
Abgesehen vom aeusserst misstrauischen iranischen Grenzbeamten, der mich minutenlang ausmustert und seinen Blick vom Passfoto zu mir hin- und herschwenkt, gestaltet sich die Ausreise aus dem Iran problemlos. Da ich im Transitbereich uebernachten durfte, bin ich einer der ersten und wenigen Passagiere, die 'abgefertigt' werden. Es sind ueberwiegend Lastwagen, welche die Grenze Sarakhs passieren. Zum Glueck habe ich mir wenigstens noch den Bart abrasieren lassen, denn der Beamte ist sich nicht sicher, ob ich tatsaechlich der rechtmaessige Inhaber des Passes bin. Ich muss mir das Grinsen verkneifen. Immerhin bemerkt der Beamte, dass ich etwas laengere Haare habe und auch eine neue Brille trage. Schliesslich stempelt er aber das Ausreisedatum in meinen Pass und entlaesst mich mit einem 'choda hafez'.
Ich kann nun ueber die Grenzbruecke zum turkmenischen Zoll fahren, wo ich um Jahrzehnte zurueckgeworfern werde. Ein heruntergekommener Raum in einem alten Haus dient als Grenzbereich. Zunaechst trete ich in ein toilettengrosses verrauchtes Buero ein, wo ein Beamter in Gesellschaft zweier Freunde gerade ein paar Samsas (gefuellte Teigtaschen) verspeist. Mein Name und die Passnummer werden zunaechst in ein Milchbuechlein eingetragen. Anschliessend werden mir nebenan 10 Dollar Eintrittsgebuehr abgeknoepft. Nachdem ich ein paar Fackel ausgefuellt habe, halten es die rund 8 Grenzbeamten sowie einige Soldaten mit doofen Safarihueten, die sich gegenseitig auf die Fuesse treten, nicht mehr aus und inspizieren mein Gepaeck. Ich darf saemtliche Packtaschen auf einem grossen Holztisch ausleeren. Ich spiele das Spiel mit und nutze die Gelegenheit, um meine Packordnung unter die Lupe zu nehmen. Sobald eine Packtasche kontrolliert worden ist, nehme ich mir reichlich Zeit, um meine Ausruestung sorgfaeltig zu versorgen. Irgendwann finden sie meinen MP3-Player. Ein hoeherer Beamter vollfuehrt fast Freudenspruenge, als er turkmenische Musik aus dem High-Tech-Geraet vernimmt. Zu meinem Erstaunen gibt die Reiseapotheke zu keinen Diskussionen Anlass. Nach einer Stunde ist die Neugier und Langeweile der Grenzbeamten gestillt und bei der sengenden Mittagshitze kann ich meine Fahrt durch Turkmenistan endlich starten.
5-Tage-Rennen durch Turkmenistan
Zwei Dinge fallen mir in Turkmenistan, stellvertretend fuer ganz Zentralasien, auf: die Goldzaehne der Einwohner und die "gazly suv"-Staende, in denen man sich mit Sprudelwasser und Sirup erfrischen kann. Turkmenistan, das vom Praesidenten Saparmurat Nyiazov - genannt Turkmenbashi (Vater der Turkmenen) - mit eiserner Faust regiert wird, ist touristisch einer der unzulaenglichsten Staaten. Touristenvisas gibt es nur fuer 10 Tage, einschliesslich einer Ueberwachungsperson und vorgegebener Reiseroute. Mehr Bewegungsfreiheit hat man mit einem fuenftaegigen Transitvisa. Allerdings mutiert diese zu einem 5-Tage-Rennen durch die Karakum-Wueste. 500 Kilometer in etwas mehr als 4 Tagen sind fuer einen vollbeladenen Radfahrer knapp bemessen. Von anderen Tourenfahrern wusste ich, dass ein hartnaeckiger Nordost-Wind einem das Leben schwer machen kann und manche auf einen Truck aufsteigen mussten. Was wird mich erwarten?
Der leichte Gegenwind stoert mich auf meinen ersten 90 Kilometern - einer Abkuerzung - noch nicht gross. Vielmehr ist es die ueppige Hitze und der Mangel an frischem Wasser, die an meinen Kraeften zehren. Die Strasse ist in einem derart schlechten Zustand, dass ich den ganzen Tag nur einer Handvoll Autos begegne. Gegen den spaeten Nachmittag wird die Landschaft merklich gruener - das Resultat eines grossangelegten Bewaesserungssystems. Ich kann bei freundlichen jungen Turkmenen in ihrem Hof uebernachten. Auf einem mit Teppichen ausgelegten Holzgestellen essen wir zusammen und werden von den Muecken fast aufgefressen. Aus dem alten Kamaz-Lastwagen laeuft turkmenische Popmusik. Dank meines Phrase-Books kann ich mich einigermassen verstaendigen. Anschliessend fliehen wir vor den Muecken und legen uns auf dem Dach des Hofgutes schlafen. In der Nacht erschrecke ich: es donnert und sturmartige Boeen reissen uns die Decken fast weg. Am naechsten Morgen bin ich erstaunt, als einige Tropfen vom wolkenbedeckten Himmel fallen.
Die naechsten drei Tage werden zumeist wolkenverhangen sein, sodass der Wind abdreht und mir zur Seite steht. Mit leichtem Rueckenwind fahre ich an drei Tagen je 130 Kilometer. Die Landschaft ist zwar eintoenig, durch das Wetterglueck bedingt geniesse ich aber die Fahrt. Die hauefigen Kontrollen durch junge Polizisten sind harmlos. Ein besonders stolzer Gockel steigt sogar auf mein Rad, tritt gleich mal kraeftig in die Pedale, kann das Gleichgewicht des schweren Gefahrts nicht mehr halten und fliegt prompt auf die Strasse.
Alle 50-70 Kilometer findet sich in der Wueste eine kleine Ortschaft mit genau einer Chayhane (Teehaus), in welcher ein Verpflegungspause zwingend ist. Und waehrend man dann seine Laghman (Nudelneintopf) verspeist, wird man meist gebeten, sich wie alle anderen Velofahrer ebenfalls in einem Guest-Book einzutragen. Viele Namen sind mir bekannt und manche sind mir bereits entgegengefahren. Einige beklagen sich ueber den Wind und wenige sind am letzten Tag vor Ablauf des Visums noch knapp 100 Kilometer von der Grenze entfernt ! Hier in Turkmenistan kann ich endlich auch richtige Kamelherden beobachten. Am vierten Tag treffe ich am spaeten Nachmittag bereits in Turkmenabat unweit der usbekischen Grenze ein. Meine Hoffnung, mir rasch ein guenstiges Zimmer zu finden und die Stadt zu geniessen, muss ich irgendwann mal begraben. Die Stadt verwirrt mich: sie hat kein richtiges Zentrum, die Strassen sind kilometerlang und sehr breit. Ich fahre den gleichen Boulevard einige Male hin und her. Mit Hilfe eines Taxifahrers finde ich dann endlich das guenstigste Hotel gemaess Reisefuehrer. Dieses hat aber vor kurzem dichtgemacht. Die Suche faengt von vorne an. Kurzum: erst um 22 Uhr habe ich ein Dach ueber den Kopf. Die Restaurants haben bereits geschlossen und so befehle ich einem Taxifahrer, mich irgendwohin zu fahren, wo es etwas Essbares gibt. In einem Hinterhof erhalte ich dann endlich Shashlik (Fleischspiesschen).
Am naechsten Morgen schlafe ich aus und kann dann in Ruhe nochmals durch die Stadt schlendern, welche von monumentalen Statuen und zahlreichen Bildern Turkmenbashis geschmueckt ist. Der Personenkult Turkmenbashis nimmt bizarre Formen an: so soll vor kurzem in der Hauptstadt Ashgabat eine der groessten Moscheen vollendet worden sein. An der Fassade prangen nebst Auszuegen aus dem Koran auch solche aus dem Buch Turkmenbashis "Ruhname" ueber die Geschichte der Turkmenen. Das Buch "Ruhname" ist fuer saemtliche Studenten zur Pflichtlektuere erhoben worden. Turkmenistan verdankt seine Stabilitaet den grossen Erdoel- und Erdgasvorkommen. Ein Liter Benzin kostet kaum 5 Rappen.
Nach Turkmenabat ueberquere ich den Fluss Amu-Darya, in der Antike Oxus genannt. Das Gebiet zwischen den Fluessen Amu-Darya und Syr-Darya wird auch Transoxanien genannt. Die beiden Fluesse speisen den Aral-See. Die groessenwahnsinnigen Kanalprojekte aus Sowjetzeiten zur Bewaesserung der Baumwollfelder haben dem Aralsee fast das gesamte Zuflusswasser genommen. Der See ist innert weniger Jahrzehnte auf einen Bruchteil der urspruenglichen Groesse geschrumpft. Die Fischerei, welche einstmals rund 60'ooo Leute beschaeftigte, ist vollstaendig zum Erliegen gekommen. Das Traurige ist, dass eine der weltweit groessten oekologischen Katastrophen vorhergesehen und in Kauf genommen worden ist.
Im Herzen der Seidenstrasse
In Usbekistan kann ich es endlich ruhiger angehen. In der ersten Ortschaft frage ich nach einer Chayhane. Ein Herr gebietet mir, ihm auf seinem Rad zu folgen. Minuten spaeter gesellen wir uns zu einer rund 50 Kopf starken Bankettmaennergesellschaft. Die Tische sind mit Trauben, Aepfeln, Melonen und allerlei Suessigkeiten reich geschmueckt. Trotz Woerterbuch gelingt es mir nicht, den Anlass fuer das Festessen in Erfahrung zu bringen. Was soll's, das Essen schmeckt vorzueglich. Der Vodka darf bei solchen Gelegenheiten natuerlich nicht fehlen und ich darf mit Uemit, Istan und wie sie alle heissen anstossen. Ein, zwei, am Schluss werden es etwa wohl 8 Schuesseln Vodka sein (alle ex). Mittlerweile habe ich derart heiss, dass ich schweissgebadet bin und meine Kleider am Koerper kleben. Die bekanntesten Italiener in Zentralasien sind hier Adriano Celentano, Toto Cutugno und - wer haette es erahnt? - Michele Placido (der einen Kommissar in einer Mafia-Serie spielt). Bald fange ich an, "Azzurro" zu singen. Zum Glueck befinden sich in der Naehe einige dieser Essgestelle, wo ich meinen Rausch ausschlafen kann. Willkommen in Usbekistan !
Hier in Usbekistan befinden sich zwei glanzvolle Staedte an der Seidenstrasse, welche reich an islamischer Baukunst sind: Buchara und Samarkand. Eng verknuepft mit diesen beiden Staedten sind die Namen Dschingis-Khan und Tamerlan. Der auesserst brutale Mongolenherrscher Dschingis-Khan vernichtete die beiden hochzivilisierten Staedte anfangs des 13. Jahrhunderts. Der Handel auf der Seidenstrasse versiegte. Tamerlan, der rund 150 Jahre spaeter sein Reich mit der gleichen Bestialitaet wie Dschingis-Khan ausweitete, ernannte hingegen Samarkand zu seiner Hauptstadt und liess praechtige Moscheen, Medressen, Mausoleen und Karavansereien errichten.
Das beschauliche Buchara gleicht einem Freilichtmuseum. Allerdings ist es hier ueber 40 Grad heiss, sodass bereits vor Mittag mit dem Sightseeing Ende ist. In Samarkand hingegen ist es merklich "kuehler". Geplant war, von Samarkand aus einige Tage nach Tashkent zu fahren, um dort ein China-Visum zu beantragen. Hier in Dushanbe erhaelt man aber problemlos ein 3-Monats-Visum, sodass ich mich bis zum Beginn des Tadjikistan-Visums am 20. Juli in Samarkand ausruhen kann. Als es mir in Samarkand langsam langweilig wird, sorgt der Diebstahl meines Velos fuer Aufregung.
Bildergalerie
Nach ueber fuenf Monaten "on the road" wird es Zeit fuer eine kleine Dia-Rueckschau. Hier geht es zu den Fotos (anklicken).
27 Juli 2006
Transoxanien - im Herzen der Seidenstrasse
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Maurizio
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17:34
26 Juli 2006
Ausgetraeumt ?
Es ist geschehen, was nicht passieren darf. Eine Horrorvision: mein Velo ist gestohlen worden ! Als ich am Sonntag vor einer Woche in einem Internet-Cafe in Samarkand sitze, ist mein Velo kurzerhand samt Schloss davongetragen worden. Als ich das Lokal verlasse und mein Fahrrad nirgends mehr sehe, stockt mir der Atem. Das darf nicht sein! Meine Reise so abrupt zu Ende? Ich schreie den Besitzer des Cafes an: "Where is my bicycle?" Der grinst nur bloede, laesst seine Goldzaehne glitzern und meint, ich haette doch das Velo lieber ins Lokal reingenommen, ich sei doch selber schuld. Die Polizei will er nicht benachrichtigen. Daraufhin renne ich zum Hotel zurueck und zusammen mit dem herzensguten Mr. Bahodir des Bred und Breakfast, wo ich lebe, gehen wir zur Polizei. Bis zum Vormittag wird am Tatort fotografiert, einvernommen und protokolliert, als sei ein Kapitalverbrechen passiert. Kurz vor vier Uhr duerfen Mr. Bahodir und ich dann uebermuedet endlich zurueck ins Hotel.
Am naechsten Morgen werde ich zur Polizeistation gefahren. Etwa 60 Polizisten und Helfer haben sich hier eingefunden und werden instruiert, um nach meinem Velo zu fahnden. Ich bin beeindruckt und beruehrt. Dennoch glaube ich nicht, dass mein Velo gefunden wird. Das wird fuer die naechsten Wochen und Monate irgendwo eingelagert, male ich mir aus.
Meine Reise beenden will ich wegen des Diebstahls auf keinen Fall. Mein Usbekistan Visum wird in wenigen Tagen ablaufen und ich kann nicht warten, bis mein Velo gefunden wird. Ein Ersatz muss her, koste es was wolle. Mein anderes Tourenbike express nachschicken zu lassen, kommt mir dann allerdings zu teuer zu stehen. Riesenglueck im Unglueck: Mr. Bahodir besitzt ein altes Mountain Bike, das er von einem franzoesischen Tourenfahrer praktisch geschenkt erhalten hat und das er mir spontan weiterverschenkt. Es sieht nicht schlecht aus und ich koennte mit diesem die Reise wagen. Per SMS teile ich meinem Bruder Pietro mit, welche Teile ich dringend benoetige, um das Rad tourentauglich aufzuruesten. Mein Plan ist, mit dem Bus nach Dushanbe (Tadjikistan) zu fahren, um dort das Paket in Empfang zu nehmen und dann meine Reise mit dem Rad fortzusetzen. Mental stelle ich mich bereits auf das "neue" Giant Bike ein.
Am Tag nach dem Diebstahl kommen der fallfuehrende Untersuchungsbeamte und acht weitere Polizisten vorbei. Sie haben von meinem Ersatz Wind bekommen und wollen den Fall nun kurzerhand abschliessen, andernfalls ich noch drei Wochen in Usbekistan bleiben muesse. Offenbar ist es ihnen nicht recht, ihrem Vorgesetzten eingestehen zu muessen, dass vor dem Hauptplatz ein Tourist beklaut worden ist. Eine neue Version der Sachlage haben sie bereits zusammengeschustert: ich war im Internet-Cafe, als ich rauskam, meinte ich, mein Velo sei gestohlen worden, ich habe die Polizei informiert und erst am naechsten Tag merkte ich, dass ja mein Velo im Hotel war und ich am Vorabend ohne Velo unterwegs war. Glaubwuerdig, nicht ?
Nun wird diese Geschichte stundenlang protokolliert, das neue MTB und der Hof des Hotels ausfuerlich beschrieben und fotografiert. Schliesslich muss ich in eine Videokamera grinsen und in etwa folgendes Statement zum Besten geben: 'Hi, I am Maurizio, I found my bike. Yesterday as I left the Internet-Cafe I thought that my bike was stolen. That was the reason why I called the police. But I forgot that I went out without bike and that I had it in the hotel. It was my mistake and I am very sorry." Genausogut haette ich auch sagen koennen, dass ich vorher Gras geraucht hatte und ich ein voelliger Idiot bin. Als wir fertig bin, darf ich das alte Protokoll zerreissen und verbrennen. Irgendwann kommt dann ein Vorgesetzter und wir alle binden ihm einen Baeren auf. Die Situation ist komisch und ich kann mir das Lachen kaum verkneifen. Mr. Bahodir meint, dass die neun Polizisten Besseres zu tun gehabt haetten, als nur "talk, talk, talk". Es sei gut gewesen, gute Miene zum boesen Spiel zu machen.
Als ich tags darauf daran bin, das alte MTB auf Vordermann zu bringen, kommt ein Juristenpaar aus London, das am Vorabend im Hotel eingetroffen ist, vorbei. Sie haetten vor dem Registan-Platz einen etwa zehnjaehrigen Jungen auf einem Tourenbike fahren gesehen. Der Lenker und der Lowrider (vorderer Gepaecktraeger) seien Ihnen aufgefallen. Sie haetten sich gedacht, dass muesse mein Fahrrad sein, und haben den Jungen gestellt. Ob das wirklich mein Fahrrad sei? Lange bringe ich kein Wort heraus. Ich umarme Sam und Francesca, meine Helden ! Sie haben mein Fahhrrad wiedergefunden ! Der Dieb muss kalte Fuesse erhalten haben und sich des Fahrrades entledigt haben. Der Bub auf dem Velo hat wohl kaum das Velo gestohlen. Abends spendiere ich Vodka, Bier und Suessigkeiten. Nach der emotionalen Achterbahn kann ich das gut gebrauchen !
Mittlerweile hat nun der Untersuchungsbeamte mitbekommen, dass mein Fahrrad aufgetaucht ist. Dumm fuer ihn, dass nicht einer der zahlreichen Polizisten vor dem Registan-Platz den Jungen angehalten hat und er sich den Finderlohn von 300 Dollar ans Bein streichen kann. Er telefoniert mir ins Hotel: "Mr. Maurizio, we have to do the protokoll and the film again, with your real bike!" Zum Glueck kommt er nicht wie versprochen am naechsten Tag vorbei. Ich packe meine Siebensachen und verlasse Samarkand. Meine Vorfreude auf die bevorstehenden Berge im Pamir-Gebirge ist umso groesser.
Danksagung
Meine Lehren habe ich aus diesem Vorfall gezogen. Als ich diese Zeilen in einem Internet-Cafe in Dushanbe schreibe, steht das Velo meiner italienischer Gastgeber, Angestellte einer NGO, neben mir. Insbesondere meinem Bruder Pietro, aber auch meiner Schwester Lola und meiner Freundin Ruth, die zwei Tage lang fuer mich herumgerannt sind, winde ich an dieser Stelle einen Riesenkranz. Zum Glueck konnten wir das Paket nach Dushanbe noch stoppen und das Material beim Veloplus ganz unbuerokratisch umtauschen. Und natuerlich verbeuge ich mich nochmals vor Sam und Francesca fuer ihre Geistesgegenwart und ihre Entschlossenheit. Thanks Sam and Francesca, you are my heroes !
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Maurizio
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16:32
13 Juli 2006
Heisse Fahrt durch die Kavir-Wueste

Nach drei Tagen Sightseeing in Esfahan gilt es, wieder kraeftig in die Pedale zu treten. Die Temperaturen sind im Zentraliran merklich hoeher als im Norden, wo es teils bewoelkt war oder mir einer der seltenen Regenschauer etwas Abkuehlung verschaffte. Noch heisser wird es in der Wuestenstadt Yazd, rund 300 Km suedoestlich von Esfahan, inmitten der Wuesten Dasht-el-Kavir und Dasht-el-Lut gelegen.
Unterwegs kann ich in einer Polizeistation uebernachten. Unterdessen verlieren die Iraner ihren ersten Fusballmatch. 150 Km vor Yazd will eine Karavanserai besichtigt werden. Dort hat sich ein englischer Tourenfahrer, Stevens, eingefunden, der aber in die entgegengesetzte Richtung faehrt. Zusammen schauen wir uns die Karavanserai an, kochen Pasta (mit frischen Pelati und viel Knoblauch) und verbringen den Abend mit einem aelteren Einheimischen und zwei Truckfahrern. Es ist zu heiss, um drinnen zu schlafen und wir machen uns auf dem Teppich vor dem Haus breit. Am naechsten Morgen kann der Wind nur jemandem zur Seite stehen. Ich kann mich gluecklich schaetzen: mit Rueckenwind fliege ich foermlich nach Yazd, dem Zentrum des Zoroastrismus, der wichtigsten Religion im Sassanidenreich (3.-7. Jahrhundert nach Chr.).
Die Altstadt aus Lehmziegeln, die unzaehligen Badgire (Windtuerme) und die kuppelbedeckten Basare laden zum Verweilen ein. Die Hitze zwingt dazu. Ich habe mein Turkmenistan-Visum im Auge und muss nach einem Besichtigungstag das Silk Road Hotel bereits verlassen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Schade, denn dieses Hotel wie auch Yazd sind Hoehepunkte meiner Iranreise. Die Zimmer im Hotel sind wie in einer Karavanserai rund um den rechteckigen schattigen Hof angelegt. Man trifft auf andere Tourenfahrer, isst auf gemuetlichen, mit Teppichen ausgelegten Holzgestellen. Das Beste ist aber das Fruehstuecksbuffet, wo ich am Morgen satte zwei Stunden verbringe.
Ich bin bereit fuer die Wueste! Lieber 20 Liter Wasser zuviel mitnehmen als einen zuwenig, heisst die Devise. Ich fuehre etwa neun Liter mit. Einen Vorgeschmack auf die heissen Temperaturen habe ich auf der Fahrt nach Yazd bereits erhalten. Die Temperaturen klettern nun bis auf 50 Grad. Sobald man den Fahrtwind nicht mehr spuert, ist man pflotschnass vor Schweiss. Das Wasser in meinen Trinkflaschen ist schon nach kurzer Zeit warm, nach Stunden heiss. Das Trinken dient nicht der Erfrischung sondern einzig der Fluessigkeitszufuhr. Bei den Einheimischen informiere ich mich jeweils sehr genau, wo Wasser getankt werden kann. Oftmals sind auf meiner Karte Ortschaften eingetragen, die sich als verlassene Siedlungen entpuppen. Auf der anderen Seite bin ich ueberrascht, mitten in der Wueste auf eine Moschee zu stossen. Zu meiner Freude finde ich hier gekuehltes Trinkwasser a discretion. Herrlich !
Warnschilder weisen auf die Existenz von Kamelen hin. Was ich zu sehen und riechen bekomme, sind einzig Kadaver am Strassenrand. Die Mack-Trucks kennen keine Gnade. Rund 80 Km nordoestlich von Yazd mache ich im Oasendorf Kharanaq Halt, das inmitten einer abwechslungsreichen Gesteins- und Geroellwueste liegt. Die Morgen- und Abendstimmungen verlocken zu hauefigen Foto-Stopps. Was mir in der Tuerkei verwehrt blieb, kann ich hier endlich nachholen: ich kann in einer Karavanserai uebernachten. Die zu Konferenzzwecken sorgfaeltig restaurierte Karavanserai steht mir ganz alleine zur Verfuegung. Nach Kharanaq wird die Landschaft bald flacher, grauer und eintoeniger.
Schuster, bleib bei deinem Leisten !
Tabas ist die groesste Oasenstadt in der Wueste. Zwei Motoradfahrer aus Paris empfehlen mir, dort im Park zu uebernachten. Dass man im Iran in Parks unbehelligt zelten und uebernachten koenne, wurde mir immer wieder von den Einheimischen beteuert. Ich konnte mich jedoch nie mit dem Gedanken anfreunden, inmitten einer Siedlung quasi unter Beobachtung zu zelten. Der abgeschiedene Park in Tabas gefaellt mir aber sehr gut und bevor ich mein Zelt aufschlage, frage ich sicherheitshalber im nahegelegenen Buero des 'Red Crescent', einer Hilfsorganisation nach. Hier wird mir zuerst Tee und Wasser angeboten. Der Manager telefoniert lange rum, meint es sei zu heiss und es habe Muecken. Ich koenne jedoch in einer Mesaferkhune (guesthouse) uebernachten. Ich solle warten, jemand wuerde mich dahin fuehren. Ich bin erstaunt, als ploetzlich ein Polizist auftaucht.
Erst jetzt durchschaue ich die Hinhaltetaktik: der Manager ist der Auffassung, dass mein Visum nicht mehr gueltig sei. Vergebens versuche ich den beiden zu erklaeren, dass ich innert der viermonatigen Gueltigkeitsdauer in den Iran einreisen koenne und ab diesem Zeitpunkt ich 60 Tage im Iran bleiben koenne. Der Polizist ist bereits am Ende seines Lateins. Und so werden zu spaeter Stunde (es ist schon laengst dunkel) der Chief der Foreign Police und ein Regierungsvertreter bestellt. Nach einer Stunde treffen diese ein und wiegeln sofort ab. Das Visum sei in bester Ordnung. Der Coup des Managers hat Schiffbruch erlitten. Ich bin sauer. Es ist neun Uhr, ich habe noch nichts gegessen, habe keine Unterkunft, bin ungeduscht und haette um zehn schlafen wollen. Die einzige Genugtuung die mir verbleibt, ist die Blamage des Managers vor versammelter Beamten-Crew. Und dass ich die aufgetischte Wassermelone praktisch alleine aufgegessen habe. Uebrigens werde ich spaeter in Ferdows bei einer Polizeikontrolle wiederum mit der gleichen Begruendung zurueckbehalten. Die dortigen Polizisten scheinen die Weisheit ebenfalls nicht mit Loeffeln gegessen zu haben. Zum Glueck ist aber die Sachlage nach einer halben Stunde geklaert. 
Waehrend die Hitze noch einigermassen zu ertragen ist, macht mir der Wind arg zu schaffen. Ich starte am Morgen jeweils kurz nach 5 Uhr. Doch bereits um acht, neun Uhr zieht ein kraeftiger Wind auf. Von Nordosten. Jeden Tag. Zermuerbend. Nach ueber einer Woche platzt mir der Kragen und ich werfe mein Rad in den Strassengraben. Anschliessend muss ich mich mit Musik von Lucio Battisti beruhigen: Le biciclette abandonate sopra il prato e poi, noi due distesi all'ombra, un fiore in bocca puo servire, sai... Abends treffe ich auf nette Leute, die mich mich Fruechten, Pistazien und Suessigkeiten verwoehnen. Bei einer gemuetlichen Unterhaltung kann ich mich wieder einfangen.
500 Kilometer nach Yazd wechselt die Wuestenlandschaft zur Steppe. Buesche nehmen an Anzahl und Groesse zu. Vermehrt sind Baumoasen auszumachen. In der Provinz Khorasan dominieren dann Pistazienplantagen. Hier ist auch das Zentrum des Safrans. In Feyzabad, ca 700 Km nordoestlich von Yazd, empfangen mich die Einheimischen besonders herzlich. Ich werde von Toeffahrern und Fahrraedern eskortiert, man will meine Unterschrift, ich erhalte eine Tesbieh (Rosenkranz) aus Kerbala geschenkt, man reicht mir Kirschen und Birnen. Ich bin erstaunt. Eine Dame meint, ich sei letzte Woche im Fernsehen erschienen, ich sei doch der Schweizer, der nach China fahre. Ja das stimmt. Aber vor einer Fernsehkamera habe ich nie gestanden. Hier muss sich es sich offenbar um meinen 'Sitznachbar' Roman handeln, der ebenfalls nach China unterwegs ist.
Spinning-Marathon der anderen Art
Meinen Plan, mir in Mashhad drei Ruhetage zu goennen, muss ich mit der Brechstange durchsetzen. 170 Kilometer fehlen mir am letzten Tag vor Mashhad. Als ich am Morgen um 7 Uhr starte und mir der Wind die Haare nach hinten kaemmt, weiss ich, dass es ein ganz langer Tag wird. Und so nehme ich 11 Fahrstunden lang - der laengste Radeltag bis anhin - den Kampf gegen den Wind auf. Bei Bergabfahrten komme ich kaum mehr als auf 18 Kilometer pro Stunde. Ein Unglueck kommt selten allein und ich darf nach ueber 2000 pannenfreien Kilometern wieder einen Platten flicken. Erst als die Dunkelheit einbricht, legt sich der Wind. Die letzten 35 Kilometer fahre ich auf einer dichtbefahrenen Autobahn. Der halsbrecherische Verkehr in Mashhad nimmt meine Konzentration nochmals gehoerig in Anspruch. Die Suche eines preisguenstigen und akzeptablen Hotelszimmers braucht ebenfalls Zeit. Erst um Mitternacht kann ich mich voellig ausgepumpt und micht leichten Magenkraempfen in einem Hotelzimmer breitmachen. Ich bin zu muede um zu duschen und lege mich gleich hin. 
In Mashhad kontaktiere ich Mohammed, der mir von Hanif aus Tabriz mitten in der Wueste per SMS innert Minuten vermittelt worden ist. An seine Adresse konnte Ruth mir ein Paket mit einer neuen Isomatte nachschicken, da der alten in der heissen Wueste die Luft ausgegangen ist. Mohammed ist ein feiner Mensch. Er bereitet sich auf eine Weltumrundung mit dem Fahrrad vor. Leider fehlt im noch einiges Material. Wer also noch einige alte Velopacktaschen hat, kann ihm diese gerne spenden!
Er fuehrt mich zum Schrein des Imams Reza, des achten shiitischen Imams und des einzigen der insgesamt zwoelf, der im Iran begraben liegt. Obschon der Reisefuehrer davon sprach, dass es Nicht-Muslimen nicht erlaubt sei, den Schrein zu besuchen, meint Mohammed, nur Nicht-Glauebigen sei der Eintritt verwehrt. Er habe schon viele zum Schrein gefuehrt, auch ein schwedisches Bruederpaar. Seit einem Bombenanschlag im Jahre 1997 herrscht eine strenge Personenkontrolle und die Mitnahme von Fotokameras (nicht jedoch von Handys) ist nicht mehr erlaubt. Die Anlage rund um den Schrein ist in den letzten Jahren stark erweitert worden. Ganze Quartiere wurden plattgewalzt, um neue attraktive Plaetze zu schaffen. Vor den alten Moscheen mit den goldenen Iwanen (Boegen) sitzen Abertausende von Glaeubigen auf Teppichen. Die Shiiten bahnen sich einen Weg durch die vollstaendig mit Spiegelkacheln verzierten Raeume, in denen sich die goldigen massiven Tore spiegeln. Es herrscht eine euphorische Stimmung gemischt mit Trauer ueber den Tod des Imams, der von einem Kalifen hinterlistig vergiftet worden ist.
Die letzten zwei Tage bis zur iranischen Grenzstadt Sarakhs kann ich wieder ruhiger angehen. In Sarakhs wird mir der Abschied vom Iran nicht leicht gemacht: mein gebrochener Velostaender wird umsonst geschweisst, ein Coiffeur rasiert mich gratis, in der Backstube wird mir Brot geschenkt und ein Schneider will naeht mir ohne Bezahlung meine ausgeleierten Velohandschuhe. Schliesslich darf ich in der Transitzone der Zollanlage uebernachten, wo sich die Waechter liebevoll um mich kuemmern.
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Maurizio
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14:40
04 Juli 2006
In Buchara angekommen
Ciao! Rechtzeitig zum Italien-Deutschland Halbfinalspiel bin ich in Buchara (Usbekistan) eingetroffen, zeitgleich habe ich mir (wieder einmal) Verdauungsprobleme eingefangen. Dass die meisten Reisenden hier ebenfalls von solchen Reise-Unzulaenglichkeiten berichten, ist ein schwacher Trost. Nach einem halben Kilo Joghurt hat sich mein Magen wieder beruhigt, wie es scheint (remember Hanifs advice: eat a lot of joghurt!). Das Halbfinale habe ich mir nur bis zur Haelfte der Verlaengerung angeschaut. Ich war nach 21 Stunden auf den Beinen zu muede und musste schlafen gehen. Per SMS erhielt ich dann die freudige Nachricht. Grande squadra azzurra ! Forza Italia !
In den naechsten Tagen werde ich einen ausfuerlichen Bericht ueber die Fahrt durch die Wueste Kavir im Iran veroeffentlichen, den ich euch noch schuldig bin. Freut euch auf einige zauberhafte Wuestenimpressionen. Nach der Wueste bin ich dann endlich in Mashhad, dem wichtigsten Pilgerort der Shiiten im Iran, eingetroffen. Ich wollte mir dort unbedingt noch drei Ruhetage goennen und musste zuletzt einen 11-Stunden Marathon (exklusive Platten!) bei einem auesserst hartnaeckigen Gegenwind hinlegen. Danach war ich erledigt. Die Ruhetage waren bitternoetig. Entgegen aller Hinweise in den Reisefuehrern konnte ich als Nicht-Muslim den Schrein des Imams Reza besuchen. Der Begleitung von Mohammed Tajeran und meinem Vollbart sei Dank! Die riesige Anlage rund um den Schrein, die dort versammelten Abertausende von Glaeubigen und die friedliche Stimmung waren eindruecklich. Einziger Wermutstropfen: Fotografieren verboten ! Na ja, ich konnte nicht widerstehen und hab mit der Handykamera trotzdem fleissig geknipst. 
Nach Mashhad stand die bei Velofahrern gefuerchtete Turkmenistan-5-Tage-Transit-Durchquerung bevor. Rund 500 Kilometer in 4 1/2 Tagen eigentlich machbar, wenn da nicht der beruechtigte Nordost-Wind waere, der schon manchen Velofahrer in die Knie bezwungen hat. Wie es mir dabei ergangen ist und wie ich Turkmenistan, das von Turkmenbashi mit eiserner Faust regiert wird, erfahren habe, werde ich euch ebenfalls in einigen Tagen verraten. Und schliesslich gilt es, ueber die ersten Eindruecke in Usbekistan und meinen Vodkasuff bei 40 Grad (Temperatur wohlverstanden) zu berichten. Vielleicht der Grund fuer die Magenrevolte?
Bis bald Maurizio
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Maurizio
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20:45
