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16 November 2006

Liestal - Lhasa: 15'265 km















Nun habe ich endlich Lhasa, die Hauptstadt Tibets erreicht. Nach 15'625 Kilometern und neun Monaten stehe ich vor dem beeindruckenden Potala Palast, einem Meisterwerk der Architektur und Wahrzeichen Tibets. Ein grosser Moment. Zugleich endet meine wunderbare, wenngleich manchmal nervenaufreibende Treterei in Tibet nach ueber 9 Wochen.

Hier in Lhasa herrschen tagsueber angenehme Temperaturen bis ca. 20 Grad. Anders war es vor einigen Tagen auf dem vorletzten Paess ueber 5'000 Metern. Tief verschneit und eiskalt. Umso mehr geniesse ich jetzt in einem ganz italienischen Cafe bei einem guten Espresso die Stimmung rund um den Jokhang, dem heiligsten Tempel Tibets. Und fuer die italienische Gesellschaft sorgt Isabella, eine Mitarbeiterin einer NGO, die mich bereits mit ihren Kollegen in Dushanbe (Tadjikistan) beherbergt hatte.

In den naechsten Tagen werde ich ausfuehrliche Berichte ueber die Fahrt suedlich des Kailash bis nach Saga und dem See Paiko Tso sowie ueber den touristischen Friendship Highway einschliesslich den Abstechern zum Everest Base Camp sowie zum heiligen See Yamdrok Tso nachliefern. Ich ruhe mich jetzt einige Tage aus, werde die Gelbmuetzen-Kloester rund um Lhasa besichtigen und hoffe, eine Fahrt bis zur nepalesischen Grenze organisieren zu koennen, um nicht den Friendship Highway nochmals radeln zu muessen.

A presto !

25 Oktober 2006

Kailash - der heiligste Berg der Erde















Trash'ih-deleh ! Hallo zusammen. Wie versprochen melde ich mich aus Saga, einer tibetischen Kleinstadt, die durch die chinesischen Staedteplaner verunstaltet worden ist. Immerhin finden sich hier Laeden mit einer guten Auswahl und ich konnte mich, meine Kleider und mein Reisegefaehrt wieder einer ordentlichen Waesche unterziehen. Und meinen x-ten Durchfall mit Basler Chemie behandeln.

Das einzige Internet-Cafe mit langsamer Verbindung wird bereits am fruehen Nachmittag von den jungen Soldaten bis spaetnachts belagert. Ich halte mich deswegen kurz und werde mich spaeter aus Shigatse oder Lhasa mit einem ausfuehrlichen Bericht melden.


Nach dem Abstecher in das Koenigreich Guge habe ich unter Freudentraenen mein grosses Pilgerziel erreicht: den Berg Kailash oder Kang Rinpoche (auf tibetisch). Die dreitaegige Umrundung des 6'714 Meter hohen "Eisberg-Juwelen" - die Kora - war eindruecklich, wenngleich manchmal der Unrat am Wegesrand keine heiligen Gefuehle aufkommen liess. Ein Besuch des heiligen Sees Manasarovar und der heiligen Quellen in Thirthapuri machte die Pilgerfahrt vollkommen.















Nach Darchen, dem Ausgangspunkt fuer die Kora, wandelte sich der Highway G219 zu einem Waschbrett-Highway, welche meine Geduld arg auf die Probe stellte. Die weite tibetische Landschaft, die Begegnungen mit Nomaden und die - im Unterschied zu der unzugaenglichen Mentalitaet der Han-Chinesen - Freundlichkeit der Tibeter entschaedigen fuer die Strapazen. Die Temperaturen sind in den letzten Wochen merklich gesunken, viele kleinere Baeche und Tuempel bereits zugefroren. Naechtlicher Schneefall keine Seltenheit mehr.

Ich werde kurz nach Saga den Highway G 219 verlassen, den Fluss Brahmaputra ueberqueren und eine "Abkuerzung" zum Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) nehmen, um das Mount Everest Base Camp zu erreichen. Von dort geht es dann den Friendship Highway oestlich nach Lhatse, Shigatse und schliesslich Lhasa.

Bis bald ! Herzlich

Euer Maurizio

03 Oktober 2006

Abstecher zum Koenigreich Guge















Bereits frueher als erwartet melde ich mich aus dem fernen Tibet zurueck. Zur Zeit befinde ich mich in Tielong (Zhada), ca. 200 Kilometer suedlich von Ali (Shiquanhe). Wieder eine dieser Kleinstaedte im Niemandsland mit vielen Annehmlichkeiten einschliesslich Internet. Tielong ist das Sprungbrett fuer Besichtigungen der 20 km nahen Ruinen des Koenigreiches Guge. Dementsprechend sind viele auslaendische wie auch chinesische Touristen hier anzutreffen.

Nach drei Ruhetagen in Ali schwinge ich mich mit etwas schweren Beinen wieder auf den Sattel. Keine Ueberraschung, aber trotzdem eine willkommene Abwechslung: die ersten 80 Kilometer nach Ali sind seit einigen Jahren asphaltiert. Kurz vor der tibetischen Ortschaft Namru, wo ich mein erstes Tsampa verspeise, verlasse ich also den Highway 219 und wechsle auf eine holprige und steinige Piste rauf zu einem Pass von 5'325 M.ue.M, gefolgt von einem zweiten, den Ayi La (5'395 M.ue.M.). Die ueber 1'000 Meter Hoehendifferenz auf einer mehr schlechten als rechten Piste wollen erkaempft werden. Zwischendurch kann ich bei einer tibetischen Frau herrlich warme Wollsocken kaufen, die ich fuer die kuehlen Naechte, in denen das Wasser in den Trinkflaschen regelmaessig einfriert, dringend brauche. Die Fahrt durch das sandige Flussbett des Sutley Flusses, wo mir mein Velo staendig auszurutschen droht, ist lohnenswert. Ich radle durch eine bezaubernde Landschaft, umgeben von verwitterten und verwaschenen Berghaengen, eine Mischung aus Kappadokien und dem Grand Canyon.
















Hier im Sutley-Tal, nahe Tsaparang, koennen die Ueberreste des Guge Koenigreiches besichtigt werden. Guge, in einem Seitental des suedwestlich verlaufenden Brahmaputra Flusses liegend, verdankte seinen Reichtum - wie die Koenigreiche Ladakh und Purang - dem Handel zwischen Tibet und dem indischen Subkontinent. Das Reich unterlag im 17. Jahrhundert Ladakh und zerfiel. Die Festung, die auf einem Felsen thront, wurde im Zuge der chinesischen Kulturrevolution arg zerstoert. Etliche Buddha-Statuten wurden vernichtet. Einzig die aus kunstgeschichtlicher Warte aussergewoehnlichen Wandmalereien haben die Verwuestungen einigermassen unbeschadet ueberlebt.

26 September 2006

Auf dem Xinjiang-Tibet Highway















Es scheint schon fast zur Gewohnheit geworden zu sein, dass ich mir in Grossstaedten Magenprobleme einfange. Und so muss ich in Kashgar wieder einmal einen heftigen Durchfall mit Antibiotika behandeln. Die fuenf Tage verfliegen im Nu und wir zehn Radler im Chini Bagh Hotel haben alle Haende voll zu tun. Ich unterziehe meinen Drahtesel einer Rosskur und kann rund sieben Kilo "abspecken", um so leicht wie moeglich unterwegs zu sein. Am 5. September starten wir alle gemeinsam, die meisten Richtung Tibet, wobei die zwei belgisch-hollaendischen Radlerpaare einen Bus nehmen, um sich den Weg am Rand der Taklamakan-Wueste zu ersparen.

Ich starte mit
Stephane aus dem Welschland, der sich sein Velo nach Bishkek hat schicken lassen und vom Backpacker zum Tourenfahrer "aufgestiegen" ist. Dank gutem Asphalt spulen wir in den ersten zweieinhalb Tagen ueber 240 Kilometer ab. Die staubige und diesige Luft sorgt fuer eine vernebelte Stimmung auf den langen Pappelalleen. Die Truckfahrer, die konstant auf die ohrenbetaeubende Hupe druecken, nerven. Wir ueberholen zahlreiche Eselskarren und geniessen die Fahrt durch kleinere und groessere Ortschaften mit lebhaftem Markttreiben.















Nach Yecheng biegt eine Nebenstrasse in den Xinjiang-Tibet-Highway, der G 219, ein. Wer in diese Strasse einbiegt, hat nur ein Ziel: Tibet. Der Xinjiang-Tibet-Highway ist eine der haertesten Radstrecken. Er streift die Taklamakan-Wueste, fuehrt durch das Kunlun-Shan-Gebirge und das Aksai Chin-Plateau mit Paessen ueber 5'000 Metern, passiert die Hauptstadt von Westtibet, Ali, um den heiligen Berg Kailash (Kang Rinpoche) und den heiligen See Manasarovar zu erreichen und schliesslich auf den Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) zu stossen. Von Kashgar bis Lhasa erwarten dem unermuedlichen Tourenfahrer 2'884 Kilometer, zumeist auf Wellblechpisten, Schotter und Sand, begleitet von heftigen Nachmittagswinden und kalten Naechten.















Es gilt vorsichtig zu sein, denn in Yecheng ist die bei Radlern gefuerchtete P.S.B (Police Security Bureau) anwesend, die Velofahrer davon abzuhalten versucht, auf die G 219 abzubiegen. Fuer Reisen durch das von China annektierte "Autonome Region Tibets" ist ein zusaetzliches Permit erforderlich, das man nur in Lhasa, nicht aber in Kashgar erhaelt. Zudem wird dieses Permit nur organisierten Gruppen mit chinesischem Fuehrer gewaehrt, nicht jedoch Individualtouristen. Und so muss man halt illegal durch Tibet reisen und vor der P.S.B auf der Hut sein. Kaum in Yecheng angekommen, ueberholt uns ein Streifenwagen in langsamer Fahrt und mustert Stephan und mich aus. Sie halten vor uns. Nun ja nicht anhalten ! Wir gruessen die Polizisten freundlich mit einem "Ni hao" und fahren unbeirrt weiter. Sie verfolgen uns noch eine Weile, doch bald lassen sie zum Glueck von uns ab. Nun wie nichts auf die G 219 und strampeln, was die Beine herhalten. Bald schon weicht die geteerte Strasse einer Schotterpiste, die sich zum 3'300 Meter hohen Kudie-Pass hinaufschlaengelt, einer Aufwaermuebung fuer die folgenden Paesse und der einzige 3'000-er Pass auf der ganzen Strecke. In Kudie passieren wir problemos einen Militaer-Checkpoint.
















Von knapp 3'000 M.ue.M. klettern wir nun waehrend rund 50 Kilometern rauf zum Chiragsaldi La auf 4'980 M.ue.M. Die Anstrengung ist gross. Stephane muss sein Fahrrad mit Anhaenger auf den letzten Kilometern schieben, die Rosinen bekommen ihm nicht Wohl. Der Hoehenunterschied ist gewaltig und ich verspuere Kopfweh. Um nicht hoehenkrank zu werden, steigen wir schnell vom Pass ab, wo die Temperaturen auf den Gefrierpunkt gesunken sind. In holpriger Fahrt, in der uns die Haende einschlafen und fast einfrieren, brettern wir runter nach Mazar (3'800 M.ue.M.), einem Truckstopp. Wir lernen diese aneinandergereihten Baracken, wo man feine chinesische Nudeln serviert erhaelt und Biskuits zu ueberteuerten Preisen einkaufen kann, schaetzen. Jedes Restaurant bietet ein einfaches Dormitory, wo man sich zusammen mit den umherirrenden Maeusen breitmachen kann. Am Morgen lassen wir uns nochmals Nudeln kochen. Stephane, vermeintlicher Schnellesser, ist erstaunt, als ich meinen Teller, begleitet von einer Packung Milk-Cookies, innert Minuten leergefegt habe.















Wir nehmen uns einen "gemuetlichen" Tag von nur 50 Kilometern bis zum Beginn des naechsten Passes vor. Wellblech, Schotter und Bachueberquerungen bremsen uns ein, sodass wir ueber fuenf Stunden unterwegs sind. Wir kommen bei einem uyghurischen Strassenunterhalt-Camp unter, wo wir am Morgen zusammen mit der ganzen Mannschaft eine leckere Nudelsuppe essen. Die naechste Huerde, der Kirgizjangal Pass (4'955 M.ue.M) steht uns bevor. Mittlerweile sind wir gut akklimatisiert, sodass wir uns ohne Beschwerden den Pass hinaufkaempfen koennen. Ich klettere zu Fuss noch auf einen Huegel, wo ich eine atemberaubende Sicht auf das Kunlun-Shan Gebirge geniessen kann. Bis zum naechsten Truckstopp, Xaidulla, zehrt die sandige Waschbrettpiste an unseren Nerven. Wir sinken im Sand ein und kippen gelegentlich um, waehrend uns die Konvois der Militaerlastwagen einnebeln. Aus Wut bewirft Stephane irgendwann seinen Goeppel mit einem Stein.















Heather, eine englische 37-jaehrige Radfahrerin, gesellt sich fuer einen Tag zu uns. Das Wetter schlaegt um und von hinten naehert sich uns ein bedrohlicher Sandsturm. Heather ist ganz aufgeregt: "Oh, that's exciting, that's like in the films with the tornados. Don't look behind! Just keep on cycling" Wir schaffen es gerade noch, unsere Zelte an einem einigermassen windgeschuetzten Ort aufzustellen. In der Nacht faengt es an zu schneien, sodass am Morgen unsere Behausungen und die umliegende Landschaft sich in einem weissen Kleid zeigen. Die schrille und aufgedrehte Heather faengt in ihrem japanischen Mini-Zelt an, Weihnachtslieder zu singen. Stephane und ich verabschieden uns von Heather und machen uns auf den Weg Richtung Khitai Pass (5'190 M.ue.M), dem bis anhin hoechsten Punkt auf meiner Reise. Hier faengt auch das umstrittene Aksai Chin Plateau an, von China verwaltet und von indischer Seite beansprucht. Eine der weltweit hoechsten Strassen auf ueber 5'000 Metern fuehrt waehrend rund 100 Kilometern durch diese strategisch wichtige Ebene im Nordosten Ladakhs.















Wir stossen auf das belgisch-hollaendische Quartett. Das Fahren in der Gruppe behagt mir nicht. Ich moechte meine Fahrt nach Tibet alleine geniessen. Stephane, der auf seiner ersten Velotour ueberhaupt unterwegs ist, beklagt sich ueber starke Nackenschmerzen und wird einige Tage spaeter auf einen Truck umsteigen. Ich verabschiede mich von allen und mache erst spaetabends Halt. Nach dem Satsum La (5'350 M.ue.M.) durchquere ich - 12'898 Kilometer nach meinem Start im Februar - die Grenze zu Tibet. Ab jetzt bin ich definitiv illegal unterwegs! Die Landschaft mit den weissen Schneebergen und den gelb-gruenen Huegeln wirkt bereits sehr tibetisch. Der hoechste Pass auf meiner Strecke steht mir bevor, der Qieshan La mit 5'400 M.ue.M., wo nur halb soviel Sauerstoff wie auf Meereshoehe eingeatmet werden kann. Bei der Abfahrt werde ich von Graupelregen ueberrascht. Ich beschliesse, da es erst vier Uhr nachmittags ist, noch weiterzuradeln. Gluecklicherweise klart dann der Himmel etwas auf und die Sonne beleuchtet die frisch verschneiten Huegel.















Die Strassen sind nach wie vor in einem schlechten Zustand. In Domar, der ersten tibetischen Siedlung, kann ich mich nach Tagen wieder mit warmem Wasser waschen. Ein sandiger Abschnitt entlang einem Salzsee nagt an meinen Kraeften. Weiter geht es dem Pangong Tso, einem See auf 4'250 Hoehe, entlang. Als ich in einem kleinen Fischrestaurant frischen Fisch in allen Variationen verspeise und sich die Abendsonne ueber den tiefblauen See mit den bunten Fischerbooten legt, fuehle ich mich ein klein wenig wie in der Costa Azzurra. In Rutok, eine von den Chinesen aus dem Boden gestampfte Kleinstadt treffe ich auf das belgische Radfahrerpaar Polle und Els. In Rutok ist wegen der Anwesenheit des P.S.B. Vorsicht angebracht. Die Luft scheint rein zu sein. Wir essen gemeinsam in einem Restaurant einen Teller Nudeln. Welch ein Schreck: als wir aufbrechen wollen, taucht ein Beamter in seiner unverkennbaren dunkelblauen Uniform auf, trinkt einen Tee und nimmt das Handy zur Hand. Oh nein, denken wir. Doch es passiert nichts. Wir begruessen ihn freundlich und verziehen uns rasch.

Die Strecke zwischen Rutok und Ali, der Hauptstadt von Westtibet (Ngari) scheint nach den Berichten anderer Velofahrer die uebelste Waschbrettpiste des ganzen Highway zu sein. Ich finde hier aber auf den ganzen 120 Kilometer eine Grossbaustelle vor und kann auf einer flachen, zehn Meter breiten Piste rollen, die wohl schon bald asphaltiert sein duerfte. Die unzaehligen tibetischen Arbeiterinnen und Arbeiter mit Mundschutz, die muehsam von Hand Steine meisseln und Schutzwaende und -daemme errichten, stehen im eigenartigen Widerspruch zu den schweren Caterpillar und Komatsu Baggern.















Als ich von einer Anhoehe endlich die Stadt Ali (Shiquane) erblicke, muss ich an einen Radler aus Dushanbe denken, der in gut schweizerischem Akzent ueber die Fahrt durch Tibet meinte: "And daad was joeschd so wontrfool!". Ich denke mir nur: "That is just so crazy!". Nach ueber 1'300 Kilometern durch einsame Wuesten, Hochgebirgen und -ebenen inmitten des Niemandslandes eine richtige Stadt mit Hochhauesern, voller Geschaefte, Restaurants und Taxis. Die Tibeter hier in Ali scheinen recht chinesisch zu wirken und dem Stadtleben nicht abgeneigt zu sein.

Es mag unlogsich klingen, doch in Ali begebe ich mich schnurstracks zum P.S.B. und stelle mich freiwillig. Vor fuenf Polizeibeamten der "Entry and Exit Administration" werde ich zu meiner bisherigen Fahrt verhoert. Ich gebe zu, durch Sumxi, Domar und Rutok gefahren zu sein, welche fuer Auslaender gesperrt sind und somit chinesisches Recht gebrochen zu haben. Die Sanktionen reichen von der Konfiskation des Velos, der Kuerzung der Visadauer, der Rueckweisung bis zur Busse. Ich werde mit 300 Yuan (ca. 45 Franken) gebuesst, werde auf das Rechtsmittel hingewiesen und erhalte fuer 50 Yuan das begehrte "Alien Travel Permit" fuer die Weiterfahrt zum Mt. Kailash und dem Guge Kingdom. In Ali scheint man einen modus vivendi im Umgang mit den "Gesetzesbrechern" gefunden zu haben. Sie nach Kashgar zurueckzuschicken, waere unverhaeltnismaessig. Also buesst man sie und laesst sie weiterziehen. Die Stimmung ist im Uebrigen auesserst freundlich und man gibt sich besorgt ueber moegliche Schneefaelle im Oktober.

Abends treffe ich mich der ganzen Schar der Velofahrer einschliesslich Stephane. In einer kitschigen tibetischen Disco froehnen wir dem Laster, kippen reichlich "Lhasa Beer, the beer of the roof of the world", gehen mangels Toiletten ab und zu nach draussen, um auf die Strasse zu pinkeln und lassen das Tanzbein schwingen.

Bildergalerie

Beim letzten Bericht hat der Link zu den Bildergalerien nicht ganz geklappt. Hier gehts nun zu den Bildern vom
Iran und denen von Zentralasien. Der Vollstaendigkeit halber die erste Bildergalerie. Hier (anklicken) kann ein Video angeschaut werden, das ich mit meiner Handykamera von der Fahrt nach Kashgar gedreht habe.Viel Spass und bis in etwa drei Wochen aus Saga.

07 September 2006

Zwischen zwei Welten















Nach dem Ruhetag in Sary-Tash kann ich einigermassen gestaerkt meine Reise nach Osh fortsetzen. Obschon die Reise von rund 3'000 runter auf 1'000 Metern ueber Meer auf den ersten Blick entspannend toent, daempfen der Taldyk-Pass (3'610 M.ue.M) sowie der starke Gegenwind die Stimmung. In Osh herrschen sommerliche Temperaturen um 30 Grad und ich geniesse nach langer Zeit wieder die Vielfalt an Fruechten und Gemuesen. In Osh, das im usbekisch besiedelten Fergana Tal liegt, sieht man viel mehr schwarze usbekische Huete als die kirgisischen Kalpaks. Zusammen mit zwei Franzosen klappere ich die besten Restaurants ab und esse mich drei Tage lang voll. Wohlernaehrt und mit meinen Packtaschen voller Kalpaks, die es hier im Bazar guenstig zu ergattern gibt, suche ich einen Jeep, um den Weg nach Sary Tash nicht nochmals radeln zu muessen. Rachim, unterwegs mit seiner betagten russischen Volga, macht mir einen guten Preis. Wir verabreden uns am naechsten Tag um acht Uhr. Die Fahrt werde fuenf Stunden dauern und es habe nur fuer vier Passagiere Platz.

Bis wir tags darauf starten koennen, vergeht eine Ewigkeit. Rachim muss zuerst noch seine Laghman essen. Nach nur 500 Metern steht der Wagen still. Kein Benzin. Rachim muss zu Fuss einige Flaschen Benzin auftreiben. Dann biegt er in eine Nebengasse ein. Ich kann gerade noch verhindern, dass er zwei schwere Kisten mit Tomaten auf meinem Velo ablaedt. Seine Frau und die beiden Kinder steigen ein und ploetzlich finde ich mich eingepfercht auf dem Hintersitz mit vier anderen Passagieren. Ausgangs Osh haelt uns ein Polizist an. Rachim steigt schnell aus und bezahlt "ordnungsgemaess" den Bakschisch von 10 Som. Endlich kann es - gegen 11 Uhr - losgehen. Doch bereits beim ersten Bach haelt er an, um seine "machina" abzukuehlen und mit Wasser zu begiessen. Genau 14 Mal wird er in den naechsten 180 Kilometern anhalten, um frisches Kuehlwasser zu schoepfen. Um sechs Uhr abends treffen wir endlich in Sary Tash an. Ich komme mir vor, als waere ich hierhin geradelt. Ich mache Rachim klar, dass er die versprochene Leistung nicht vollumfaenglich erbracht hat und fordere einen Preisabschlag. Nur nach hitzigem minutenlangen diskutieren gewaehrt er mir zehn Prozent.















Am kirgisch-chinesischen Zoll uebernachte ich im einzigen Hotel. Etliche Lastwagen warten bereits vor dem chinesischen Zoll, der ueber das Wochende geschlossen hat. Es trieft nur vor Dreck. Ueberall liegt Altmetall herum, in der Naehe des Flusses verunziert Kot die Gegend. Am Morgen vergeude ich die Zeit mit der Suche nach einer CD mit dem kirgisisch-russischen Gassenhauer "jorni glasar" (schwarze Augen). Ich treffe auf ein Bikerpaar aus Amsterdam. Zusammen mit
Jan und Jane harren wir vor dem kirgisischen Zoll aus, bis wir endlich durchgewunken werden. Zwischen den beiden Zollabfertigungen treffen wir noch auf den 54-jaehrigen Amerikaner Bill, mit dem wir eine halbe Stunde lang hilfreiche Tipps austauschen und Geld wechseln. Der Zeitumstellung tragen wir nicht Rechnung und so ist bereits Mittag und - Ordnung muss sein - der chinesische Zoll bis 14:30 Uhr geschlossen. In der Zwischenzeit treffen Polle und Els aus Belgien ein.















Zu fuenft warten wir nun sehnsuechtigst, bis wir am chinesischen Zoll abgefertigt werden. In zwei Tagen fahren wir durch eine abwechslungsreiche Landschaft runter nach Kashgar, einer wichtigen Etappe auf der alten Seidenstrasse. Die baktrischen Kamele kuenden die Taklamakan-Wueste an. Die Uyghuren sind in Kashgar zwar in der Mehrheit, werden aber mehr und mehr von den Han-Chinesen verdraengt. Das Stadtbild ist in den letzten Jahrzehnten sehr chinesisch geworden. Sportgeschaefte und grosse Supermaerkte mit einem unglaublichen Angebot ueben ebenso eine Faszination aus wie der weltberuehmte orientalische "Sunday Market" und der "animal stock market", wo man zuschauen kann, wie Schafe geschlachtet werden oder Esel blutig mit Hufeisen beschlagen werden.















Wir logieren im Cini-Bagh Hotel, wo wir andere bekannte Tourenfahrer treffen. Es ist erstaunlich, wie sich die Wege kreuzen. Ich treffe
Sander und Jessica, die ich in Samarkand kennengelernt habe wie auch Stephan Soray, den ich zuletzt vor ueber zwei Monaten in Yazd (Iran) gesehen habe und der das Wagnis eingeht, sich auf dem Sunday Market sein Ohrlaeppchen blutig rasieren zu lassen. Beat Blaser aus der Schweiz kenne ich erst von den Eintraegen aus den turkmenischen Guestbooks her. Beat und Polle und Els haben sich im Iran getroffen. Stephan (derjenige, der sich sein Velo nach Bishkek hat schicken lassen...) kennt jedermann, der in den letzten zwei Monaten in Kirgistan war. Und, und, und ... Wir machen uns einen Spass daraus, dass eine Wort mit T nicht auszusprechen und verwenden stattdessen Toronto. Wir freuen uns - ausser Jan und Jane, die wegen Janes schmerzendes Knie leider ihre Reise unterbrechen muessen - auf die Fahrt durch die atemberaubenden Landschaften Torontos. Alle schreiben fleissig an ihren Webseiten und Blogs, verschicken Pakete, kopieren Karten und Reisebuecher, putzen und flicken ihre Velos. Und so vergeht die Zeit in dieser faszinierenden Stadt zwischen zwei Welten im Nu.


Bildergalerie "Iran und Zentralasien"

Ich werde nun laengere Zeit nicht mehr online sein. In der Zwischenzeit koennt ihr einige Bilder aus Iran und Zentralasien anschauen. Hier geht's zur Bildergalerie.

04 September 2006

Ein Tag in Sary Tash

Die Ausreise aus Tadjikistan geschieht ganz unbuerokratisch. Nach all den zahlreichen Checkpoints gewoehnt man sich langsam an diese stickigen Kabinen, deren Mobiliar sich gleicht: ein Ofen, ein Bettgestell aus Stahl, ein Schreibtisch mit einem alten Schulheft, einige Stuehle. Meine bisherige Reise sowie meine Herkunft ("Aaah, Italia Schampion") macht dem Beamten genug Eindruck, um nicht weiter auf die nichtexistierende "customs declaration" zu bestehen. Noch einen steilen Kilometer und ich habe es bis zum Kizil-Art Pass (4'290 M.ue.M) , der die offizielle Grenze zu Kirgistan bildet, geschafft. Der Pass wird seinem Namen gerecht (Zidane hat im WM-Finalspiel die "kizil kart" erhalten ...) : die Landschaft ist sienarot gefaerbt, die Baeche und Fluesse sind ebenfalls blutrot getraenkt. Erst nach 20 Kilometer findet sich der kirgisische Grenzposten wieder, wo man sich mit Formalitaeten nicht lange aufhaelt und man mir - mangels Stempels - mein Einreisedatum nicht attestieren will. Meinen Pass will man schon gar nicht sehen. Ja, ja, das Visum wird schon stimmen. "Magic Kirgistan" meint der dickbauchige Beamte, der minutenlang in seinem Playboy herumblaettert, bis er endlich das Foto von Cicciolina gefunden hat.

Magic Kirgistan

Die Landschaft ist tatsaechlich magisch. Hinter mir tuermen sich Schneeberge auf, waehrend ich durch eine von Sommerjurten geschmueckte Grasebene fahre, auf denen Pferdeherden umherziehen. Weniger rosig fuehlt sich mein Koerper an. Bereits den ganzen Tag war es mir leicht uebel, hatte Brechreiz und leichte Magenkraempfe. Vielleicht haette da ein Schluck gegorener Stutenmilch, Kymys, Abhilfe geschafft. Der starke Wind setzt mir noch zusaetzlich zu. Irgendwann muss ich anhalten und mich uebergeben. Die restlichen 15 Kilometer bis nach Sary Tash schaffe ich nicht mehr. Ich schlage im Windschatten des Strassendammes mein Zelt auf und werde von einer Mutter mit ihrem Sohn, die in der Naehe in einer Jurte leben, liebevoll umsorgt.
















Am naechsten Morgen vollende ich das Vortageswerk und da es mir nach wie vor nicht allzu besser geht, mache ich an diesem 20. August nach einer Stunde Fahrt in Sary Tash bereits Halt. Im 500 Seelen-Dorf niste ich mich in einer der wenigen Hotels (gastrinizia) ein. Dass hier ueberhaupt solche Unterkuenfte zu finden sind, hat Sary-Tash seiner "strategischen" Lage zu verdanken.

Clara von der gastriniza bringt mir einen Eimer heisses Wasser zum Waschen. Nach einem Teller Nudeln, begleitet von einem Liter Cola, geht es mir etwas besser. Ausgeruestet mit Fotokamera und Schwarzweiss-Film nehme ich einen Augenschein in diesem kirgischen Dorf auf ueber 3'000 Metern ueber Meer. Es ist nach wie vor windig, das Thermometer klettert an diesem Tag kaum mehr als 15 Grad. Die Gegend ist kahl und baumlos. Olivgruen und Ocker dominieren die Landschaft. Es faellt auf, dass hier - im Unterschied zu zahlreichen Ortschaften im Pamirgebirge - Strom fliesst. Das Dorf in den Auslaeufern des Alay-Tals, von dem man den ueber 7'000 Meter hohen Pik-Lenin erreichen kann, sieht von weitem besser aus als von der Naehe. Leicht schmuddlig, ueberall ein bisschen Abfall. Pferde, Kaelber und Schafe grasen am Strassenrand.















Die einzige Strassengabelung im Dorf fuehrt in Abstaenden von jeweils weniger als hundert Kilometern in zwei sehr unterschiedliche Laender: im Sueden Tadjikistan, im Osten China. Bis nach Osh im Norden, wo der Pamir Highway endet, fehlen 185 Kilometer. Die Schotterpiste zum Irkeshtam-Pass, der chinesischen Grenze, scheint einseitig befahren zu werden: vollbepackte Lastwagen importieren chinesische Ware, zumeist Textilien oder Elektrogeraete. Kirgistan hingegen scheint, ausser Altmetall aus aller Welt, nicht viel zu exportieren. Ein chinesischer Lastwagenchauffeur ist gerade daran, einen Platten zu reparieren. Die Dorfjugend hat sich eingefunden, um einen der ueber hundert Kilo schweren Stoffballen zu hieven, der auf die Anhaengerachse gefallen ist.
















Ich werde stets von Kindern gefolgt, die fotografiert werden moechten. In einem Kafe esse ich zwei Samsa, schaue zu, wie ein hagerer Mann mit einer waessrigen Loesung vergebens versucht, die fleckige Wand und den staubigen Fenstersims deckend zu bemalen. Ein Kamaz-Lastwagen aus Bishkek macht Halt. Eine ganze Familie steigt aus und isst - sichtlich unzufrieden mit dem Servierten - zu Mittag. Unweigerlich muss ich an die Kluft zwischen Sueden und Norden denken. Der Sueden mit einer starken usbekischen Minderheit ist traditionalistischer ausgerichtet und - vor allem im Fergana Tal - haeufiger von sozialen Spannungen gepraegt, waehrend der Norden wirtschaftlich erfolgreicher ist und einen grossen russischen Bevoelkerungsanteil hat. Nach dem Putsch und den Neuwahlen letztes Jahr haben die Kirgisen den Willen zur Einheit zum Ausdruck gebracht. Der aus dem Sueden stammende Praesident Kurmanbek Bakijev, mit einer Russin verheiratet, spannt mit dem Premierminister Feliks Kulov aus dem Norden zusammen.















Ich setze meinen Rundgang, begleitet von Kinderrufen, fort. Das Heu aus den Sommerweiden wird mit Lastwagen hergebracht und von Hand auf den Daechern gelagert. An diesem Nachmittag scheint am meisten Betrieb an der "Tankstelle" vor meiner gastrinizia zu herrschen. Reisende aus der Gegend um Osh tanken einige Liter Benzin, um es noch bis zu Osh zu schaffen, wo das Benzin, wie alle Waren, guenstiger zu haben sind. Eine Gruppe von Kirgisen aus Karakol, die stolz ihre Kalpaks tragen, lassen sich von mir ablichten. In einem Dorfladen entdecke ich einen jungen Blondschopf aus Lille. Der 23-jaehrige Julien ist im Maerz aus seiner Heimat gestartet. Der Hunger kommt langsam zurueck und so kocht uns Klara eine feine Reissuppe. Um 9 Uhr gehe ich zurueck in mein Zimmer, lese und schreibe im Licht der Gluehlampe einige Zeilen und packe meine Sachen fuer den morgigen Radeltag.

31 August 2006

Gruss aus Kashgar

Ni hao ! Nun habe ich es bereits bis nach China geschafft. Es ist ein besonderes Gefuehl, nach den Holper- und Schotterpisten Zentralasiens und nach 11'626 Kilometern den riesigen chinesischen Grenzposten zu betreten, Formulare auszufuellen (nein, ich fuehre keine "animal" und "plant products" mit) und Fragen nach der Reiseroute (natuerlich Beijing ...) zu beantworten. Zusammen mit zwei anderen Bike-Paaerli aus Amsterdam und Belgien, die ebenfalls vor der chinesischen Grenze gewartet haben, sind wir in zwei Tagen foermlich nach Kashgar geflogen. Hier in China muessen sich die meisten Velofahrer in Euphemismus ueben und tunlichst ein Wort vermeiden, das sich bloederweise in meiner Webadresse wiederfindet.

Nun, aus dem ersten Internet-Cafe habe ich es (noch) geschafft, meinen Blog zu sichten. Fuer den Fall der Faelle habe ich eine neue Adresse vorbereitet, sollte die alte hier gesperrt werden, wie das anderen Reisenden mit ihren Web-Tagebuechern ebenfalls geschehen ist: www.mauriziobici.blogspot.com. In den naechsten Tagen werde ich mich wieder, hoffentlich noch unter der alten, euch bekannten Adresse, melden. Bis dahin seid alle herzlich gegruesst ! Zai-jian Maurizio

29 August 2006

Aufs Dach der Welt

Eigentlich haette ich Dushanbe mit vollen Kraeften Richtung Pamir-Gebirge verlassen sollen. Doch die Antibiotika-Kur, mein rekonvaleszenter Zustand sowie die heissen Temperaturen halten mich auf Sparflamme. Meine Beine fuehlen sich tonnenschwer an. Die Verpflegungsmoeglichkeiten am Strassenrand spotten oftmals jeder Beschreibung. Ich entwickle eine Allergie auf das Wort "Shorpa!" Sehr oft gibt es in den Chayhanas nur diesen braunen Eintopf zu essen, der in Wochenrationen tagelang vor sich hinkoechelt und auf seine Opfer wartet. Das gekochte Fleisch in Eimern am Boden - leicht mit Abfalleimern zu verwechseln - das anschliessend in ranzigem Oel gebraten wird, verdirbt einem den Appetit vollends. Und so verzweifle ich in den ersten Tagen nach Dushanbe und ziehe es vor, selber zu kochen. Sobald ich bei einer Chayhane nachfrage und das Wort Shorpa hoere, verziehe ich mich meistens rasch wieder. Nur widerwillig kocht mir ein Besitzer weissen Reis. Viel lieber scheint er seinen Eintopf zu schoepfen.


"Gorge riding": herauf, herab und quer und krumm
















Die Strasse ist nach wie vor in einem traurigen Zustand, sie fuehrt stets hinauf und hinunter. Kein Wunder, dass ich zwei weitere Platten in meiner langen Liste verzeichnen kann. Bei Obigarm fuehrt die Schotterpiste einem Fluss entlang und windet sich schliesslich bis zum Kahburabot-Pass (3'252 M.ue.M) hinauf, wo es stark windet, ich mich leicht erkaelte und die uebernaechste Nacht in meinem Schlafsack durchschwitze. Kurz nach dem Pass verkaufen Frauen Kefir (Joghurt), vom Bergbach gekuehlt, von dem ich gleich mal einen ganzen Liter trinke. Nach einer rasanten Abfahrt hinunter nach Khalaikum stosse ich auf den schlammigen Fluss Panj, der die Grenze zu Afghanistan bildet. Waehrend rund 500 Kilometern werde ich stets einen Steinwurf von Afghanistan entwerft radeln und habe afghanische Gebirge, Doerfer und sogar die zweihoeckrigen baktrischen Kamele (auch Trampeltiere genannt) im Sichtfeld. Die Fahrt durch das Panj-Tal ist atemberaubend. Sobald die Strasse eine Bergwand umwunden hat, reiht sich bereits die naechste dahinter auf. Einige Hoehenmeter sind zu ueberwinden, dafuer wird man jeweils mit bezaubernden Blicken aus der Hoehe belohnt.

Ich befinde mich jetzt in der autonomen Provinz Gorno-Badakshan, fuer welche ich mir eine spezielle Bewilligung besorgen musste, das sogenannte GBAO-Permit. Zudem werde ich inskuenftig zahlreiche Checkpoints passieren, wo ich jeweils "registriert" werde. Normalerweise muss man sich drei Tage nach der Einreise in Tadjikistan bei der OVIR-Behoerde (Fremdenpolizei) melden. Die Logik, wonach der Einreisestempel im Pass die Anwesenheit im Land bescheinigt, scheint hier noch nicht zu gelten. Natuerlich habe ich mich nicht gemeldet und so verbringe ich in Dushanbe einen Nachmittag lang mit der Suche eines Hotels, das mir eine Bestaetigung ausstellt, wonach ich gleich nach meiner Einreise dort logiert habe und beim OVIR gemeldet worden bin. Mit Dollars ist fast alles zu kriegen. Mit dieser Bestaetigung kann ich mich spaeter ruhigen Gewissens offiziell beim OVIR in Khorog melden, die mir einen Stempel in meinen Pass verabreichen. Anders als Kirgistan hat es Tadjikistan noch nicht auf die Reihe gekriegt, die administrativen Huerden fuer Touristen abzuschaffen.

Die Pamiri-Leute sind unglaublich offen, herzlich und gastfreundlich. Alle laecheln und winken mir freundlich zu. Nach der Zurueckhaltung der Tadjiken eine richtige Wohltat. Jedes Tal spricht einen eigenen Dialekt. Die Pamiri gehoeren uebrigens dem Ismailismus an, einer Abspaltung des Shiismus. Auch finden sich jetzt hier Chayhanes, in denen nebst Reisgerichten und Laghman (Nudeleintopf) noch weitere Koestlichkeiten wie Helva, eingelegte Aprikosen und Maulbeeren serviert werden.















Sobald ich irgendwo nach einem "Magasin" oder einer Chayhane frage, werde ich sofort zum Tee eingeladen. Meistens werden dann gleich noch Biskuits, Trockenfruechte, Nuesse, Bonbons, Brot und Kaymak (Butter) aufgetischt. Mehrmals kann ich im Garten auf einer takhta (Essgestell) schlafen. Kurz vor Khorog, der groessten Stadt in der Bergprovinz Badakhshan, werde ich von Abdullkhohichov Davlatchavam zum Cay eingeladen. Nachdem ich meinen Hunger bereits mit viel Brot und Butter gestillt habe, erhalte ich noch einen Riesenteller Plov (Reisgericht) serviert. Es sei nur "cam, cam", ein wenig. Als ich diesen brav aufgegegessen habe, folgt eine feine Shorpa mit viel frischen Gewuerzen vom Garten. Nicht genug: nach der Shorpa wird schliesslich nochmals reichlich Fleisch aufgetischt. Zum Glueck kann der Schwiegersohn ein paar Brocken Englisch und wir reden viel. Der Wunsch, ein Mittagsnickerchen zu halten, wird mir von meinen Augen, die ich kaum mehr offenhalten kann, abgelesen. Als ich aufwache, ist es bereits fuenf Uhr und ich muss mich beeilen, Khorog noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen. Zum Abschied erhalte ich eine Tesbieh (Kette) aus Holz, einen Sack voller getrockneter Maulbeeren sowie ein Paar der in dieser Gegend typisch schweren Wollsocken geschenkt. Eine kaum zu ueberbietende Gastfreundschaft, welche die von den Iranern gefolgten Tuerken von der Spitze verdraengt. Und dabei sind die Leute hier arm, haben in den sehr kalten Wintermonaten keinen Strom und muessen mit einem Monatseinkommen von wenigen Dollarn auskommen.

Auf den Spuren Marco Polos















In Khorog lege ich zunaechst einen Ruhetag ein. Geplant war urspruenglich, von hier der M 41, dem Pamir Highway ostwaerts zu folgen. Jedermann schwaermt allerdings vom Wakhan Valley bzw. dem Wakhan Corridor, der zunaechst suedlich bis nach Ishkashim verlaueft, danach Richtung Nordosten. Suedoestlich vom Tal thront die Bergkette des Hindukusch. Die davorliegenden tieferen Berge oeffnen immer wieder den Blick auf die weissen Bergriesen. Auch historisch hat das Wakhan-Tal, von dem bereits Marco Polo in seinen Aufzeichnungen berichtet hat, Einiges zu bieten. Etliche kleinere und groessere Schreine, verziert mit den gigantischen Hoernern der abgelegen lebenden Marco Polo-Schafe, finden sich am Wegrand. Hot Pots und warme Baeder sind eine willkommene Abwechslung fuer die geplagten Radlerbeine. In diesem Tal, das Teil der alten Seidenstrasse war, gibt es zudem Ueberreste alter Kulturen wie etwa Petroglyphen (Steinzeichnungen) oder Festungen.
















Nach der letzten Ortschaft im Tal steigt die Strasse, nunmehr grober Schotter, steil an. Hirtenjunge helfen mir, mein Rad den Hang hinauf zu schieben. In den naechsten zweieinhalb Tagen werde ich gerade mal drei Fahrzeugen begegnen: zwei Touristen- und einem Militaerjeep. Es geht in muehsamer Fahrt bzw. Schieberei rauf bis zum Kargush-Pass auf 4'344 M.ue.M. Kurz vor der Passhoehe werde ich von Hagelregen ueberrascht und ich suche in einer Hirtenhuette Zuflucht. Die Leute fuehren hier im Vergleich zu den Einwohnern in den Taelern, wo wenigstens Gemuese und Baume wachsen, ein sehr karges Leben. Nach dem Pass steige ich noch zweihundert Meter ab, um mich bestmoeglich zu akklimatisieren. Nach einer Sand- und Wellblechpiste erreiche ich dann - welch ein Luxus - den Asphalt des Pamir Highway, der in den 30er Jahren von den Soviets gebaut worden ist.


Willkommen in Kirgisien !














Ich befinde mich nun auf dem Pamir-Plateau auf rund 4'000 Metern ueber Meer. Ethnisch faengt hier bereits Kirgistan an, sichtbar an den von Maennern getragenen weissen Filzhueten mit schwarzem Kragen, den Pakals. Rinder und Yaks weiden neben den etlichen Sommerjurten, in denen ich oftmals zu Tee und Yakbutter eingeladen werde. Die Provinz Murghab umfasst den oestlichen Teil des Pamirs. In der gleichnamigen Stadt kommt man sich vor wie im wilden "Osten". Das Angebot im Pazar ist natuerlich eingeschraenkt und die Preise aufgrund des muehsamen Transportes einiges hoeher als anderswo. Strom gibt es fuer eine Haelfte der Stadt abwechslungsweise nur jeden zweiten Tag. Erfreulicherweise bietet eine lokale Organisation Homestays an, in denen man Unterkunft und waehrschaftes Essen erhaelt. Und wenn man Glueck hat, fliesst im Quartier des Homestays gerade Strom! Die Spannung ist abends allerdings derart schwach, dass trotzdem mit Petrollampen beleuchtet werden muss. Ecotourism nennt sich das Ganze.















Welch eine Ueberraschung: kurz vor dem Neizatash-Pass (4'137 M.ue.M) haelt ein Jeep vor mir an und Seb steigt aus. Er ist mit deutschen Touristinnen und Freunden aus Dushanbe unterwegs. Ich kann etwas Ballast abwerfen und ihm einen Sack voller belichteter Diafilme mitgeben (die hoffentlich den Weg in die Schweiz unbeschadet nehmen werden :-)). Nach dem hoechsten Pass auf dem Pamir Highway, dem Akbaital auf 4'665 M.ue.M. geht es runter zum Kara Kul, dem hoechsten See in Zentralasien. Hier habe ich endlich gutes Wetter und ich kann den smaragdblauen See bewundern, bevor ein starker Gegenwind aufzieht und ich mein Zelt im Windschatten einer Anhoehe aufstellen muss. Leider haelt der starke Wind bei der Fahrt Richtung Kyzyl-Art Pass (4'282 M.ue.M), der die Grenze zu Kirgistan bildet, an. Nichtsdestotrotz: die Fahrt durch das Pamirgebirge war beeindruckend.














25 August 2006

Durchs wilde Tadjikistan















Vor meiner Abreise in der Schweiz hatte ich zugegebenermassen ein leicht mulmiges Gefuehl beim Gedanken, alleine durch Tadjikistan, entlang der afghanischen Grenze und mitten in einem Drogenkorridor zu radeln. Noch vor weniger als zehn Jahren herrschte dort Buergerkrieg, viele Strassen sind von Landminen umsauent. Im Internet kursierten Geruechte ueber erschossene Tourenfahrer sowie die Anwesenheit von Taliban-Kaempfern, die meinen Gemuetszustand noch bestaerkten. Nachdem ich jedoch dem Grenzbeamten einen Bakschisch, ein kleines Trinkgeld bezahlt habe und die sechs weiss gestrichenen Baubaracken, welche den Grenzposten bilden, passieren darf, habe ich andere Gedanken im Kopf. Am augen- bw. "hinter"faelligsten ist der miserable Zustand der Strassen, welche diese Bezeichnung kaum mehr verdienen. Allerdings bewege ich mich in einem der aermsten Laender der Welt, dessen Haushaltsbudget kaum groesser ist als die Kosten eines teureren Hollywoodstreifens. Dafuer wartet Tadjikistan mit landschaftlichen Leckerbissen auf, die weltweit einzigartig sind. Das raue und karge Pamirgebirge, auch "Roof of the world" genannt, wird durch den bei Tourenfahrern beliebten Pamir-Highway erschlossen. Fast die Haelfte des Landes liegt auf einer Hoehe von mehr als 3'000 Metern ueber Meer.















Die Tadjiken sind ein iranisches Volk und ethnisch und sprachlich stark mit den Persern verwandt. Ich kann deshalb wieder meine bescheidenen Farsi-Sprachkenntnisse ausgraben. In der ersten Stadt nach der Grenze, Penjikent, mache ich im heruntergekommenen und ueberteuerten Soviet-Intourist-Hotel Halt. Ich bin erstaunt, dass es fliessendes Wasser nur waehrend zwei Stunden am Tag gibt, obschon das Land reiche Wasservorkommen hat. Zahlreiche Schilder von Hilfswerken und NGO's machen auf die Hilfsprojekte, zumeist "water supply" aufmerksam. Die Strecke fuehrt ostwaerts einem Fluss entlang und steigt langsam an, waehrend sich das Tal verengt und die umliegenden Berge steiler und schroffer werden. Vom Asphalt ist so gut wie nichts uebrig geblieben. Ueber staubige Holperpisten geht es stets rauf und runter. Ich bekomme das extreme Kontinentalklima - sehr heisse Sommer und sehr kalte Winter - von der Sonnenseite zu spueren. Waehrend die grau-braune Landschaft fuer die Strapazen entschaedigt, scheinen die Tadjiken in diesem Teil des Landes eher zurueckhaltend zu sein.
















Bevor ich die Hauptstadt Dushanbe erreiche, gilt es den Anzob-Pass auf 3'373 M.ue.M. zu erklimmen. Bei der Sommerhitze kaempfe ich mich ab, immer wieder vom Staub der hinaufkriechenden Lastwagen umnebelt. Rechtzeitig vor Sonnenuntergang, nachdem ich fuer ein paar Tadjiken posiert habe, erreiche ich den hoechsten Punkt der Strasse und kann die Sicht auf die vergletscherten Berge geniessen. Ein bescheidener Hirtenjunge laedt mich zum Cay ein und ich kann in seiner einfachen Huette uebernachten. Am naechsten Tag will ich die Abfahrt auskosten, doch bereits nach wenigen Metern werde ich von zwei giftigen und pflichtbewussten Hunden gejagt. Die Strasse ist derart holprig, dass ich nicht einfach losziehen kann und ich die klaeffenden Biesterchen erst nach einem Kilometer abhaengen kann. Dem gut asphaltierten Varzob-Tal, in dem der Praesident Rahmanov sein Anwesen hat, geht es nun in rasanter Abfahrt in das ueppig-heisse Dushanbe auf rund 700 M.ue.M. hinunter, wo ich 10'000 Kilometer auf meinem Tacho zaehlen kann.















In Dushanbe treffe ich auf der Suche nach einer Unterkunft auf Garth, einem Amerikaner, der auf seinem Gary Fisher Mountain-Bike unterwegs ist. Wir kommen ins Gespraech und er bietet mir spontan an, bei seiner frueheren Arbeitgeberin, der Relief International, einer Hilfsorganisation, zu uebernachten. Er benachrichtigt seine italienischen Freunde von CESVI, einer italienischen NGO (=non governmental organization; Nicht-Regierungs-Organisation). Anna, Matteo, Diletta und Isabella, die sich untereinander liebevoll Mamma, Papa, Junior und Senior nennen, nehmen mich in ihrem grossen Haus herzlich auf. Das "welcome loosers"-Plakat im Hof ist an die franzoesischen Kollegen gerichtet. Endlich kann ich wieder italienischen Kaffee, Salami, colonnata-Speck, gute Pasta und Rai geniessen. Doch nicht allzu lange, denn dieses Mal plagt mich ein heftiger Duennpfiff, sodass ich meine Weiterreise verschieben muss. Als Trost erhalte ich von der chinesischen Botschaft ohne Federlesens ein Dreimonatsvisum, das mir hoffentlich eine von Visaverlaengerungs-Geschichten unbekuemmerte Reise durch Tibet bescheren wird.















Die italienischen Freunde stellen mir schliesslich Seb(astian) Eugster vom DEZA (Direktion fuer Entwicklung und Zusammenarbeit) und seine Frau Monique vor, die uns und zwei weiteren Tourenfahrern zu einem gemuetlichen Znacht einladen. Und welch eine Freude: es gibt schweineechte Kloepfer zum Essen, von denen ich vor Tagen nur trauemen konnte.

Aufgrund der grossen Mitarbeiterschaft der unzaehligen NGO's in Dushanbe findet man hier, man mag es fast nicht glauben, Supermaerkte, in denen man Marmelada de ciruelas aus Burgos, deutschen Bio-Fencheltee, Barilla-Pesto alla Ricotta e nocciole und die original Kinder-Ueberraschungen kaufen kann. Natuerlich zu westlichen Preisen, unerreichbar fuer die grosse Mehrheit der Tadjiken. Im Salsa Restaurant, in welchem die Gaeste fast ausschliesslich englisch, deutsch, franzoesich oder italienisch sprechen, kann man schliesslich ecuadorianische, mexikanische oder italienische Spezialitaeten probieren. Die Beschreibung im lonely planet (To find it look for the line of 4WDs owned by aid workers lunching on expense accounts and decrying the poverty) gefaellt meinen italienischen Gastgebern zwar nicht, hat aber etwas fuer sich.