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25 November 2007

Tibet-Kalender 2008
















Jetzt liegt er vor: der neue Tibet-Kalender, hergestellt in Lhasa in Zusammenarbeit mit Elke, einer deutschen Studentin, die ich in Tibet kennengelernt habe. Format A3 aufgeklappt. Exemplar gefällig? fishmac73(at)yahoo(dot)de.

















22 April 2007

Vorschau

Knapp 200 Diafilme sind nun gesichtet, eine erschlagende Menge an Bildern, die verdaut und verarbeitet werden wollen. Einige Scans vorab, um auf die bevorstehende Diaschau im nächsten Winter schmackhaft zu machen. Es gibt allerdings noch viel zu tun...






































































11 März 2007

Ich bin wieder hier !

















Seit einigen Wochen bin ich nun wieder zuhause, zurück von meiner langen Reise. Schneller als erwartet habe ich mich wieder hier eingelebt, nicht zuletzt dank des Chienbäse. Ein Bewerbungsschreiben, ein Vorstellungsgespräch und schon anfangs März eine neue Stelle bei einer Versicherung. Der Kulturschock blieb mir bei meiner Rückkehr nach Europa bzw. nach Paris nicht erspart. Mit meinen abgelaufenen Veloschuhen und abgegriffenen Kleidern kam ich mir in der französischen Metropole etwas schäbig vor.

















Meine Reise ist also - physisch - zu Ende. Ein Leben lang wird sie in meinem Kopf rumgeistern und mich jeweils für kurze Momente in die weite Welt entführen. Anstatt eines abgegriffenen Zuckerbeutelspruches ziehe ich ein bisschen Statistik vor:



17'373 gefahrene Kilometer (rund 7.5 Millionen Radumdrehungen)










(so sieht ein Schwalbe Marathon XR nach 11'880 Km aus)



343 Tage unterwegs, 115 Tage ohne Radfahren (Ruhe- und Krankheitstage, Sightseeing, Visumsbeschaffung etc.)

19 Platten










(Service beim Chini-Bagh Hotel in Kashgar/China)



1'171 Stunden auf dem Sattel (sieben Wochen Tag und Nacht nonstop)


18 bereiste Laender: Schweiz, Italien, Slovenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien-Montenegro, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadjikistan, Kirgistan, China (Xinjiang, Tibet), Nepal, Indien, Vereinigte Arabische Emirate (eine Nacht in Dubai), Frankreich










(wenige Meter trennen uns noch von China)



10.5 Stunden betrug der laengste Radeltag:
von Torbat-e Heydariyeh nach Mashhad, den ganzen Tag kämpfte ich gegen den Wind an, zur Abwechslung einen Platten, erst um zehn Uhr abends erreichte ich den mörderischen Stadtverkehr von Mashhad, um Mitternacht hatte ich endlich eine Unterkunft gefunden)

174 Km: die längste Tagesetappe (Brescia-Gardasee-Verona-Vicenza-Castelfranco Veneto)

47 Tage mit einem Pensum von mehr als 100 Km










(Kleidervorschrift in Iran)



14.8 km/h: Gesamt-Durchschnittsgeschwindigkeit


23 km/h: die hoechste Tages-Durchschnittsgeschwindigkeit (die Abfahrt runter nach Kashgar)

6.52 km/h: tiefste Durchschnittsgeschwindigkeit (in 6:09 Stunden satte 39 gefahren, oder besser gesagt gestossen, als es vom Guge Kingdom im Sutley-Tal in Tibet wieder rauf ging zum tibetischen Hochplateau)

19 Tage die laengste Etappe ohne Ruhetage: von Kashgar bis nach Ali/Shiquanhe (Westtibet), dazwischen einige spektakuläre Pässe, so der Chiragsaldi (4'980 M), Kirgizjangal (4'950 M), Kosbel (4'290 M), Khitai (5'190 M), Satsum La (5'350 M), Qieshan La (5'400 M). Der Kudie Pass war mit 3'300 M. der einzige "3'000-er" Pass.










(Holzsammeln in der baumlosen tibetischen Hochebene ist nicht gerade einfach)



5'400 M.ü.M. der hoechste mit dem Velo gefahrene Pass (Qieshan La) ; zu Fuss wars der Drölma La (5'700 M.üM.) auf der Umrundung des Berges Kailash in Tibet

1'725 Höhenmeter die grösste erklommene Höhendifferenz an einem Tag: Savognin-Julierpass-Pontresina-Berninapass

3'008 Hoehenmeter: die laengste Abfahrt an einem Tag, von Nyalam (Tibet) - Zhangmu - Barabise (Nepal)

260 Dollar die teuerste Uebernachtung: im Hotel Continental in Dubai (aufgrund des verpassten Anschlussfluges von der Emirates Airline übernommen)










(ein typischer Truckstopp in Tibet)


50 Grad Celsius: höchste Temperatur (Dasht-el Kavir Wüste im Iran)

5 befahrene Wüsten: Dasht-el Kavir (Iran), Karakum (Turkmenistan), Kizilkum (Usbekistan), südlicher Rand der Taklamakan (Xinjiang/China), tibetisches Hochplateau

800 Franken geschätzte Kosten für Visas und sonstigen Permits









(der Gegenwert von 100 Dollars in usbekischen Som)

billigster Benzinpreis: in Turkmenistan, im Bereich von wenigen Rappen

20 Januar 2007

Ein (be)sinnliches Erlebnis














Stephane und ich machen uns auf den Weg nach Indien. Letztmals waren wir vor genau drei Monaten auf dem Aksai Chin Hochplateau zusammen unterwegs. Das blaue Tor mitten in der dichtbesiedelten Ortschaft zeigt uns an, dass wir indisches Hoheitsgebiet betreten. Zollbehoerden sind keine auszumachen. Erst nach 100 Metern finden wir eingepfercht zwischen Kraemerladen die Immigrationsbehoerden. Nachdem wir den ueblichen Fackel ausgefuellt haben, sind wir offiziell in Indien, im Bundesstaat Uttar Pradesh, sechs Mal so gross wie die Schweiz. In UP, wie der Bundesstaat in Indien genannt wird, leben 166 Millionen Menschen, so viel wie in Frankreich, Italien und Spanien zusammen !















PLEASE HORN

Es stellt sich bald heraus: Velofahren in Indien ist spannender als jedes Videogame ! Man ist stets bedacht, von den Tata-Lastwagen nicht in den Graben gedraengt zu werden. Es wird nicht situativ gehupt, sondern praeventiv. Busse und Trucks druecken durchgehend auf die Hupe, wenn sie eine Ortschaft durchfahren. Diese verdammten Hupen sind ohrenbetauebend und gehen uns schon sehr bald auf die Nerven. Der Laermteppich in Staedten ist nicht auszuhalten. Man weicht Velofahrern, Rikshas, Autorikshas, Bussen, Autos und den heiligen Kuehen aus, die sich alle gleichzeitig bemerkbar machen wollen, obschon der Vekehr oft stillsteht.

Die Fahrraeder der Marken Herkules, Hero, Atlas und Avon sind nicht zu unterscheiden: Einheitsgroesse, schwarz, ein Gang. Gemaechlich schlendern die vielen Velofahrer mit 15 Kilometer pro Stunde ihres Weges. Das Spiel wiederholt sich einige Male: ein Inder will es uns zeigen, ueberholt uns und versucht, uns abzuhaengen. Wir nutzen moeglichst lange den Windschatten aus, bis der Inder irgendwann voellig ausser Atem in eine Nebenstrasse abzweigt. Ansonsten eignen sich schwerbeladene Traktoren gut als Schrittmacher.














Bis nach Delhi wird die Strasse topfeben sein. Rohrzuckerplantagen zieren die eintoenige Landschaft. Am Morgen herrscht oft eine neblige Stimmung. Dies vermag die Augenfaelligkeit der Ueberbevoelkerung und der ausgedehnten Armut nicht zu verschleiern. Die wuchernden Slumsiedlungen, oft zwischen Bahngeleise und Strasse gelegen, spotten jeder Beschreibung. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, rennt nicht von Flughafen zu Bahnhof zu Hotel zu Sehenswuerdigkeit und bekommt so die Facetten des taeglichen Lebens hautnah zu spueren. Abfallberge liegen ueberall herum, in denen Kinder und Frauen zusammen mit Kuehen, ausgemagerten Strassenkoetern und Schweinen nach etwas Ess- oder irgendwie Brauchbarem herumstochern. Kanaele und Fluesse sind pechschwarz gefaerbt. Die Luft ist dreckig. Meine Nase sieht abends wie nach einem Chienbaese aus ! Schon bald plagt mich ein hartnaeckiger Reizhusten, verursacht durch den Staub.














Bei jedem Halt werden Stephane und ich von lethargischen Schaulustigen umzingelt. Sehr wenige laecheln oder sprechen uns an. Obschon Indien waehrend rund 200 Jahren eine indische Kolonie war und Englisch nebst Hindi Amtssprache ist, beherrschen auf dem Lande nur sehr wenige Englisch. Wuerden wir die Inder nicht anlaecheln oder uns zu einem Spaesschen hinreissen lassen, verkaeme die Anglotzerei zu einer fuer uns peinlichen Angelegenheit. Wenn dann einer endlich den Mund auftut, ist oft nur ein undeutliches Lallen zu vernehmen. Umso deutlicher zeichnet sich dafuer eine rotbraune Masse in den Mundwinkeln ab: das Paan.

In Indien wie in ganz Suedchina und Suedostasien ist das Kauen der Betelnuss auesserst beliebt. Die zerhackten Nuesse werden mit Gewuerze, oft auch Tabak, in ein Blatt eingerollt und tel quel im Mund zerkaut. Der ueberschuessige Speichel wird am Boden und an Hauswaenden gespuckt. In engen Gassen sind die Waende bis zur Kniehoehe dunkelrot gefaerbt. Leider hilft das Paan nicht gegen Muecken. Mancherorts sind sie eine richtige Plage. Gegen diese laestigen Viecher scheint kein Kraut gewachsen zu sein, keine Radlerhose scheint dick genug zu sein. Ich kann nur hoffen, dass sich keine Anopheles-Muecke unter den Plagegeistern befindet.














Einladungen sind eher selten. Umso erfreuter sind wir, als uns ein junger Inder zu sich nach Hause einlaedt und uns sein Anwesen zeigt, in dem vier Generationen unter einem Dach leben. Ein anderes Mal laedt uns ein muslimischer Baba, der vor einer in Bau befindlichen Moschee Wache haelt, zu einem Tee ein. Um den Schrein eines Maertyrers faellt eine Frau in Ekstase. Ihre Schreie lassen uns aufzucken. Die boesen Geister sollen vertrieben werden. Der Maertyrer soll im Dezember 1992 getoetet worden sein. Wir schliessen daraus, dass dies anlaesslich der von Hindu-Extremisten erstuermten und zerstoerten Babri-Moschee aus dem Jahre 1528 geschehen ist.















Der Ganges: Rein, aber alles andere als sauber

Wir kommen in der heiligsten Stadt des Hinduismus an, Varanasi, besser bekannt unter dem Namen Benares. Seit ueber 2'500 Jahren pilgern Glaeubige zu den kilometerlangen Stufen am heiligen Fluss Ganges, der am Berg Kailash, dem Sitz des Gottes Shiva; entspringt. Waehrend sich die Hinduisten durch eine rituelle Waschung im Fluss eine Reinwaschung vor Suenden erhoffen, soll ein Sterben und Verbrennen am Fluss vor einer Wiedergeburt schuetzen. Wer von Europa direkt nach Varanasi fliegt, unterliegt einem regelrechten Kulturschock.

An zwei Kremationsstaetten werden ununterbrochen Leichen verbrennt, der beissende Rauch brennt in den Augen. Ab und zu schwimmen Leichenteile herum. Hunderte Meter lange Leinen, an denen die im Ganga mit starker Lauge weichgeklopften Kleider und Laken der Waeschereien getrocknet werden. Bueffelherden suchen Abkuehlung im Nass, waehrend die Aermsten der Armen den heiligen Tieren nachlaufen, um den Mist mit blossen Haenden zu sammeln und ihn zum Trocknen fladenartig an Waende zu klatschen. Die getrockneten Fladen dienen als Brennmaterial. Riesige Kanaele leiten die Abwaesser unbehandelt in den Fluss. Die bestehenden Klaeranlagen sind voellig unzureichend und wegen der andauernden Stromunterbrechungen ohnehin nicht funktionsfaehig. Die Werte der Sauberkeitsparameter liegen um das Hunderttausend- bis Millionenfache ueber den Grenzwerten. Ein Tropfen Gangeswasser ist eine Generalattacke auf den menschlichen Koerper!

Weniger die Tatsache, dass sich die Inder in dem voellig verdreckten Fluss baden, ist abstossend, sondern die Unsitte, dass die Notdurft in aller Oeffentlichkeit entlang des ganzen Ufers verrichtet wird. Ein beissender Gestank von Exkrementen und Kuhmist liegt ueber den Ghats und vielen Teilen der Stadt. Wie laesst sich das bloss in den heissen Sommermonaten aushalten ?














In Benares verabschiede ich mich endgueltig von Stephane. Meine Reise geht bald zu Ende. In der potthaesslichen Industriestadt Kanpur komme ich erst nach Einbruch der Dunkelheit an. Die Tage sind zu dieser Jahreszeit zu kurz, um ohne Hast 120 Kilometer am Tag fahren zu koennen. Die ersten vier Hotels sind - wer haette das in dieser Stadt gedacht - bereits voll. Ich werde langsam ungeduldig und ausfaellig. Ich lasse mir diese Luege nicht weiter gefallen und fange an, die Hotelbesitzer anzuschreien. Nur weil sie nicht im Besitz des bloeden Formulars fuer auslaendische Touristen sind, wollen sie mich nicht uebernachten lassen. Es bleibt mir nichts anderes uebrig, als im teuren "Mayfair Hotel" zu uebernachten
.

Ein spaetes Weihnachtsfest

In Manpuri scheinen die Hotelbesitzer geschaeftstuechtiger zu sein. Das Zimmer ist dafuer ein Rattenloch und gleich neben dem Stromgenerator. Ich nehme die Einladung des Inders an, der mich waehrend den letzten 20 Kilometern begleitet hat. Die vierkopfige Familie bewohnt ein kahles Betonzimmer, 4 mal 6 Meter gross. Der ganze Hausrat hat in zwei Bananenschachteln Platz. Eine Gluehlampe und ein kleiner Gluehofen sind die einzigen technischen Geraete. Zeitungspapier dient als Dekoration. Sie leben auesserst armselig und doch sind sie noch besser dran als die vielen Slumbewohner. Waehrend die Ehefrau "vegetables" kocht, kaufe ich 10 Samosas, Suessigkeiten, 2 Kg Aepfel, Rueben und Weissbrot ein. "My children very happy" strahlt Bigeldurbi ueber das ganze Gesicht, der zu meinem Erstaunen der hoechsten Priesterkaste angehoert. Ein richtiges Weihnachtsfest hat er seiner Familie beschert ! "My wife request you rest one day", heisst es am naechsten Morgen. Diese Freundlichkeit kann ich gut verstehen, ich will aber an diesem Silvester noch Agra erreichen. Er versteht, "time costly". "One piece foto sun?" kommentiert er die aufgehende Sonne. Ich gebe ihm 150 Rupees zum Abschied.

Abends erreiche ich endlich Agra. Meine Blutgruppe lechzt nach rotem Fleisch. Die auferzwungene vegetarische Curry-Masala-Diaet der letzten Wochen ist eintoenig. Im Pizzahut, das von der upper middle class frequentiert wird, werde ich fuendig und bestelle mir eine Lammfleisch-Koefte Pizza. Die neureichen Inder, allen voran das weibliche Geschlecht, haben einen deutlichen Hang zur Fettleibigkeit. Wellness und Fitness sind hier noch Fremdbegriffe.

Eine weitere Unsitte in Indien ist, von auslaendischen Touristen unverschaemt hohe Eintrittpreise abzuknoepfen, angeblich fuer die Restaurierung der Monumente. Wuerde Indien lieber weniger Geld fuer den Bau von Atombombomben ausgeben ! Der Anblick des Taj Mahal in Agra entschaedigt dann allerdings fuer diese Unpaesslichkeiten. In Delhi ist dann meine lange Veloreise zu Ende. Wie unglaublich schnell sind 333 Tage verflogen !

Bildergalerien

(Alle digitalen Bilder sind mit der Handykamera aufgenommmen worden)

Schweiz-Tuerkei

Iran-Zentralasien

Tibet-Indien

09 Januar 2007

Zwischenlandung in Dubai

Ein kurzer Zwischenbericht aus Dubai: Der Abflug in Delhi heute Morgen hat sich verzoegert und ich habe meinen Anschlussflug nach Europa verpasst. Grosszuegig hat mich nun die Fluggesellschaft "Emirates" im Hotel Capitol untergebracht, mit 270 Dollars meine mit Abstand teuerste Uebernachtung bis anhin. Dubai ist das pure Gegenteil von Delhi: sehr sauber, ruhig, kein nerviges Gehupe, jeder Strassenzug perfekt gebaut, jedes Gruenplaetzchen liebevoll hergerichtet, alles wirkt neu, nichts ist kaputt, kein Randstein ist beschaedigt, der Strassenasphalt Formel-Eins tauglich, schlichtweg perfekt, aus einem Guss. Der Flug in der Boeing 777-300 mit Monitoren, vielen Videogames, einer grossen Musikbibliothek und etlichen zur Verfuegung stehenden Filmen, stimmt auf Dubai ein. "Play it again, Sam !" hiess es fuer mich diesen Nachmittag.

Irgendwie bin ich froh, Indien den Ruecken gekehrt zu haben. Das indische Voelkchen versucht bei jeder Gelegenheit, die Touristen ueber den Tisch zu ziehen. Wenn sogar beim Kauf von WC-Papier minutenlang gefeilscht werden muss, hat man irgendwann mal die Nase voll. Der Laerm und der Gestank sind ein Thema fuer sich.

Das Taxi, das um 6:30 vor dem Hotel stehen sollte , ist natuerlich mit einer halben Stunde Verspaetung gekommen. Man wollte noch andere Touristen mitnehmen, die allerdings zum "Domestic" Flughafen fahren wollten. In diesen Situationen heisst die Devise: grob sein und die Leute anschreien. Etwas das ich besonders hier in Indien gelernt habe. Der Taxichauffeur ist dann schnurstracks zum International Airport gefahren, seinem Versuch, mir noch zusaetzliche 50 Rupees fuer den
Transport des Fahrrades abzuknoepfen, war selbstverstaendlich kein Erfolg beschieden.

Das Security-Personal im Flughafen scheut sich gar nicht, fuer seine Dienste einen "Tip" zu verlangen. Mein suspektes Gepaeck haette nochmals durch einen Angestellten durchsucht werden muessen, mit einem kleinen Bakshish ist mein Gepaeck aber sofort auf das Rollband gelandet. Und meine Diafilme mussten - ohne Blickes gewuerdigt zu werden - nicht durch die Roentgenmaschine. Ich sah halt vertrauenswuerdig aus. Selbst meine Zeltheringe, die ich bloederweise im Handgepaeck hatte, haben unbesehen den Weg nach Dubai gefunden.

Ich geniesse nun die friedliche Abendstimmung hier in Dubai, werde wie ein Koenig im Hotel Capitol speisen und bereits Morgen in Paris sein.

08 Januar 2007

Ruhe in Nepal















Nach einer Woche in Katmandu, wohlgenaehrt und gestaerkt durch unzaehlige Steak-Sizzlers, muss ich wieder raus in die frische Luft. Obschon die Hauptstadt Nepals nur 700'000 Einwohner hat, ist sie eine der schmutzigsten Staedt auf diesem Planeten. Diskussionen ueber Feinstaub werden hier keine gefuehrt. Politisch ist die Luft hingegen einigermassen rein. Vor kurzem haben sich die maoistischen Rebellen und die Regierung auf eine Uebergangsverfassung geeinigt, der ungeliebte Koenig Gyanendra hat seine Macht bis zu den Wahlen im Juli dem Regierungschef uebertragen.

Nicht sauber sind hingegen die neuen Bestimmungen, die geeignet sind, die Wanderfreuden zu trueben. Ab jetzt darf nur noch mit einem Fuehrer oder einem Traeger, fuer rund 9 Dollar am Tag, auf Trekkingtour losgezogen werden. Zur Sicherheit der Touristen, betonen die vielen Trekkingagenturen, die sich die Haende reiben. Laecherlich, denn die beruehmten Treks wie der Annapurna Circuit Trek, Sanctuary Trek oder Jomosom Trek sind breite Wanderpfade mit vielen Lodges und Unterkuenften am Wegesrand. Waehrend zwei bis drei Wochen wandert man mit einem leichten Tagesrucksack. Ein Verirren ist nicht vorstellbar und die Situation mit den Maoisten hat sich soeben erheblich beruhigt. Die westlichen, zahlungskraeftigen Touristen sind eine willkommene Einkommensquelle. Im nahegelegenen Bakhtapur wird man nicht verlegen, fuer die Besichtigung der Altstadt zehn Dollar Eintritt abzuknoepfen.















Nepal, in dem acht der zehn hoechsten Berge der Erde liegen, ist ein Paradies fuer Trekkingtouren und Bergsteiger. Es ist mir aber nicht recht nach Wandern zumute. Vielmehr verspuere ich Lust, wieder in die Pedale zu treten und noch bis nach Delhi zu radeln. Ich mache mich also Richtung Westen auf, durch die huegelige subtropische Landschaft Nepals. Sobald der Stadtverkehr Katmandus hinter mir liegt, kann ich wieder eine ruhige Fahrt durch Reisterrassen, Bananenplantagen und ueppigen Waeldern geniessen. Hier ist die Heimat der ethnischen Gruppe der Gurkhas, bekannt durch die weltweit hoch angesehenen Gurkha Soeldner, die sich vor allem in den Dienst der britischen und indischen Armee gestellt haben.

















Ein Abstecher zum Dorf Bandipur, auf einem Sattel gelegen und 600 Hoehenmeter von der Hauptstrasse entfernt, ist nach meinem Geschmack. Ruhe, Beschaulichkeit, ein gemuetliches Guesthouse und gutes Essen. Ein Ruhetag und ein kleiner Spaziergang durch die umliegenden Doerfer tragen zur Entspannung bei. Am naechsten Morgen steht mir dann eine Abfahrt durch den dichten Nebel bevor.

In Pokhara, dem Ausgangspunkt fuer viele Trekkingtouren, verlaesst mich dann das Wetterglueck. Die einzigartige Sicht auf das Annapurna-Massiv wird durch Regenwolken verdeckt. Ich muss mich mit den feilgebotenen Postkarten und Posters vorlieb nehmen. Ich treffe die schrille Heather, die soeben von einer Trekkingtour zurueckkehrt und mit der ich einen Tag in Tibet unterwegs war. Wir haben uns manche Erlebnisse und Anekdoten zu erzaehlen.

















Es geht staendig rauf und runter. Jeden Tag schaffe ich so rund tausend Hoehenmeter. Ich freunde mich langsam mit dem nepalesischen Kuechenzettel an: zu essen gibt es meist nur das Nationalgericht Dhaal Baat: Linseneintopf, Gemuesecurry und viel Reis. Ein Abstecher nach Tansing, wieder auf einem Huegel gelegen, belohnt mich mit einer Sicht auf das Terai, das Flachland im Sueden Nepals und Teil der Gangestiefebene. Kurz vor der indischen Grenze in Lumbini, dem Geburtsort Buddhas, treffe ich mich mit Stephane Soray. Rund um den Wallfahrtsort ist ein riesengrosser Park errichtet worden. Buddhistische Staaten aus aller Welt sind daran, buddhistische Tempel zu errichten. Leider sind diese Betonbauten ein billiger Abklatsch von Originalen und jegliche Handwerkskunst wird verschmaeht. Den kitschigen Tempeln fehlt jegliches Leben. Eine verpasste Chance, schade.

23 Dezember 2006

Namaste !





















Viele werden sich fragen, wieso ich nicht die Festtage zuhause verbringe, obschon ich Tibet seit laengerem hinter mir habe. Nun, zum Leidwesen meiner Liebsten lasse ich meine Reise auf dem indischen Subkontinent ausklingen und werde Weihnachten und Neujahr in Indien verbringen. Die Verlockung, von Katmandu noch bis Dehli zu radeln, um einen Eindruck von Indien und dem Hinduismus zu erheischen, war zu gross. Ich befinde mich gerade in Varanasi (ehemals Benares genannt) am heiligen Fluss Ganges, wo sich taeglich Tausende von Pilger und Einheimischen einer rituellen Waschung unterziehen. Der Fluss selber hat mittlerweile den Reinheitsgrad einer Kloake erreicht. Indien ist laermig, bunt, nichts fuer klaustrophobisch veranlagte oder Koerpernaehe scheuende Menschen. Aber sehr faszinierend !


Allen fleissigen und weniger fleissigen Blog-Leserinnen und Lesern wuensche ich frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins 2007 !

22 Dezember 2006

Besetztes Land















Ich befinde mich auf dem legendaeren Friendship Highway, der von Lhasa nach Katmandu fuehrt. Was fuer ein Unterschied zur bisherigen Fahrt durch Westtibet: eine breite flache Piste, die ab Tingri durchgehend bis nach Lhasa asphaltiert ist. Strom und Handyempfang auf der ganzen Strecke, zahlreiche Ortschaften und Gasthaeuser, der Verkehr wird vor Lhasa ungewoehnlich dicht. Alles wirkt etwas sauberer und aufgeraeumter. Der Highway ist einiges touristischer als die suedliche Kailash-Route. Und ploetzlich strecken Kinder und Tibeter ihre Haende aus, um zu betteln. Anstatt des "Tashi deleh!" hoere ich oefters "Hello, money!". Biker mit bunten Trikots auf organisierten Touren lassen sich fuer eine Stange Geld ihr Gepaeck von einem Begleitjeep transportieren.















Nachdem ich am Morgen noch den Shishapangma (8'012 m) auf meiner Rechten hatte, kann ich am spaeten Nachmittag zum ersten Mal den hoechsten Berg der Erde, den Mount Everest (8'848 m) bestaunen. Unverkennbar und maechtig ragt die "North Face" im roetlichen Abendlicht. Der Abstecher zum Mount Everest Base Camp erfordert eine Woche mit dem Rad. Das ist mir zu lange. Dank der zahlreichen Jeeptouristen finde ich rasch eine Mitfahrgelegenheit bis zum Rongbuk Gompa, dem hoechstgelegenen Kloster der Erde. Die Spitze des Everest verhuellt sich leider in Wolken. Erst bei Einbruch der Dunkelheit verziehen sich diese, sodass ich den Bergriesen im Mondlicht bewundern kann.

Am Fusse des Mount Everest

Viele Geschichten ranken sich um den hoechsten Berg der Erde, von den Tibetern Chomolungma genannt. Am 29. Mai 1953 erklimmen der Neuseelaender Sir Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay als erste Menschen den Gipfel. Die folgenden vier Bergsteiger, die den Gipfel erreichten, waren uebrigens Schweizer (wie auch die Erstbesteiger des nahegelegenen Lhotse, dem vierthoechsten Berg der Erde). Die meisten besteigen den Everest mit Sauerstoffmasken. Ohne derartige Hilfsmittel gelang es 1978 erstmals dem Suedtiroler Reinhold Messner und dem Oesterreicher Peter Habeler. Zwei Jahre spaeter bestieg Messner im Alleingang, ohne Sauerstoffmaske und waehrend der Monsunzeit den Berg, eine der groessten Leistungen in der Geschichte des Bergsteigens.

Der Everest ist zum Spielfeld der Eitelkeiten geworden. Jeder versucht einen neuen Rekord zu schlagen: der juengste Evererst-Summiter, der aelteste, der schnellste, die erste Abfahrt vom Gipfel mit dem Snowboard, die erste Frau, die meisten Besteigungen ... Die Tatsache, dass jedes Jahr einige Bergsteiger am Berg verunfallen oder aus Erschoepfung zu Tode erfrieren, scheint die Faszination noch zu steigern. Am Base Camp, dem teuersten Zeltplatz der Erde (50'000 Dollar muessen fuer jede Expedition bestehend aus zehn Bergsteigern hingeblaettert werden ...) gedenken viele Steintafeln der Verunfallten.


Kulturschutz auf chinesisch















Auf feinem Asphalt rolle ich weiter nach Lhatse. Ich besuche mehrere kleinere Kloester am Wegesrand, die in den letzten Jahren wieder aufgebaut worden sind. Nach dem gewaltsamen Einmarsch der Chinesen in den 50-er Jahren und der folgenden "Kulturrevolution" sind in Tibet 99 Prozent aller Kloester und Tempel systematisch vollstaendig zerstoert worden. Religioese Vertreter wurden hingerichtet, in Umerziehungslagern eingesperrt und gefoltert. Schaetzungen zufolgen kamen nach der gewaltsamen Besetzung Tibets rund eine Million Menschen ums Leben. In der offiziellen chinesischen Sprachregelung heisst es schamlos von "cultural protection in Tibet" und "peaceful liberation". Von einer Selbstbestimmung ist in der "Tibet Autonomous Region" kein Hauch zu verspueren. Grundlegende Menschenrechte werden in Tibet nach wie vor missachtet und die letzten Demonstrationen sind stets blutig niedergeschlagen worden. Wen interessierts? Man will schliesslich Peking nicht mit Grundsatzerklaerungen ueber Demokratie in Verlegenheit bringen und auf lukrative Geschaefte verzichten.


Einblicke in tibetisches Klosterleben

Ich treffe in Shigatse ein, der zweitgroessten Stadt Tibets. Waehrend die gigantische Festung in Shigatse, der 1363 erbaute Dzong, bis auf die Grundmauern zerstoert worden ist und nun - wohl mit Hilfe von Disneyworld - in Rekordzeit und unter Missachtung der urspruenglichen Bauweise fuer den im Olympiajahr 2008 zu erwartenden Touristenstrom wieder aufgebaut wird, hat die Klosteranlage in Tashilunpo die Kulturrevolution halbwegs ueberlebt. Tashilunpo ist der Sitz des ehemaligen Panchen Lama, nach dem Dalai Lama die hoechste Autoritaet im tibetischen Buddhismus.

Der derzeitige 11. Panchen Lama ist 1995 - im Alter von 6 Jahren - nur drei Tage nach der Anerkennung durch den derzeitigen 14. Dalai Lama von den Chinesen aus Tibet entfuehrt worden. Sein Verbleib ist unbekannt und er gilt als juengster politischer Gefangener der Welt. Kein Wunder, dass der von der chinesischen Regierung gewaehlte 11. Panchen Lama von den Tibetern verschmaeht wird und in Tempeln nur Bilder des letzten "richtigen" 10. Panchen Lama zu sehen sind.















Von Shigatse aus mache ich einen kleinen Umweg suedoestlich nach Gyantse, dessen als uneinnehmbare Festung 1904 vom Briten Younghusband gestuermt worden ist. Weiter geht es zum heiligen See Yamdrok Tso. Der Weg fuehrt ueber den verschneiten Karo La Pass (5'086 m). Die Strassenarbeiter mit schwarzverschmierten Gesichtern trotzen der Kaelte. Naechstes Jahr wird die Strecke durchgehend asphaltiert sein. Gluecklicherweise klart der bewoelkte Himmel der letzten Tage auf. Der tuerkisblaue See und die schneebeckten Huegel auf der Nordseite sorgen fuer phantastische Lichtstimmungen.


In der verbotenen Stadt

Endlich erreiche ich Lhasa, die Hauptstadt Tibets, bis vor wenigen Jahrzehnten fuer Fremde praktisch unzugaenglich. Trotz Vorwarnungen ist es erschreckend festzustellen, wie wenig tibetisch Lhasa seit der chinesischen Invasion geworden ist. Fast alle tibetischen Quartiere sind durch farblose und kalte Betonbauten ersetzt worden. Noch vor wenigen Jahren ist das historische Quartier vor dem Potala Palast plattgewalzt worden, um dem Potala Square samt chinesischem Monument und der Hauptverkehrsader Platz zu machen. Einzig rund um den heiligsten Tempel Tibets, dem Jokhang, hat sich noch ein Stueck des alten Lhasa erhalten. Hier verbringe ich die meiste Zeit und schaue interessiert den aus aller Ferne hergereisten Pilgern zu, die den Tempel im Uhrzeigersinn umrunden. Viele vollziehen ihre Turnuebungen, indem sie sich den ganzen Tag lang vor dem Haupteingang auf den Boden werfen. Ich besuche die Kloester Sera und Drepung, die der Schulrichtung der Gelupga ("Gelbmuetzen") angehoeren. In Drepung kann man am Nachmittag den Moenchen und Novizen beim Debattieren zuschauen.
















"Happy Juarney"

Fuer etwas Heiterkeit sorgen die Sprachblueten des "Chinglish", eigenartige Aneinanderreihungen von englischen Worthuelsen wie "Give you memorable feeling how delicious can not forget, special taste" oder "The flavour remains produced meticulous choiceness raw material. Best enjoyment Quality guarantee. Give first choose treasure Agreeable to taste " (sic), wie sie auf der Verpackung von Biskuits zu lesen sind.

Waehrend meines Aufenthalts in Tibet habe ich keinen Zugang zu den dort lebenden, bzw. arbeitenden Han-Chinesen gefunden. Sie wirken etwas freudlos und zeigen wenig Anpassungsvermoegen. Anders kann ich mir nicht erklaeren, dass selbst bei Minustemperaturen die Tueren ihrer nicht-beheizten kahlen Restaurants sperrangelweit offen sind und das Essen kalt ist, bevor es noch auf den Tisch kommt. Einiges angenehmer sind mir da die tibetischen Gasthaeuser mit gemuetlichen Sitzbaenken und einem Ofen in der Mitte des Raumes, der mit Yakdung angefeuert wird. Eine Chinesin will mir fuer einen Tee (der zum Essen immer gratis serviert wird) 10 Yuan (ca. 1 Euro) abknoepfen. Mir platzt der Kragen ob dieser Frechheit und ich schreie die geldgierige Frau lauthals an. Andererseits muss das Hotelzimmer stets im voraus bezahlt werden, ansonsten man aus dem Tiefschlaf gerissen wird, damit die grimmige Angestellte ihren "Charge Room" eintreiben kann.

Ein duesteres Kapitel in Asien und speziell in China ist die Unsitte der Spuckerei, der unappetitliche Laute vorangehen. Selbst nette Damen verschliessen sich dieser Unart nicht. Ach ja, Deodorants finden in Tibet keine Verwendung; es ist unmoeglich, einen aufzutreiben.


Der laengste Downhill der Erde
















Nach einer Woche Aufenthalt in Lhasa nehme ich den Bus zur nepalesischen Grenze und steige bei der Abzweigung zum Shishapangma Base Camp aus, von wo ich hergekommen bin. Ein letzter Doppelpass auf ueber 5'000 Metern ueber Meer steht mir bevor. Trotz klaren Wetters zieht ein starker Gegenwind auf, der mich auf dem letzten Kilometer zum Schieben zwingt. Die Sicht auf die Himalayaberge ist dafuer einzigartig und unbeschreiblich. Und die Aussicht, das mir die laengste Abfahrt der Erde bevorsteht, laesst mich die minus 10 Grad schnell vergessen. Die Abfahrt ist wahnsinnig: in rund 140 Kilometern geht es von knapp 5'200 Metern runter auf 800 Meter. Die Vegetation aendert im Zeitraffer, wird gruener, dichter und abwechslungsreicher.
















Der Abschnitt von Nyalam bis zur nepalesischen Grenze ist am steilsten. Nach einem flachen, kurvenreichen Stueck oeffnet sich die Sicht auf die in die Bergflanke gehauene Strasse. Ich komme mir vor wie bei einer Achterbahn vor dem Start. Innert weniger Stunden kriege ich zuerst vereiste Baeche und spaeter dichte Laubwaelder zu sehen. Nach Monaten auf dem tibetischen Hochplateau sehe ich wieder einmal einen richtigen Wald! Die Temperaturen klettern auf 25 Grad. Schicht um Schicht kann ich mich ausziehen. Neuartige Duefte stroemen mir entgegen.

Nach der letzten chinesischen Ortschaft habe ich eine schwindelerregende Sicht auf Kodari, dem Grenzort Nepals, und der Freundschafts-Bruecke. Was fuer ein Wechsel! Buntbekleidete Frauen in Sandalen und einem anmutigen Laecheln. Ein reges chaotisches Treiben herrscht auf der Freundschaftsbruecke. Ich fuehle mich gleich wohl in Nepal. Ich befinde mich bereits im subtropischen Klima Nepals und kann kuerzaermlig Bananen von den Baeumen pfluecken.















In zwei Tagen fahren ich bis zur Hauptstadt Nepals, Katmandu. Die Strasse ist anfaenglich durch Erdrutsche in einem schlechten Zustand, bald fahre ich aber auf Asphalt. Erst nach Stunden merke ich, dass hier Linksverkehr herrscht. Ich lasse all die neuen Eindruecke auf mich wirken. In Katmandu treffe ich auf
Stephane, mit dem ich von Kashgar aus zusammen losgezogen bin. Ich quartiere mich im Touristenghetto Thamel ein, das ganz auf die Beduerfnisse der Trekkingtouristen ausgerichtet ist: Trekkingshops, Reiseagenturen, gute Restaurants und Baeckereien, bestens ausgestattete Buecherlaeden und Souvenirhops. Die Sehenswuerdigkeiten heissen hier "La Dolce Vita", "Fire and Ice" und "Tom und Jerry". Man kann in Thamel keinen Meter laufen, ohne dass Sprueche wie "Rikshaw, ok?", "Haschisch, ok?" oder "Tiger Balm, ok?" auf einen niederprasseln. Natuerlich sehe ich mir die hinduistischen Bauten an, allen voran den Monkey Temple und Pashupatinath, die Kremationsstaette der Hinduisten.















Eindruecke aus dem indischen Subkontinent

Die folgenden Links fuehren zu den letzten Bildern aus Tibet, Nepal und Indien:

Bildergalerie "Tibet-Indien"
Bildergalerie "Iran - Zentralasien"
Bildergalerie "Schweiz - Tuerkei"

10 Dezember 2006

Auf Pilgerschaft in der tibetischen Weite















Der Abstecher zum Guge Kingdom ueber zwei 5'000-er Paesse und Sandpisten war, wie ich bereits vor laengerer Zeit berichtet habe, anstrengend aber lohnend. Das ist nur die halbe Miete: Die Fahrt vom Sutley Tal (ca. 3'800 m) rauf zum Highway 219 ist einiges muehsamer. Die wunderschoen erodierten Bergflanken hinterlassen Spuren in Form von Sand: das Material, aus dem die Piste besteht. Schieben, Stossen und Ziehen ist angesagt, zwischendurch eingenebelt vom aufgewirbelten Sand der Jeeps. Am ersten Tag schaffe ich gerade 20 Km, am zweiten immerhin schon 40. Die Zeltplaetze mit einer atemberaubenden Sicht auf die weisse Himalayakette im Hintergrund entschaedigen fuer die Strapazen. Am dritten Tag moechte ich den Highway 219 erreichen. Erst am spaeten Nachmittag sehe ich die Gebetsfahnen auf den dritten Pass des Tages, 5'170 Meter. Der Vollmond ist soeben aufgegangen und kontrastiert zum blaeulich-violett gefaerbten Himmel. Kaelte und Wind hindern mich nicht, das Mini-Stativ rauszunehmen und die Lichtstimmung einzufangen.

Moonlight Shadow

Ans Zelten ist zu dieser spaeten Stunde nicht mehr zu denken. Die 15 Kilometer Abfahrt und 700 Hoehenmeter bis Songsha schaffe ich locker, denke ich mir. Es dunkelt rasch ein und wie ein Gejagter fahre ich im Vollmondschein einsam auf der steinigen und holprigen Piste, darauf bedacht, nicht von der Fahrbahn zu geraten. Die Blicke runter in die endlose Weite sind furchteinfloessend. Von weitem sehe ich bereits die Lichter der Ortschaft, doch es ist noch ein weiter Weg. Endlich in der Talebene angekommen, gilt es einen Fluss zu ueberqueren. Das Gebell der Hunde am anderen Ufer spornt mich nicht unbedingt an. Um zehn Uhr abends erreiche ich muede Songsha, eine Militaerbasis mit einigen einfachen Gasthaeusern.















Es ist nicht mehr weit bis zum Berg Kailash, dem heiligsten Berg der Erde. Zuvor mache ich bei Moincer einen kleinen Abstecher zu den heiligen heissen Quellen in Tirthapuri. Ein kleiner Huegel ist geschmueckt mit lungta (Gebetsfahnen), Mani-Steinmauern und Stupas. Stupas (auf tibetisch Choerten) begegnet man im lamaistisch gepraegten Tibet ueberall. Als Symbole fuer den Geist Buddhas werden diese Monumente vereehrt und rituell umwandelt. Die Chinesen verstehen es uebrigens ausgezeichnet, die heiligen Orte der Tibeter zu verunstalten: mitten durch die heiligen Quellen sind Strommasten und ein Kanal (fuer ein Thermalbad) verlegt worden.


Von Moincer ist der Kailash eine Tagesetappe emtfernt. Bereits von weitem sehe ich rechterhand den suedlich des heiligen Manasarovar-Sees gelegenen Gurla Mandhata (7728 m). In der Abendsonne stehe ich schliesslich vor dem "Eisberg-Juwel", von Bildern bestens bekannt. Ich bin ueberwaeltigt, ein grosses Etappenziel nach 242 Tagen und 13'776 Km erreicht zu haben. Ein Traum ist Wirklichkeit geworden: mit dem "Kanggari" aus eigener Kraft nach Tibet und zum Kailash zu radeln. Vor dem Start hatte ich zugegebenermassen ein mulmiges Gefuehl beim Gedanken, alleine durch Laender wie Serbien, Iran oder Tadjikistan zu reisen. Jetzt weiss ich, dass dort freundliche, hilfsbereite und gastfreundliche Leute leben.

Ich denke zurueck an meinen Start im Februar mit Ruth, an die schweisstreibenden Paesse, an die taeglichen herzerfrischenden Begegnungen mit Einheimischen und das verzerrte Bild, das wir in Europa leider von den Muslimen haben. Ich darf mich gluecklich waehnen, taeglich gegen Kaelte, Schnee, Regen, Hitze, Wind und Steigungen gekaempft zu haben. Andere kaempfen ums Ueberleben. Tausend Gruende haette man aufzaehlen koennen, welche gegen meine Reise sprechen. Einer alleine ist ausreichend, um aufzubrechen. Bis zum Sonnenuntergang bleibe ich am Strassenrand stehen und bewundere zufrieden die Suedseite des Kailash.















Nach einer letzten Flussfurt treffe ich in Darchen, dem Ausgangspunkt fuer die Pilger-Umrundung des Kailash, auf tibetisch Kang Rinpoche ein. An die kleinen Ortschaften in Westtibet, in denen ueberall ein bisschen Abfall herumliegt und sich jede Hauswand als Zielscheibe fuer eine Pinkeleinheit eignet, habe ich mich bereits gewoehnt. Doch Darchen uebertrifft alles. Abfallberge und Kot ueberall. Der Ort scheint von einer Kolonie streunender Hunden belagert zu sein. Der vom Kailash fliessende Bach, von einer voellig unnuetzen Staumauer unterbrochen (wieder eine dieser chinesischen Glanzleistungen), ist mit Verpackungsmaterial uebersaet. Die chinesischen Betonbauten tun ihr Uebriges, um dem Dorf den verbliebenen Charme zu rauben. Schade, dass selbst die Tibeter diesem heiligen Ort nicht die gebuehrende Achtung entgegenbringen.

Om mani padme hum

Am naechsten Morgen breche ich mit einem randvollen Rucksack auf. Der Weg wird von Gebetsfahnen, Steinen mit eingravierten Mantras, Stupas und Red-Bull Buechsen gesaeumt. Die Umrundung des ganzjaehrig schneebedeckten Kailash (6'714 m) bedeutet fuer den tibetischen Glaeubigen eine Fahrt in das heilige Zentrum der Welt. Der Kailash gilt fuer Anhaenger des Buddhismus, Hindusmuis, Boen und Jain als einer der bedeutendsten spirituellen Orte. In seiner Naehe entspringen zudem vier grosse Fluesse des suedasiatischen Raumes (Indus, Brahmaputra, Sutley, Karnali).
















Der 55 km lange aeussere Weg ueberwindet den anstrengenden 5'723 hohen Dolma La Pass. Mal folge ich einer Familie, die mit einem Schimmel unterwegs ist, mal einer Yakherde. Einmal werde ich von tibetischen Pilgern aus Chamdo begleitet. Beim Dolma La werfen sie farbige Papierzettel, mit dem Windpferd und den vier Tieren der Himmelsrichtungen bedruckt, in die Luft. Ich treffe auf Touristengrupen, auf besonders fromme Pilger, die den Kailash durch Niederwerfungen umrunden und fuer eine solche Prostrationsumrundung rund zwei Wochen benoetigen. Es begegnen mir wenige Boen, Anhaenger der vorbuddhistischen Glaubensrichtung, die den Berg im Gegenuhrzeigersinn umrunden.

Ich bin - wieder einmal - viel zu schwer unterwegs. Es finden sich Verpflegungszelte und an den zwei Uebernachtungsorten sogar Gasthaeuser. Die Chinesen sorgen dafuer, dass an der herrlichen Nordwand des Kailash, gegenueber einem einsam gelegenen Kloster ein neuer Betonkomplex gebaut wird. Schliesslich erwartet man viele Touristen fuer das Olympiajahr 2008. Der Kailash ist fuer die Chinesen nichts anderes als eine Touristenattraktion. Ein 40-jaehriger Japaner, zum vierten Mal am Kailash innert 12 Jahren, ist einfach "very sad". Es habe sich in den letzten Jahren einiges geandert. Beim ersten Mal habe es ausser den beiden Kloestern keine einzige Verpflegungs- und Uebernachtungsmoeglichkeit gegeben. Aber die Nordwand des Kailash, die sei noch wie vor erhaben und wunderschoen.
















Die Wahl der Qual

Nach der dreitaegigen Umrundung begebe ich mich zum nahe gelegenen heiligen See Manasarovar und besuche das Kloster Chiu. Die heissen Quellen hier lassen meine mueden Beine wieder zum Leben erwecken. Ich setzte meine Fahrt ostwaerts weiter. Es erwartet mich eine ueble Waschbrett-Piste. Ich kann zwischen der gewellten Schotterpiste des "Highway" und den sandigen Parallelrouten aussuchen. Fuer 60 km strample ich mich satte sieben Stunden ab. Jede Geschwindigkeit ueber 10 km/h bedeutet Rasen. Oefters ziehen gegen Mittag Wolken auf und die Temperaturen sinken gegen die Nullgradgrenze. Die Nachmittagswinde runden das Fahrvergnuegen ab.

In Horchu, wo die Umrundung fuer den heiligen See Manasarovar startet, stosse ich auf einen russischen Radfahrer. Er und sein Kollege haben sich in Urumqi Fahrraeder gekauft und sind auf den Xinjiang-Tibet-Highway gestartet. Seinen lieben Freund hat er in Ali zurueckgelassen, als dessen Rad zu kraenkeln begann. Immerhin war er so freundlich, ihm Gewicht abzunehmen, indem er das einzige Zelt mitgenommen hat. Kocher fuehren sie keinen mit, wozu auch. Seit drei Tagen sitzt Gregori, man hoere und staune, von Beruf Geo-Reisejournalist, in einem Truckstopp ausserhalb Horchu fest (und dabei das Dorfzentrum nicht entdeckt). Drei Speichen sind gebrochen, entsprechendes Werkzeug hat er natuerlich nicht dabei. Ein Stein faellt ihm vom Herzen, als er mich erblickt. Wir ersetzen die Speichen, doch die Felge ist total verbogen und streift den Rahmen. Also zentriere ich ihm waehrend einer Stunde die Felge. Auf Wunsch hin stelle ich ihm die Schaltung ein und spendiere ihm noch Kettenoel. Er schlaegt mir vor, ein paar Tage zusammen zu fahren. Wehret den Anfaengen! Ich bin ehrlich und mache ihm klar, dass ich ganz alleine weiterfahren moechte.

Ich komme in Paryang an, einer tibetische Siedlung mit wenigen Guesthouses und einigen mutigen Han-Chinesen, die hier ihr wirtschaftliches Glueck versuchen, indem sie westliche Jeep-Touristen mit ueberrissenen Preisen und unpraezisen, mittelalterlichen Waagen auszunehmen versuchen. Am naechsten Morgen nehme ich mein Morgenessen zu mir ein, doch der uebliche Appetit fehlt mir. Vielleicht liegt es am stechenden Husten, der mich seit einigen Tagen plagt. Ich schwitze, meine Beine zittern. Mein Koerper will sich offenbar heute nicht fortbewegen. Ich gehe zurueck ins Guesthouse und bleibe den ganzen Tag im Bett liegen.















Die Landschaft wird zunehmend sandiger und trockener. Die riesigen Sandduenen sind das Resultat der Himalayakette, welche die Regenmassen aus dem indischen Subkontinent abschirmt. Trotz Anstrengung und Langsamkeit ist die Fahrt durch das tibetische Hochplateau eindruecklich. In der Weite erblicke ich Gazellen, scheue rot-weisse Wildesel (Kiang) fliehen vor mir, Murmeltiere springen von Loch zu Loch.


Kurz vor dem Mayum La Pass (5'225 m) kann ich bei tibetischen Nomaden uebernachten. Ein anderes Mal schlage ich mein Zelt neben dem tibetischen aus dunkler Yakwolle auf und verbringe den Abend mit einer freundlichen Familie. Wir sitzen alle um den kleinen Ofen. Die Mutter feuert mit Yakdung. Anderes Brennmaterial existiert hier in der baumlosen Landschaft nicht. Die Familie fuehrt ein hartes, entbehrungsreiches Leben. Jeglicher Luxus, ausser derjenige der Zeit, fehlt hier. Die Tochter, welche zur Ziegenherde schaut, kommt erst nach Einbruch der Dunkelheit zurueck. Ich kaufe ihr die selbstgestrickten Wollsocken ab. Die Nahrung besteht hauptsaechlich aus Tsampa (Gerstenmehl und Yakbuttertee, die mit der Hand zu einem Brei geknetet werden). Yakfleisch, Kohl und Kartoffeln gibt es nur selten.















Vor New Zonghba, einer haesslichen chinesischen Retortensiedlung, werde ich von einem Schneesturm ueberrascht. In der Dunkelheit fahre ich mit der Stirnlampe weiter, die Lichter der Ortschaft zeigen mir die Richtung an. Der Pass Sing La (4925 m) fordert mich; ich kann wieder einen Durchfall beklagen. Ein Fuchs stattet mir in der verschneiten Nacht einen Besuch ab und schaut mir geradewegs in die Augen, als ich nach draussen blicke. Endlich erreiche ich die groessere Ortschaft Saga, wo ich die Kailash-Route suedoestlich Richtung Paiko-Tso See verlasse. Kurz nach Saga stosse ich auf
Silvio Giroud aus Freiburg, den ich spaeter in Katmandu wieder treffen werde. Nochmals geniesse ich die Weite Westtibets, atemberaubende Blicke auf den Shishapangma (8'012 m) und die umliegenden Berge, bis ich den Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) erreiche. Jetzt faengt der Urlaub an!