen Einheit keinen Platz.
Zwar sind gewisse Verbesserungen im Hinblick auf einen allfaelligen EU-Beitritt zu verzeichnen, doch die halbherzigen Reformen der Regierungen sind Flickwerk geblieben. 1982 ist Kurmanci in der türkischen Verfassung verboten worden. 2002 ist es wieder zugelassen worden. Seit Maerz dieses Jahres dürfen regionale Sender in Kurdisch senden, allerdings nur 45 Minuten pro Tag und maximal 4 Stunden pro Woche, wobei die Beitraege mit türkischen Untertiteln gesendet werden müssen. Kein Wunder, dass die meisten Kurden RojTV (ehemals MedTV bzw. MedyaTV) mit Sitz in Daenemark via Satellit empfangen.
Maurizio erinnert sich an ein Gespraech in Istanbul mit einem 'colonel retraite', dessen Mutter Kurdin war. Auch er erzaehlt über die Benachteiligungen von Kurden. Aus Angst will er ungenannt bleiben und will sich nicht ablichten lassen. Ein Angestellter einer Tankstelle ist offenherzig: in 'Isvicre' (Schweiz) herrsche 'cok democrasi' (viel Demokratie), mehr noch als in Europa. In der Türkei hingegen werden Kurden nach wie vor diskriminiert Einige Kurden ziehen sogar ueber den Staatsgruender Atatuerk her..
In zahlreichen Gespraechen mit Türken wird klar, dass die Idee einer türkischen Einheit tief in den Koepfen sitzt. 'I don't like the curds.' musste sich Maurizio in Westanatolien oft anhoeren. Viele Tuerken raten sogar von Reisen in den Suedosten ab und empfehlen wegen der angeblich zahlreichen Terroristen, lieber den Bus zu nehmen. Ein Lehrer in Silvan meint, dass die Kurden doch zufrieden sein müssten, sie haetten heutzutage Internet. Auf unsere Einwaende, dass erstens nicht alle Kurden Zugang zum Internet haetten und zweitens das Internet einen demokratischen Staat nicht davon entbinde, die Sprachenfreiheit zu gewaehrleisten, will er nicht eingehen. Die Lehrer in Silvan sind jung und stehen mehrheitlich am Anfang ihrer Laufbahn, die im unbeliebten Südosten 'abverdient' werden muss. Dabei wird offenbar auch die Erkenntnis gewonnen - wie ein Lehrer uns mitteilt - dass das kurdische Volk nicht anders sei wie das tuerkische und gleichen Gewohnheiten nachlebt. Derselbe Lehrer bedauert deshalb, dass sich seine (tuerkische) Familie un ihn sorgen wuerde, nur weil er im kurdischen Gebiet unterrichte.
Wir haben den Eindruck erhalten, dass die Türkei die Terroristen-Geschichte aufbauscht, um die augenfaellige Praesenz des immensen Militaers und die damit einhergehende Einschüchterung rechtfertigen zu koennen Trotz dieser Situation sehen die Kurden ihre Lage gegenueber den 80er Jahren als markant verbessert. Sie wirken positiv eingestellt und hoffnungsvoll. Eigentlich ein guter Boden fuer eine solide politische Loesung, die einer Demokratie wuerdig waere..
20 Mai 2006
Rojbas !
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Maurizio
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21:21
12 Mai 2006
Als 'misafire' unterwegs
Von Kayseri waere das 90 Kilometer entfernte Pinarbasi gut in einer Tagesetappe zu erreichen gewesen. Die an der Landstrasse gelegene Seldschuken-Karavanserai 'Karatay Hani' aus dem 13. Jahrhundert weckt unsere Neugier. Bei der Einfahrt ins Dorf verheddert sich die Kette von Maurizios Velo derart unglücklich, dass ein laengerer Halt noetig ist, um die Kette aufzubrechen und wieder zu vernieten. Schon nach wenigen Minuten sind wir von den maennlichen Dorfbewohnern jeglichen Alters umzingelt. Für Ruth wird sofort ein Stuhl hergebracht. Maurizio schlaegt die etlichen Ratschlaege der Schaulustigen, die mit Ochsengewalt an der Kette zerren wollen, etwas veraergert in den Wind. Ruth verfolgt gespannt die ganze Szene, und die Heimkehr der Kühe im Hintergrund rundet das Bild ab. Nach getaner (nicht notwendig erfolgreicher!) Arbeit wird Maurizio Tee, Wasser, Seife und ein Handtuch gereicht. Nun koennen wir uns - begleitet von einer riesigen Kinderschar - endlich die wunderschoene Karavanserai zu Gemüte führen. Wir sind danach spaet dran und Eile ist angesagt. Leider hat Maurizio bei der Reparatur übersehen, dass sich zwei, drei Kettenglieder arg verbogen haben und die Kette nun munter über die Zahnkraenze hin und her springt. Nachdem die laedierten Kettenglieder ersetzt sind, fahren wir einige Kilometer, müssen aber wohl oder übel bald Halt machen. Waehrend Maurizio eine stilvolle Übernachtung in der Karavanserai vorzieht (und das Zurückradeln gegen den Wind nicht scheut), setzt sich Ruth mit der Zeltübernachtung hinter einer heruntergekommenen Tankstelle durch. Wir kochen am Eingang der Damentoilette, wo wir von erdnussgrossen Kaefern belaestigt werden. Die freundlichen Angestellten der Petrol Ofisi haben Erbarmen mit uns und wir duerfen uns im Innern aufwaermen.
In Pinarbasi stocken wir unseren Vorrat an Schafskaese auf. Die Stadt liegt bereits auf über 1'500 m.ü.M. Die Strasse steigt nun stetig an. Die weite Landschaft ist eben und karg, im Hintergrund sind schneebedeckte Berge zu sehen, es wird merklich kaelter. Schafherden ziehen vorbei. Ein quirliger und herzlicher Hirte stellt sich als Metin vor und gibt uns zu verstehen, das wir bei seinem 'arkadas' (Freund) Tunay Tarkay in der naechsten Ortschaft übernachten koennen. Er kritzelt den Namen auf einer Postkarte, mit der wir uns im Weiler Olukkaya, wo uns die Bewohner mit riesengrossen Augen anstarren, durchfragen. Wir treffen Tunay Tarkay vor dem schoensten Haus der Ortschaft an und eroeffnen ihm unser Ansinnen. Ohne grosse Worte laechelt er uns zu und laedt uns als 'misafire' (Gaeste) zu sich nach Hause, wo uns seine Schwester, seine Ehefrau und sein 6 Monate altes Kind erwarten. Tunay und Cemile Tarkay sind auesserst gastfreundlich und ein untypisches türkisches Paar. Er ist Physikprofessor in Ankara, sie Textillehrerin. Seit 20 Jahren ein Paar aber erst seit einem Jahr verheiratet. Sozialistischer Gesinnung verbringen sie ihre Ferien, wenn nicht gerade in Olukkaya, gerne in Kuba. Cemile ist tschetschenischer Herkunft waehrend Tunay aus dem Kaukasus stammt (wo genau konnten wir mangels genuegender Kommunikation nicht in Erfahrung bringen). Das Haus hat der Urgrossvater vor hundert Jahren gebaut. 
Wohlgestaerkt verabschieden wir uns am naechsten Morgen. Cemile hat uns bereits lieb gewonnnen: 'I like you very much'. Sie gibt uns noch reichlich Proviant mit. Unmittelbar nach unserer Abreise faengt es an zu regnen. Auf der Passhoehe haelt ein alter Mercedes-Lastwagen, Jahrgang 1976, an. Ein junges franzoesisches Paar in Begleitung eines Schaeferhundes steigt aus. Anais und Arnaud bereiten uns in dem zu einer Wohnung umfunktionierten Laderaum einen Kaffe. Sie kehren aus einer Reise nach Nepal zurueck. Kaum aus dem Lastwagen, wird der Regen wieder heftiger. Bei der folgenden Talfahrt fallen Ruth vor Kaelte fast die Haende ab (kein Wunder, die Windstopperhandschuhe sind laengst durchnaesst), sodass Maurizio gentlemen-like seine noch trockenen Handschuhe opfert. Nach einer weiteren Stunde Regenfahrt knurrt unser Magen derart stark, dass wir die Suche nach einem Unterstand aufgeben und im Regen die Böreks von Cemile hineinschoppen. Ein tuerkischer Lehrer beobachtet uns und ruft uns sofort zu sich nach Hause. Er feuert rasch den Kamin ein, wir improvisieren ein Zvieri, er bietet uns seinen hausgemachten Bal (Honig) an, wir steuern Schafskaese bei. Nach einer halben Stunde ist der Regenspuk vorbei, die Sonne scheint durch, doch - au weia - ein Platten (Nummer 7 glaube ich) haelt uns wieder einmal auf. Nach einem letzten Pass erreichen wir endlich Gürün, das zwischen Kayseri und Malatya liegt.

Nach Gürün führt uns die Fahrt durch ein herrliches canyonartiges Tal. Ockerfarbene kahle Bergflanken kontrastieren mit der grünen Flussoase. In der kleinen Ortschaft Darende werden wir gleich von jungen Jandarmas in Beschlag genommen und freundlich zum Tee eingeladen. Pro Tag nehmen wir übrigens durchschnittlich vier bis fuenf Einladungen an. Ebensoviele wenn nicht noch mehr müssen wir aus Zeitgründen leider ausschlagen. In der kleinen Ortschaft Asagiulupinar fragen wir nach einem geeigneten Plaetzchen für unser Zelt. Die teetrinkende Maennerrunde bringt wenig Verstaendnis für unser Vorhaben auf und schlaegt uns stattdessen vor, bei einem Bauern zu übernachten. Das nahende Gewitter und der einsetzende Regen lassen uns einlenken. Mehmet Ali Cep nimmt uns zu sich nach Hause, wo seine Ehefrau und die fünf Kinder bereits warten.
Als wir in Malatya (700 km südoestlich von Ankara) ankommen und den ersten grossen Supermarkt ansteuern, nimmt uns gleich ein junger Soldat in Beschlag. Er habe uns bereits bei unserer Ankunft gesehen und da er selber gerne Velo fahre, moechte er uns unbedingt kennenlernen. Spontan bietet er uns an, in seiner Wohnung, die er mit zwei Militaerkameraden teilt, zu übernachten. Ümit Seven (links auf dem Bild oben), 22 Jahre alt, Helikoptermechaniker, umsorgt uns wie eine Mamma. Die dreckige Waesche kommt flugs in die Waschmaschine. Im In-Lokal von Malatya laedt er uns zu Manti (Mini-Teigtaschen) mit Joghurt und viel Knoblauch ein. Jegliche Bezahlungsversuche unsererseits scheitern klaeglich.
Ümit kennt als Soldat die aktuelle Lage im Südosten des Landes und segnet unsere Reiseroute ab. Die Lage ist in dieser Gegend etwas angespannt und das Militaer plant in naher Zukunft eine grosse 'operasyion', wie den Zeitungen entnommen werden kann. Ümits Kompagnon Goekhan (rechts auf dem Bild oben), der am darauffolgenden Tag als Zeuge vor Militaergericht aussagen muss und deswegen frei hat, übernimmt am naechsten Morgen den Hütedienst. Mit seiner Hilfe buchen wir eine Sunset-Sunrise-Tour zum Nemrut Dag und reisen am Mittag bereits ab. Unsere Velos und unser Gepaeck koennen wir in der Wohnung von Ümit lassen.
Der Nemrut Dag (Link) ist mit 2'150 Metern Hoehe einer der hoechsten Berge des noerdlichen Mesopotamiens. Auf dem Gipfel thronen die Überreste des Grabmals des Koenigs Antiochos I. Theos (69-36. v. Chr.). Beeindruckend sind die Haeupter der riesigen Goetterstatuen am Fusse des künstlich aufgeschütteten, 150 Meter hohen Grabhügels. Kaum am Gipfel angelangt, zieht dichter Nebel auf und die Sonne laesst sich in den folgenden zwei Stunden nur für wenige Sekunden blicken. Den 'Sunrise' koennen wir am Morgen wegen anhaltenden Nebels und Regens abhacken und dafür zwei Stunden. In Malatya erwartet uns Ilyas, ein weiterer Freund und Arbeitskollege von Ümit (der übers Wochenende nach Ankara gefahren ist). Tags darauf begleitet er uns bis zum Ortsausgang. Wir sind gespannt auf den kurdischen Teil der Türkei.
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Maurizio
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23:20
06 Mai 2006
Kappadokien zu(m) zweit(en)

In Aksaray, 200 km südoestlich von Ankara, wartet Maurizio vergebens beim Otogar (Busbahnhof). Ruth ist nach Kayseri geflogen und hat dort einen Bus nach Aksaray genommen. Samt ihrem sperrigen Gepaeck wird sie auf einer einsam gelegenen Tankstelle einige Kilometer vom Otogar entfernt abgeladen. Nach einigen hektischen Telefonaten wird ein Bustaxi organisiert, das uns spaet nach Mitternacht vors Hotel faehrt. Der anhaltende Regen am naechsten Tag ermuntert uns nicht zum Start. Nachdem wir das Velo von Ruth ausgepackt und zusammengebastelt, etwas zum Essen eingekauft haben und bereits zweimal zum Tee eingeladen worden sind, geht die Reise um drei Uhr nun in trauter Zweisamkeit weiter. Der Regen hat zwar nachgelassen, dafuer erwartet uns gleich nach der Stadt ein hartnaeckiger Gegenwind. Der Anstieg wird so noch anstrengender. Wir sind froh, nach 15 Kilometern nach rechts abbiegen zu koennen, um nun den Wind nur noch von der Seite zu spüren. Wir sind unsicher, ob die naechste Ortschaft eine Unterkunft bietet und so entschliessen wir uns - Ruth zaehneknirschend - in einer für Kappadokien typischen Tuffstein-Hoehlenwohnung zu übernachten. Frühmorgens begrüsst uns ein geselliges Hirten-Bruderpaar mit seiner Schafherde, dem Esel und den fünf Koepeks (Hunden). Bei etwas Sonnenschein koennen wir - Ruth mehr schlecht als recht ausgeruht - die Reise fortsetzen.
Bald treffen wir in Selime ein, das wegen seiner beeindruckenden Tuffsteinkegeln bekannt ist. Im Dorf werden wir sofort von den Schülern in ihren blauen Schuluniformen umzingelt, die uns ihre 'Hello' und 'What's your name?' zurufen. Schon bei der ersten Gasse werden wir von einer Grossfamilie zum Tee eingeladen. Weiter oben treffen wir auf Abidin Abur, der uns stolz die traditionelle Backstube seiner Frau zeigt und uns gleich einige noch warme Fladenbrote und Goezlemes mit auf den Weg gibt. Waehrend wir um die Steinkegel herumwandern, passt er auf unsere Velos auf. Zum Abschluss laedt er uns in sein kleines Haus ein, wo wir am Boden sitzend die leckeren mit Spinat gefüllten Goezlemes und Ayran serviert bekommen. Zum Glueck beherrscht Maurizio ein paar Brocken Tuerkisch, so dass doch das Wichtigste (Alter, Beruf, Zivilstand, Reiseroute etc.) ausgetauscht werden kann. Beim Ortsausgang von Selime haengt sich uns - wohl zum Schutz vor den gefürchteten Hirtenhunden, die es auf die strammen Velofahrer/innenwaden abgesehen haben - ein schwarzer Koepek an, der uns unglaubliche 20 Kilometer durch das malerische Ihlara-Tal bis zu unserem Tagesziel Güzelyurt begleitet. 
Hier erhalten wir einen kleinen Vorgeschmack auf die riesige Untergrundstadt, die uns spaeter erwarten wird. In der kleineren von Güzelyurt ist echte Kletterkunst gefragt. Die verschachtelten und engen Gaenge koennen leicht klaustrophobische Anfaelle hervorrufen. Kaum am Tageslicht ruft schon der Baerenhunger, der mit Tomaten, Gurken, Schafskaese und Ekmek (Brot) gestillt werden will. Der Weg nach Derinkuyu fuehrt durch eine islaendisch anmutende Vulkanlandschaft, die mit einem riesigen tuerkisblauen Kratersee ueberrascht. In Derinkuyu aergert sich Maurizio ueber ein verstaubtes Gesetz des Kültürministeriums, das den Gebrauch von Fotostativen in der Untergrundstadt verbietet. Nichtsdestotrotz (schliesslich gibt es auch Ministative) erkunden wir die uralte Stadt, die sich ueber 20 Stockwerke unter dem Boden erstreckt und 30'000 Menschen Platz bot. Sie diente den Bewohnern als Schutz vor den an der Seidenstrasse haeufigen Überfaellen. Wichtige Verbindungsstollen konnten bei Gefahr mit metergrossen Steinen verriegelt werden. Heute kann nur ein kleiner Teil über acht Stockwerke besichtigt werden. 
Die Fahrt fuehrt uns weiter nach Üchisar und Goereme, dem Herzen Kappadokiens. Die Burg von Üchisar bietet einen atemberaubenden Blick über die weitlaeufige maerchenhafte Tuffsteinlandschaft. Wir koennen uns kaum sattsehen. Im trendy Goereme nisten wir uns wieder im Traveller's ein, wo wir ein hübsches Hoehlenzimmer zugewiesen erhalten - einiges angenehmer als unsere erste 'Hoellenübernachtung'. Gekocht wird auf dem Dach des Hotels bei untergehender Sonne mit praechtiger Sicht auf die Stadt. Das Menu ist Coralli con piselli e ricotta, Salat und Cola Turka.
Bevor wir Richtung Kayseri aufbrechen, kurven wir noch durch die eindrückliche Landschaft und bestaunen die bizarren Steinformationen. Genug von den Touristenbussen und den zahlreichen Souvenirstaenden verlassen wir Ürgüp, nicht ohne einen letzten Tee bei einem schweizbegeisterten Teppichhaendler getrunken zu haben. Bei der Routenwahl verhauen wir uns maechtig und, anstatt den direkten und flachen Weg zu nehmen, steuern wir geradezu auf einen Berg zu, der uns zu unzaehligen Pausen und Schiebepartien zwingt. Nach zwei Stunden erreichen wir endlich Aksalur,wo wir verschwitzt eine Einladung zum Tee annehmen - bald ist das halbe Dorf um uns versammelt. Ausgangs des Dorfes warnt uns ein Bauer auf einem Esel vor drei boesen Koepeks. Mit Aesten und Trillerpfeife bewaffnet, koennen wir die mit eisigen Stachelhalsbaendern bestueckten und grimmig bellenden Vieher erfolgreich vertreiben. In sicherer Distanz suchen wir uns ein Campingplaetzli unter freiem Himmel aus.
Am naechsten Mittag erreichen wir nach einer schoenen Talfahrt Incesu (30 km vor Kayseri). Wir werden sofort von einer jungen Frau, der Kulturbeauftragten in Incesu ('Incesi Beledyiesi Kültür Evi') in Beschlag genommen. Sie zeigt uns die sehr gut erhaltene Karavanserai 'Karamustafapasa' aus dem 17. Jahrhundert, in der die Kamelkarawanen auf der Seidenstrasse Schutz und Unterkunft fanden. Als wir endlich aufbrechen wollen, bemerkt Maurizio seinen sechsten Platten. Kayseri, 330 Kilometer südoestlich von Ankara entfernt, erreichen wir am spaeten Nachmittag.
Posted by
Maurizio
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21:56



