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26 September 2006

Auf dem Xinjiang-Tibet Highway















Es scheint schon fast zur Gewohnheit geworden zu sein, dass ich mir in Grossstaedten Magenprobleme einfange. Und so muss ich in Kashgar wieder einmal einen heftigen Durchfall mit Antibiotika behandeln. Die fuenf Tage verfliegen im Nu und wir zehn Radler im Chini Bagh Hotel haben alle Haende voll zu tun. Ich unterziehe meinen Drahtesel einer Rosskur und kann rund sieben Kilo "abspecken", um so leicht wie moeglich unterwegs zu sein. Am 5. September starten wir alle gemeinsam, die meisten Richtung Tibet, wobei die zwei belgisch-hollaendischen Radlerpaare einen Bus nehmen, um sich den Weg am Rand der Taklamakan-Wueste zu ersparen.

Ich starte mit
Stephane aus dem Welschland, der sich sein Velo nach Bishkek hat schicken lassen und vom Backpacker zum Tourenfahrer "aufgestiegen" ist. Dank gutem Asphalt spulen wir in den ersten zweieinhalb Tagen ueber 240 Kilometer ab. Die staubige und diesige Luft sorgt fuer eine vernebelte Stimmung auf den langen Pappelalleen. Die Truckfahrer, die konstant auf die ohrenbetaeubende Hupe druecken, nerven. Wir ueberholen zahlreiche Eselskarren und geniessen die Fahrt durch kleinere und groessere Ortschaften mit lebhaftem Markttreiben.















Nach Yecheng biegt eine Nebenstrasse in den Xinjiang-Tibet-Highway, der G 219, ein. Wer in diese Strasse einbiegt, hat nur ein Ziel: Tibet. Der Xinjiang-Tibet-Highway ist eine der haertesten Radstrecken. Er streift die Taklamakan-Wueste, fuehrt durch das Kunlun-Shan-Gebirge und das Aksai Chin-Plateau mit Paessen ueber 5'000 Metern, passiert die Hauptstadt von Westtibet, Ali, um den heiligen Berg Kailash (Kang Rinpoche) und den heiligen See Manasarovar zu erreichen und schliesslich auf den Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) zu stossen. Von Kashgar bis Lhasa erwarten dem unermuedlichen Tourenfahrer 2'884 Kilometer, zumeist auf Wellblechpisten, Schotter und Sand, begleitet von heftigen Nachmittagswinden und kalten Naechten.















Es gilt vorsichtig zu sein, denn in Yecheng ist die bei Radlern gefuerchtete P.S.B (Police Security Bureau) anwesend, die Velofahrer davon abzuhalten versucht, auf die G 219 abzubiegen. Fuer Reisen durch das von China annektierte "Autonome Region Tibets" ist ein zusaetzliches Permit erforderlich, das man nur in Lhasa, nicht aber in Kashgar erhaelt. Zudem wird dieses Permit nur organisierten Gruppen mit chinesischem Fuehrer gewaehrt, nicht jedoch Individualtouristen. Und so muss man halt illegal durch Tibet reisen und vor der P.S.B auf der Hut sein. Kaum in Yecheng angekommen, ueberholt uns ein Streifenwagen in langsamer Fahrt und mustert Stephan und mich aus. Sie halten vor uns. Nun ja nicht anhalten ! Wir gruessen die Polizisten freundlich mit einem "Ni hao" und fahren unbeirrt weiter. Sie verfolgen uns noch eine Weile, doch bald lassen sie zum Glueck von uns ab. Nun wie nichts auf die G 219 und strampeln, was die Beine herhalten. Bald schon weicht die geteerte Strasse einer Schotterpiste, die sich zum 3'300 Meter hohen Kudie-Pass hinaufschlaengelt, einer Aufwaermuebung fuer die folgenden Paesse und der einzige 3'000-er Pass auf der ganzen Strecke. In Kudie passieren wir problemos einen Militaer-Checkpoint.
















Von knapp 3'000 M.ue.M. klettern wir nun waehrend rund 50 Kilometern rauf zum Chiragsaldi La auf 4'980 M.ue.M. Die Anstrengung ist gross. Stephane muss sein Fahrrad mit Anhaenger auf den letzten Kilometern schieben, die Rosinen bekommen ihm nicht Wohl. Der Hoehenunterschied ist gewaltig und ich verspuere Kopfweh. Um nicht hoehenkrank zu werden, steigen wir schnell vom Pass ab, wo die Temperaturen auf den Gefrierpunkt gesunken sind. In holpriger Fahrt, in der uns die Haende einschlafen und fast einfrieren, brettern wir runter nach Mazar (3'800 M.ue.M.), einem Truckstopp. Wir lernen diese aneinandergereihten Baracken, wo man feine chinesische Nudeln serviert erhaelt und Biskuits zu ueberteuerten Preisen einkaufen kann, schaetzen. Jedes Restaurant bietet ein einfaches Dormitory, wo man sich zusammen mit den umherirrenden Maeusen breitmachen kann. Am Morgen lassen wir uns nochmals Nudeln kochen. Stephane, vermeintlicher Schnellesser, ist erstaunt, als ich meinen Teller, begleitet von einer Packung Milk-Cookies, innert Minuten leergefegt habe.















Wir nehmen uns einen "gemuetlichen" Tag von nur 50 Kilometern bis zum Beginn des naechsten Passes vor. Wellblech, Schotter und Bachueberquerungen bremsen uns ein, sodass wir ueber fuenf Stunden unterwegs sind. Wir kommen bei einem uyghurischen Strassenunterhalt-Camp unter, wo wir am Morgen zusammen mit der ganzen Mannschaft eine leckere Nudelsuppe essen. Die naechste Huerde, der Kirgizjangal Pass (4'955 M.ue.M) steht uns bevor. Mittlerweile sind wir gut akklimatisiert, sodass wir uns ohne Beschwerden den Pass hinaufkaempfen koennen. Ich klettere zu Fuss noch auf einen Huegel, wo ich eine atemberaubende Sicht auf das Kunlun-Shan Gebirge geniessen kann. Bis zum naechsten Truckstopp, Xaidulla, zehrt die sandige Waschbrettpiste an unseren Nerven. Wir sinken im Sand ein und kippen gelegentlich um, waehrend uns die Konvois der Militaerlastwagen einnebeln. Aus Wut bewirft Stephane irgendwann seinen Goeppel mit einem Stein.















Heather, eine englische 37-jaehrige Radfahrerin, gesellt sich fuer einen Tag zu uns. Das Wetter schlaegt um und von hinten naehert sich uns ein bedrohlicher Sandsturm. Heather ist ganz aufgeregt: "Oh, that's exciting, that's like in the films with the tornados. Don't look behind! Just keep on cycling" Wir schaffen es gerade noch, unsere Zelte an einem einigermassen windgeschuetzten Ort aufzustellen. In der Nacht faengt es an zu schneien, sodass am Morgen unsere Behausungen und die umliegende Landschaft sich in einem weissen Kleid zeigen. Die schrille und aufgedrehte Heather faengt in ihrem japanischen Mini-Zelt an, Weihnachtslieder zu singen. Stephane und ich verabschieden uns von Heather und machen uns auf den Weg Richtung Khitai Pass (5'190 M.ue.M), dem bis anhin hoechsten Punkt auf meiner Reise. Hier faengt auch das umstrittene Aksai Chin Plateau an, von China verwaltet und von indischer Seite beansprucht. Eine der weltweit hoechsten Strassen auf ueber 5'000 Metern fuehrt waehrend rund 100 Kilometern durch diese strategisch wichtige Ebene im Nordosten Ladakhs.















Wir stossen auf das belgisch-hollaendische Quartett. Das Fahren in der Gruppe behagt mir nicht. Ich moechte meine Fahrt nach Tibet alleine geniessen. Stephane, der auf seiner ersten Velotour ueberhaupt unterwegs ist, beklagt sich ueber starke Nackenschmerzen und wird einige Tage spaeter auf einen Truck umsteigen. Ich verabschiede mich von allen und mache erst spaetabends Halt. Nach dem Satsum La (5'350 M.ue.M.) durchquere ich - 12'898 Kilometer nach meinem Start im Februar - die Grenze zu Tibet. Ab jetzt bin ich definitiv illegal unterwegs! Die Landschaft mit den weissen Schneebergen und den gelb-gruenen Huegeln wirkt bereits sehr tibetisch. Der hoechste Pass auf meiner Strecke steht mir bevor, der Qieshan La mit 5'400 M.ue.M., wo nur halb soviel Sauerstoff wie auf Meereshoehe eingeatmet werden kann. Bei der Abfahrt werde ich von Graupelregen ueberrascht. Ich beschliesse, da es erst vier Uhr nachmittags ist, noch weiterzuradeln. Gluecklicherweise klart dann der Himmel etwas auf und die Sonne beleuchtet die frisch verschneiten Huegel.















Die Strassen sind nach wie vor in einem schlechten Zustand. In Domar, der ersten tibetischen Siedlung, kann ich mich nach Tagen wieder mit warmem Wasser waschen. Ein sandiger Abschnitt entlang einem Salzsee nagt an meinen Kraeften. Weiter geht es dem Pangong Tso, einem See auf 4'250 Hoehe, entlang. Als ich in einem kleinen Fischrestaurant frischen Fisch in allen Variationen verspeise und sich die Abendsonne ueber den tiefblauen See mit den bunten Fischerbooten legt, fuehle ich mich ein klein wenig wie in der Costa Azzurra. In Rutok, eine von den Chinesen aus dem Boden gestampfte Kleinstadt treffe ich auf das belgische Radfahrerpaar Polle und Els. In Rutok ist wegen der Anwesenheit des P.S.B. Vorsicht angebracht. Die Luft scheint rein zu sein. Wir essen gemeinsam in einem Restaurant einen Teller Nudeln. Welch ein Schreck: als wir aufbrechen wollen, taucht ein Beamter in seiner unverkennbaren dunkelblauen Uniform auf, trinkt einen Tee und nimmt das Handy zur Hand. Oh nein, denken wir. Doch es passiert nichts. Wir begruessen ihn freundlich und verziehen uns rasch.

Die Strecke zwischen Rutok und Ali, der Hauptstadt von Westtibet (Ngari) scheint nach den Berichten anderer Velofahrer die uebelste Waschbrettpiste des ganzen Highway zu sein. Ich finde hier aber auf den ganzen 120 Kilometer eine Grossbaustelle vor und kann auf einer flachen, zehn Meter breiten Piste rollen, die wohl schon bald asphaltiert sein duerfte. Die unzaehligen tibetischen Arbeiterinnen und Arbeiter mit Mundschutz, die muehsam von Hand Steine meisseln und Schutzwaende und -daemme errichten, stehen im eigenartigen Widerspruch zu den schweren Caterpillar und Komatsu Baggern.















Als ich von einer Anhoehe endlich die Stadt Ali (Shiquane) erblicke, muss ich an einen Radler aus Dushanbe denken, der in gut schweizerischem Akzent ueber die Fahrt durch Tibet meinte: "And daad was joeschd so wontrfool!". Ich denke mir nur: "That is just so crazy!". Nach ueber 1'300 Kilometern durch einsame Wuesten, Hochgebirgen und -ebenen inmitten des Niemandslandes eine richtige Stadt mit Hochhauesern, voller Geschaefte, Restaurants und Taxis. Die Tibeter hier in Ali scheinen recht chinesisch zu wirken und dem Stadtleben nicht abgeneigt zu sein.

Es mag unlogsich klingen, doch in Ali begebe ich mich schnurstracks zum P.S.B. und stelle mich freiwillig. Vor fuenf Polizeibeamten der "Entry and Exit Administration" werde ich zu meiner bisherigen Fahrt verhoert. Ich gebe zu, durch Sumxi, Domar und Rutok gefahren zu sein, welche fuer Auslaender gesperrt sind und somit chinesisches Recht gebrochen zu haben. Die Sanktionen reichen von der Konfiskation des Velos, der Kuerzung der Visadauer, der Rueckweisung bis zur Busse. Ich werde mit 300 Yuan (ca. 45 Franken) gebuesst, werde auf das Rechtsmittel hingewiesen und erhalte fuer 50 Yuan das begehrte "Alien Travel Permit" fuer die Weiterfahrt zum Mt. Kailash und dem Guge Kingdom. In Ali scheint man einen modus vivendi im Umgang mit den "Gesetzesbrechern" gefunden zu haben. Sie nach Kashgar zurueckzuschicken, waere unverhaeltnismaessig. Also buesst man sie und laesst sie weiterziehen. Die Stimmung ist im Uebrigen auesserst freundlich und man gibt sich besorgt ueber moegliche Schneefaelle im Oktober.

Abends treffe ich mich der ganzen Schar der Velofahrer einschliesslich Stephane. In einer kitschigen tibetischen Disco froehnen wir dem Laster, kippen reichlich "Lhasa Beer, the beer of the roof of the world", gehen mangels Toiletten ab und zu nach draussen, um auf die Strasse zu pinkeln und lassen das Tanzbein schwingen.

Bildergalerie

Beim letzten Bericht hat der Link zu den Bildergalerien nicht ganz geklappt. Hier gehts nun zu den Bildern vom
Iran und denen von Zentralasien. Der Vollstaendigkeit halber die erste Bildergalerie. Hier (anklicken) kann ein Video angeschaut werden, das ich mit meiner Handykamera von der Fahrt nach Kashgar gedreht habe.Viel Spass und bis in etwa drei Wochen aus Saga.

07 September 2006

Zwischen zwei Welten















Nach dem Ruhetag in Sary-Tash kann ich einigermassen gestaerkt meine Reise nach Osh fortsetzen. Obschon die Reise von rund 3'000 runter auf 1'000 Metern ueber Meer auf den ersten Blick entspannend toent, daempfen der Taldyk-Pass (3'610 M.ue.M) sowie der starke Gegenwind die Stimmung. In Osh herrschen sommerliche Temperaturen um 30 Grad und ich geniesse nach langer Zeit wieder die Vielfalt an Fruechten und Gemuesen. In Osh, das im usbekisch besiedelten Fergana Tal liegt, sieht man viel mehr schwarze usbekische Huete als die kirgisischen Kalpaks. Zusammen mit zwei Franzosen klappere ich die besten Restaurants ab und esse mich drei Tage lang voll. Wohlernaehrt und mit meinen Packtaschen voller Kalpaks, die es hier im Bazar guenstig zu ergattern gibt, suche ich einen Jeep, um den Weg nach Sary Tash nicht nochmals radeln zu muessen. Rachim, unterwegs mit seiner betagten russischen Volga, macht mir einen guten Preis. Wir verabreden uns am naechsten Tag um acht Uhr. Die Fahrt werde fuenf Stunden dauern und es habe nur fuer vier Passagiere Platz.

Bis wir tags darauf starten koennen, vergeht eine Ewigkeit. Rachim muss zuerst noch seine Laghman essen. Nach nur 500 Metern steht der Wagen still. Kein Benzin. Rachim muss zu Fuss einige Flaschen Benzin auftreiben. Dann biegt er in eine Nebengasse ein. Ich kann gerade noch verhindern, dass er zwei schwere Kisten mit Tomaten auf meinem Velo ablaedt. Seine Frau und die beiden Kinder steigen ein und ploetzlich finde ich mich eingepfercht auf dem Hintersitz mit vier anderen Passagieren. Ausgangs Osh haelt uns ein Polizist an. Rachim steigt schnell aus und bezahlt "ordnungsgemaess" den Bakschisch von 10 Som. Endlich kann es - gegen 11 Uhr - losgehen. Doch bereits beim ersten Bach haelt er an, um seine "machina" abzukuehlen und mit Wasser zu begiessen. Genau 14 Mal wird er in den naechsten 180 Kilometern anhalten, um frisches Kuehlwasser zu schoepfen. Um sechs Uhr abends treffen wir endlich in Sary Tash an. Ich komme mir vor, als waere ich hierhin geradelt. Ich mache Rachim klar, dass er die versprochene Leistung nicht vollumfaenglich erbracht hat und fordere einen Preisabschlag. Nur nach hitzigem minutenlangen diskutieren gewaehrt er mir zehn Prozent.















Am kirgisch-chinesischen Zoll uebernachte ich im einzigen Hotel. Etliche Lastwagen warten bereits vor dem chinesischen Zoll, der ueber das Wochende geschlossen hat. Es trieft nur vor Dreck. Ueberall liegt Altmetall herum, in der Naehe des Flusses verunziert Kot die Gegend. Am Morgen vergeude ich die Zeit mit der Suche nach einer CD mit dem kirgisisch-russischen Gassenhauer "jorni glasar" (schwarze Augen). Ich treffe auf ein Bikerpaar aus Amsterdam. Zusammen mit
Jan und Jane harren wir vor dem kirgisischen Zoll aus, bis wir endlich durchgewunken werden. Zwischen den beiden Zollabfertigungen treffen wir noch auf den 54-jaehrigen Amerikaner Bill, mit dem wir eine halbe Stunde lang hilfreiche Tipps austauschen und Geld wechseln. Der Zeitumstellung tragen wir nicht Rechnung und so ist bereits Mittag und - Ordnung muss sein - der chinesische Zoll bis 14:30 Uhr geschlossen. In der Zwischenzeit treffen Polle und Els aus Belgien ein.















Zu fuenft warten wir nun sehnsuechtigst, bis wir am chinesischen Zoll abgefertigt werden. In zwei Tagen fahren wir durch eine abwechslungsreiche Landschaft runter nach Kashgar, einer wichtigen Etappe auf der alten Seidenstrasse. Die baktrischen Kamele kuenden die Taklamakan-Wueste an. Die Uyghuren sind in Kashgar zwar in der Mehrheit, werden aber mehr und mehr von den Han-Chinesen verdraengt. Das Stadtbild ist in den letzten Jahrzehnten sehr chinesisch geworden. Sportgeschaefte und grosse Supermaerkte mit einem unglaublichen Angebot ueben ebenso eine Faszination aus wie der weltberuehmte orientalische "Sunday Market" und der "animal stock market", wo man zuschauen kann, wie Schafe geschlachtet werden oder Esel blutig mit Hufeisen beschlagen werden.















Wir logieren im Cini-Bagh Hotel, wo wir andere bekannte Tourenfahrer treffen. Es ist erstaunlich, wie sich die Wege kreuzen. Ich treffe
Sander und Jessica, die ich in Samarkand kennengelernt habe wie auch Stephan Soray, den ich zuletzt vor ueber zwei Monaten in Yazd (Iran) gesehen habe und der das Wagnis eingeht, sich auf dem Sunday Market sein Ohrlaeppchen blutig rasieren zu lassen. Beat Blaser aus der Schweiz kenne ich erst von den Eintraegen aus den turkmenischen Guestbooks her. Beat und Polle und Els haben sich im Iran getroffen. Stephan (derjenige, der sich sein Velo nach Bishkek hat schicken lassen...) kennt jedermann, der in den letzten zwei Monaten in Kirgistan war. Und, und, und ... Wir machen uns einen Spass daraus, dass eine Wort mit T nicht auszusprechen und verwenden stattdessen Toronto. Wir freuen uns - ausser Jan und Jane, die wegen Janes schmerzendes Knie leider ihre Reise unterbrechen muessen - auf die Fahrt durch die atemberaubenden Landschaften Torontos. Alle schreiben fleissig an ihren Webseiten und Blogs, verschicken Pakete, kopieren Karten und Reisebuecher, putzen und flicken ihre Velos. Und so vergeht die Zeit in dieser faszinierenden Stadt zwischen zwei Welten im Nu.


Bildergalerie "Iran und Zentralasien"

Ich werde nun laengere Zeit nicht mehr online sein. In der Zwischenzeit koennt ihr einige Bilder aus Iran und Zentralasien anschauen. Hier geht's zur Bildergalerie.

04 September 2006

Ein Tag in Sary Tash

Die Ausreise aus Tadjikistan geschieht ganz unbuerokratisch. Nach all den zahlreichen Checkpoints gewoehnt man sich langsam an diese stickigen Kabinen, deren Mobiliar sich gleicht: ein Ofen, ein Bettgestell aus Stahl, ein Schreibtisch mit einem alten Schulheft, einige Stuehle. Meine bisherige Reise sowie meine Herkunft ("Aaah, Italia Schampion") macht dem Beamten genug Eindruck, um nicht weiter auf die nichtexistierende "customs declaration" zu bestehen. Noch einen steilen Kilometer und ich habe es bis zum Kizil-Art Pass (4'290 M.ue.M) , der die offizielle Grenze zu Kirgistan bildet, geschafft. Der Pass wird seinem Namen gerecht (Zidane hat im WM-Finalspiel die "kizil kart" erhalten ...) : die Landschaft ist sienarot gefaerbt, die Baeche und Fluesse sind ebenfalls blutrot getraenkt. Erst nach 20 Kilometer findet sich der kirgisische Grenzposten wieder, wo man sich mit Formalitaeten nicht lange aufhaelt und man mir - mangels Stempels - mein Einreisedatum nicht attestieren will. Meinen Pass will man schon gar nicht sehen. Ja, ja, das Visum wird schon stimmen. "Magic Kirgistan" meint der dickbauchige Beamte, der minutenlang in seinem Playboy herumblaettert, bis er endlich das Foto von Cicciolina gefunden hat.

Magic Kirgistan

Die Landschaft ist tatsaechlich magisch. Hinter mir tuermen sich Schneeberge auf, waehrend ich durch eine von Sommerjurten geschmueckte Grasebene fahre, auf denen Pferdeherden umherziehen. Weniger rosig fuehlt sich mein Koerper an. Bereits den ganzen Tag war es mir leicht uebel, hatte Brechreiz und leichte Magenkraempfe. Vielleicht haette da ein Schluck gegorener Stutenmilch, Kymys, Abhilfe geschafft. Der starke Wind setzt mir noch zusaetzlich zu. Irgendwann muss ich anhalten und mich uebergeben. Die restlichen 15 Kilometer bis nach Sary Tash schaffe ich nicht mehr. Ich schlage im Windschatten des Strassendammes mein Zelt auf und werde von einer Mutter mit ihrem Sohn, die in der Naehe in einer Jurte leben, liebevoll umsorgt.
















Am naechsten Morgen vollende ich das Vortageswerk und da es mir nach wie vor nicht allzu besser geht, mache ich an diesem 20. August nach einer Stunde Fahrt in Sary Tash bereits Halt. Im 500 Seelen-Dorf niste ich mich in einer der wenigen Hotels (gastrinizia) ein. Dass hier ueberhaupt solche Unterkuenfte zu finden sind, hat Sary-Tash seiner "strategischen" Lage zu verdanken.

Clara von der gastriniza bringt mir einen Eimer heisses Wasser zum Waschen. Nach einem Teller Nudeln, begleitet von einem Liter Cola, geht es mir etwas besser. Ausgeruestet mit Fotokamera und Schwarzweiss-Film nehme ich einen Augenschein in diesem kirgischen Dorf auf ueber 3'000 Metern ueber Meer. Es ist nach wie vor windig, das Thermometer klettert an diesem Tag kaum mehr als 15 Grad. Die Gegend ist kahl und baumlos. Olivgruen und Ocker dominieren die Landschaft. Es faellt auf, dass hier - im Unterschied zu zahlreichen Ortschaften im Pamirgebirge - Strom fliesst. Das Dorf in den Auslaeufern des Alay-Tals, von dem man den ueber 7'000 Meter hohen Pik-Lenin erreichen kann, sieht von weitem besser aus als von der Naehe. Leicht schmuddlig, ueberall ein bisschen Abfall. Pferde, Kaelber und Schafe grasen am Strassenrand.















Die einzige Strassengabelung im Dorf fuehrt in Abstaenden von jeweils weniger als hundert Kilometern in zwei sehr unterschiedliche Laender: im Sueden Tadjikistan, im Osten China. Bis nach Osh im Norden, wo der Pamir Highway endet, fehlen 185 Kilometer. Die Schotterpiste zum Irkeshtam-Pass, der chinesischen Grenze, scheint einseitig befahren zu werden: vollbepackte Lastwagen importieren chinesische Ware, zumeist Textilien oder Elektrogeraete. Kirgistan hingegen scheint, ausser Altmetall aus aller Welt, nicht viel zu exportieren. Ein chinesischer Lastwagenchauffeur ist gerade daran, einen Platten zu reparieren. Die Dorfjugend hat sich eingefunden, um einen der ueber hundert Kilo schweren Stoffballen zu hieven, der auf die Anhaengerachse gefallen ist.
















Ich werde stets von Kindern gefolgt, die fotografiert werden moechten. In einem Kafe esse ich zwei Samsa, schaue zu, wie ein hagerer Mann mit einer waessrigen Loesung vergebens versucht, die fleckige Wand und den staubigen Fenstersims deckend zu bemalen. Ein Kamaz-Lastwagen aus Bishkek macht Halt. Eine ganze Familie steigt aus und isst - sichtlich unzufrieden mit dem Servierten - zu Mittag. Unweigerlich muss ich an die Kluft zwischen Sueden und Norden denken. Der Sueden mit einer starken usbekischen Minderheit ist traditionalistischer ausgerichtet und - vor allem im Fergana Tal - haeufiger von sozialen Spannungen gepraegt, waehrend der Norden wirtschaftlich erfolgreicher ist und einen grossen russischen Bevoelkerungsanteil hat. Nach dem Putsch und den Neuwahlen letztes Jahr haben die Kirgisen den Willen zur Einheit zum Ausdruck gebracht. Der aus dem Sueden stammende Praesident Kurmanbek Bakijev, mit einer Russin verheiratet, spannt mit dem Premierminister Feliks Kulov aus dem Norden zusammen.















Ich setze meinen Rundgang, begleitet von Kinderrufen, fort. Das Heu aus den Sommerweiden wird mit Lastwagen hergebracht und von Hand auf den Daechern gelagert. An diesem Nachmittag scheint am meisten Betrieb an der "Tankstelle" vor meiner gastrinizia zu herrschen. Reisende aus der Gegend um Osh tanken einige Liter Benzin, um es noch bis zu Osh zu schaffen, wo das Benzin, wie alle Waren, guenstiger zu haben sind. Eine Gruppe von Kirgisen aus Karakol, die stolz ihre Kalpaks tragen, lassen sich von mir ablichten. In einem Dorfladen entdecke ich einen jungen Blondschopf aus Lille. Der 23-jaehrige Julien ist im Maerz aus seiner Heimat gestartet. Der Hunger kommt langsam zurueck und so kocht uns Klara eine feine Reissuppe. Um 9 Uhr gehe ich zurueck in mein Zimmer, lese und schreibe im Licht der Gluehlampe einige Zeilen und packe meine Sachen fuer den morgigen Radeltag.